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Notizen zur Zeit.`S ist – wieder – Krieg. Von W.K.Nordenham

22. Januar 2015 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit

Aus aktuellem Anlass erscheint hier das berühmte Gedicht von Matthias Claudius, dessen Todestag sich zum zweihundertsten Male jährt. Dazu ein congenialer Originaltext  Jean Paul Richters, den zuerst Karl Kraus in der Fackel abgedruckt hat .

`S ist Krieg. Von Matthias Claudius

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!
O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
‘s ist leider Krieg –
und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

 

Levana oder Erziehlehre – Kapitel 44

Aber wie soll nun ein junger Fürst die glänzende Gestalt des Kriegs – dieses Höllenflusses, der die lebendige Erde umgürtet, und die tote innere bevölkert – auf der schwarzen Seite zu sehen bekommen? Denn wahrlich nötig ists, besonders für Deutschland, das immer mehr der Hyde-Park und das Holz von Boulogne wird, wohin Europa sich bestellt, wenn es sich schlagen will. Werden Sie ihm den Chorfluch aller Weisen und Dichter auf den Krieg, das letzte Gespenst und wilde Heer aus der Barbarei, hören lassen? Werden Sie gleich mir eine Friedenpredigt vor dem Kriege an den Fürsten, der eben den Brandbrief zum Kriegsfeuer hinwerfen will, etwa so halten: »Bedenk es, ein Schritt über dein Grenzwappen verwandelt zwei Reiche, hinter dir verzerrt sich deines – vor dir das fremde. – Ein Erdbeben wohnt und arbeitet dann unter beiden fort – alle alte Rechtsgebäude, alle Richterstühle stürzen, Höhen und Tiefen werden ineinander verkehrt. – Ein jüngster Tag voll auferstehender Sünder und voll fallender Sterne, ein Weltgericht des Teufels, wo die Leiber die Geister richten, die Faustkraft das Herz. Bedenk es, Fürst! Jeder Soldat wird in diesem Reich der Gesetzlosigkeit dein gekrönter Bruder auf fremdem Boden mit Richtschwert, aber ohne Waage und gebeut unumschränkter als du; jeder feindliche Packknecht ist dein Fürst und Richter, mit Kette und Beil für dich in der Hand! – Nur die Willkür der Faust und des Zufalls sitzt auf dem Doppel-Throne des Gewissens und Lichts. – Zwei Völker sind halb in Sklavenhändler, halb in Sklaven verkehrt, unordentlich durcheinander gemischt. – Für höhere Wesen ist das Menschenreich ein gesetz- und gewissenloses, taubblindes Tier- und Maschinenreich geworden, das raubt, frisst, schlägt, blutet und stirbt. – Immerhin sei du gerecht, du lässest doch durch die erste Manifestzeile wie durch ein Erdbeben die gefesselte Ungerechtigkeit aus ihren Kerkern los! Auch ist ja die Willkür so hergebracht groß, dass dir kleinere Misshandlungen gar nicht, und große nur durch ihre Wiederholung vor die Ohren kommen. Denn die Erlaubnis, zugleich zu töten und zu beerben, schließt jede kleinere in sich. Sogar der waffenlose Bürger tönt in die Misse- und Schrei-Töne ein, vertauschend alle Lebens-Plane gegen Minuten-Genuss und ungesetzliche Freiheit und von den befreundeten Kriegern als ein halber, von den anfeindenden als ein ganzer Feind behandelt und aufgereizt. Dies bedenke, Fürst, bevor du in die Heuschreckenwolke des Kriegs alles dein Licht verhüllst und in dein bisher so treu verwaltetes Land alle Krieger eines fremden zu Obrigkeiten und Henkern einsetzest, oder deine Krieger ebenso ins fremde!«

Nachwort

Den Text von Jean Paul hat Karl Kraus gefunden, das Gedicht von Matthias Claudius ist Vermächtnis meiner Schulzeit.  Es gibt so gute Berater des Wortes!  Würden die Wahnsinnigen im Glauben ihre Gottes-Texte  begreifen,  in denen unentwegt von Barmherzigkeit die Rede ist, wie könnten sie noch den Götzendienst ihrer Mordtaten ableisten? Da fehlt ein 18. Jahrhundert der Aufklärung.  Denn vor der französischen Revolution wäre es einem wiederkehrten Jesus in christlichen Abendland wohl wie in Dostojewskis  Großinquisitor ergangen und ob die Islamisten heutzutage dem Propheten  folgen würden, wage ich schon deshalb zu bezweifeln, weil auch ich im Q´uran nichts finde, was deren Untaten begründete geschweige denn rechtfertigte. Was sie als Menschen gegen den Mitmenschen niemals anfingen zu tun, im missbrauchten Namen Gottes vollbringen sie es. Nehmt also und lest! Würden die Mächtigen der Welt von  Bush bis Bundestag, von Poroschenko bis Putin  richtig lesen,  Gelesenes also bedenken, wieviel Leid für die Menschen wäre vermieden?  Wieviel posttraumatische Belastungssyndrome blieben Opfern und auch Tätern erspart, denen, die überlebten? Wie kann es geschehen, dass ein alkoholdebiler Pseudochrist im  21. Jahhundert in die Lage versetzt wird, die Völker in zwei irrwitzige Kriege zu stürzen, ohne ein anderes Ergebnis erwarten zu dürfen als ein nicht enden wollendes Chaos? Es stand geschrieben und war ausgesprochen. Einfache Nachweise  gefällig ?

Vor längerer Zeit las ich den Bericht eines deutschen Arztes über seinen Aufenthalt in Afghanistan im Jahre 1924. Alles kommt einem bekannt vor in seinem Bericht. Auch eine Art „Karsai“ gab es seinerzeit, ebenso die gegnerischen Fanatiker.  Allein, die besitzen heute dazu die Macht der Waffen, aber immer noch zu wenig Schulen. Jahrzehnte Krieg und kein Ergebnis außer Leid. Am Hindukusch wird nicht die Freiheit verteidigt, sondern die Hybris des Westens befriedigt. Vor dem zweiten Irakkrieg erklärte mir ein palästinensischer Arzt und Kenner des Irak, dass die Amerikaner „ ihr blaues Wunder“ erleben würden, wenn sie Saddam Hussein einfach absetzten. Er verwies auf die besondere Situation dieses Landes, die künstlich gezogenen Grenzen, die außerordentlichen Unterschiede der Stämme und Glaubensrichtungen. Er beschrieb dies als gängige Meinung in seinen Kreisen. Der Forscher  Heinrich Barth war vor über 150 Jahren in Afrika zum Niger unterwegs. Ernste Schwierigkeiten hatte er nur  im Norden mit strengstgläubigen Muslimen, in der Region  Bornu. Das heißt jetzt Borno und liegt genau dort, wo die Boko haram-Mordbuben ihr Unwesen treiben. Seit Barths Zeiten hat sich mangels Bildung nichts verändert. Als kenntnisreicher Journalist antwortete Peter Scholl-Latour auf die Frage nach einem möglichen arabischen Frühling in Syrien, dass es dort angesichts der Machtverhältnisse nur zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Dessen Ende ist aktuell nicht abzusehen. Derselbe nur Journalist Scholl-Latour, beschrieb in seinem Buch „Russland im Zangengriff“ das Szenario, welches zur Krim-Besetzung und in den wahnwitzigen Ukrainekrieg führte, der erst am Anfang steht. Wozu braucht es eigentlich die unzähligen Geheimdienste und Berater, die nichts bewirkten außer Massentod, Guantanamo, Waterboarding, IS und Bürgerkriege in Syrien und der Ukraine? Von unzähligen anderen Untaten, auch jenen durch wörtliches „Nichttun“,  gänzlich zu schweigen. Ein Westerwelle sitzt auf dem Maidan, statt mit Putin zu sprechen. Man hört dem Gegenüber nicht mehr zu, man sieht nicht die Zeichen, man hört nur sich und auf sich.  Allenthalben sind die  Zauberlehrlinge am Werk. Oder handelt es sich um eine perfide Form von  „Divide et impera“ ? Wie Karl Kraus für seine Zeit feststellte, so ist auch aktuell ein Politiker, angesichts dessen die Probleme klein erschienen, nicht in Sicht. Ich wäre mit einem „kleiner“ zufrieden.  Wie sagten die Alten? Was Du auch tust, handele klug und beachte Folgen. Bildung statt Bomben, das wärs!

W.K. Nordenham