Sein oder Design ist nicht mehr Frage, sondern schon Antwort. So schafft die entstellteste Menschheit das höchste Bruttosozialprodukt.

Was ich will, ist, dass die Presse aufhöre zu sein – Kraus und der Journalismus. Von Richard Schuberth

12. Oktober 2013 | Kategorie: Artikel, Richard Schuberth

Richard Alexander Schuberth ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Was ich will, ist, dass die Presse aufhöre zu sein – Kraus und der Journalismus

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 4

Du brauchst nicht mehr zu wissen noch zu denken,
Ein Tagblatt denkt für dich nach deiner Wahl.
Die Weisheit statt zu kaufen steht zu schenken,
Zu kaufen brauchst du nichts als das Journal.

Franz Grillparzer (aus Dem internationalen Preßkongreß)

Richard Schuberth  05.03.2006

Auf dem Höhepunkt des bürgerlichen Zeitalters, in der Periode zwischen 1848 und 1914, profiliert sich die Zeitung als Medium der Emanzipation und Bildung. Feuilletonisten und Leitartikler machen den seit der Aufklärung heroisierten Dichtern und Denkern Konkurrenz. Besonders die Ästhetizisten als Künder des ewig Wahren und Schönen wehren sich gegen die Anmaßungen des täglich neu gedruckten und weggeworfenen Worts. Hugo von Hofmannsthal z. B. gefällt es gar nicht, dass auf den elendsten Zeilenschreiber etwas vom Glanz der Dichterschaft abfällt. Dem hätte Karl Kraus wohl zugestimmt und von Hofmannsthal und seinesgleichen gleich den Glanz mit runterpoliert.

Dass Karl Kraus in der Journaille, wie er das journalistische Gewerbe nannte, seinen Hauptfeind bekämpfte, ist beinahe eine Untertreibung. Mehr noch war die 1899 gegründete Fackel die unversöhnliche Antithese zur Presse schlechthin, in ihrem Titel schon leuchtet die Doppelbedeutung von Erhellung und Brandlegung auf, jener Productivkraft schöpferischer Zerstörarbeit, deren deklariertes Ziel die Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes war.

Karl Kraus kannte die Produktionsbedingungen des bürgerlichen Journalismus gut genug, schrieb er doch seit 1892 selbst für die damals wichtigste meinungsbildende Kraft Mitteleuropas, die Neue Freie Presse sowie in der Wochenschrift Die Wage. Als das Gerücht, der begabte junge Autor wolle eine eigene Zeitschrift gründen, auch in die Redaktion der Neuen Freien Presse drang, wollte die ihn als Redakteur an sich binden. Karl Kraus Selbstbewusstsein war indessen stark genug für die Gewissheit, dass er nicht reif für die NFP sei, sondern diese reif für ihn. Er gründete 1899 die Fackel und formulierte  bereits in der Nullnummer sein Programm: kein tönendes Was wir bringen, aber ein ehrliches Was wir umbringen hat sie sich als Leitwort gewählt.

beim Morgenkaffee plötzlich Daliegendes

Kraus Kampf gegen den Journalismus ist ein vielschichtiges Unternehmen und es bedarf profunden Studiums, bis sich einem die disparaten Elemente seiner Kritik als schlüssiges Ganzes offenbaren. Seine Pressekritik beherbergt sprach- und moralkritische, politische, ökonomische und medienphilosophische Aspekte. Diese aber sind so klug ineinander verzahnt, dass jeder Versuch ihrer analytischen Trennung von ihrem Verständnis wegführte. Hier nur der Anflug eines Versuchs, Eckpunkte eines Lebenswerkes zu skizzieren.

Der Sprachverfall ist zugleich Ursache, Folge und Symptom all dessen, was Kraus verabscheut und apokalyptisch überhöht, die Presse sein Brennglas.

Zunächst ist Kraus nur daran gelegen, den Schuster bei seinem Leisten bleiben zu lassen. Als sachlicher Informationsdienst ist ihm die Zeitung durchaus willkommen, eine knappe unprätentiöse Sprache sogar literarisch inspirierend. Störend wird der Journalismus erst, wenn er sich mit dem Anspruch von Objektivität und schlimmer noch als Meinungsbildner zwischen den denkenden Menschen und die Wirklichkeit stellt, und ihm die Möglichkeit autonomer Reflexion durch die Fütterung mit dem selbstgerechten Meinungsbrei des Leitartikels abnimmt.

Mit selten einfühlsamer Pädagogik fordert Kraus den Leser zur Mündigkeit auf: Freundlicher Leser! Der du noch immer die Zeitung für ein von geheimnisvoller Macht Erschaffenes, aus pythischem Munde Weisheit Kündendes, beim Morgenkaffee plötzlich Daliegendes hältst, der du vom Offenbarungsschauer dich angewehet und der Ewigkeit näher fühlst, wenn Löwy oder Müller im Wir-Ton leitartikeln , werde misstrauisch, und einer von Druckerschwärze fast schon zerfressenen Kultur winkt die Errettung. Lasse den Zeitungsmenschen als Nachrichtenbringer und kommerziellen Vermittler sich ausleben, aber peitsche ihm den frechen Wahn aus, dass er berufen sei, geistigen Werten die Sanction zu erteilen. Nimm das gedruckte nicht ehrfürchtig für baare Münze! Denn deine Heiligen haben zuvor für das gedruckte Wort baare Münze genommen.

Schon früh läutet Kraus eine Revolution in der Medienkritik ein. Beschränkte sich diese vor ihm zumeist auf Bildungsdünkel oder Entsetzen über die Verflachung der Sprache, so wirft Kraus sein satirisches Schlaglicht auf die politischen und ökonomischen Bedingungen der Wirklichkeitsproduktion. Und findet seinen Erzfeind nicht in den Pöbelblättern der Deutschnationalen, sondern im vorgeblich kleineren Übel, der liberalen, fortschrittlichen Neuen Freien Presse.

Den Schlüssel zur Heuchelei der interesselosen Meinungs- und Faktenfabrikation findet Kraus in den üppigen Inseratenteilen der Zeitungen. Sein Zeitgenosse, der Nationalökonom Karl Bücher definierte die moderne Zeitung als Erwerbsunternehmen, das Annoncenraum als Ware verkauft, die nur durch einen redaktionellen Teil verkäuflich wird. Diese scharfsinnige Spitze mag heute nicht mehr stechen, so selbstverständlich ist die Verabsolutierung kapitalistischer Marktprinzipien geworden.

Auch der Arbeiter Zeitung, der er zwischen Wohlwollen und Distanz verbunden blieb, rechnete Kraus früh die Widersprüche zwischen Absicht und Tat auf:

Aufsehen erregt haben seinerzeit die Artikel der Arbeiter-Zeitung über die Mordschiffe der Donau-Dampfschiffahrt-Gesellschaft durch die Kühnheit ihrer Sprache. Seit damals Herbst 1898 erscheinen statt der Mordschiffe in kleinen Intervallen Mordsinserate der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft. () Die Mordschiffe werden allerdings nicht angegriffen; sie sind zwei Jahre älter geworden. Und zeigte mit dieser Sentenz, wie brillant sich das als seicht verschriene satirische Mittel des Kalauers mit einer Sache gegen eine Sache rüsten ließ.

Kraus ging jedoch einen bedeutenden Schritt weiter und wurde nicht müde nachzuweisen, dass der redaktionelle Teil selbst geheimer Umschlagplatz der Warenform ist. Nicht nur dem heuchlerischen Nebeneinander von Geist und Kommerz gilt seine Kritik, sondern der schleichenden Kommerzialisierung des Geistes, die er am Sprachgebrauch diagnostiziert.

Die Presse als Bote, Partei und Ereignis

Damals wie heute wirkt Kraus Totalisierung des Pressunwesens, ihre Hypostase zur Hauptursache aller gesellschaftlichen Übel, als überspannt, gerade so, als hätte sich ein narzisstischer Kritiker eine freie Nische gefunden, deren Bedeutung er zur Überhöhung der eigenen überhöhen muss.

Wohl ist er sich bewusst, wo die Basis, wo der Überbau ist: Ich habe die Presse nie als Ursache, sondern immer nur als Wirkung verklagt. () Ich weiß schon, dass die Nässe nicht am Regen schuld ist; aber sie informiert mich darüber, dass es regnet.

Und doch bildet die Nässe Dunst, der aufsteigt, um zu neuen Regenwolken sich zu ballen. Im Frühjahr 1908 nennt der konservative Abgeordnete Gröber die anwesenden Journalisten im deutschen Reichstag Saubengels. Aus Protest stellen diese die Berichterstattung über den Reichstag ein, was die vorübergehende Einstellung der parlamentarischen Tätigkeit zur Folge hat. Kraus dazu in der Fackel: Die Öffentlichkeit hat wieder einmal dazugelernt und weiß jetzt, dass die Weltgeschichte aufhören muss, wenn sichs die Staatsmänner mit den Stenographen verderben.

Bei Kraus Fehde mit der Presse verhält es sich wie bei den anderen Feldern seiner Kritik. Ganz dem Grundsatz gemäß, dass nur die Übertreibung der Realität gerecht wird, lässt ihn sein kritischer Geist, gerade dort, wo er am verschrobensten wirkt und durch keine Sache mehr gedeckt scheint, Mauern vor der Wahrnehmung einreißen, wofür die damalige Wissenschaft und Gesellschaftskritik der Methoden entbehrte. Als erster Mensch der Geschichte formuliert er Zusammenhänge, welche zum wesentlichen Topos der Medien- und Kulturkritik des 20. Jahrhunderts avancieren würden, ohne dass die es ihm je gedankt hätten. Karl Kraus kommt dem Prinzip der Substitution der Wirklichkeit durch die Medien auf die Schliche.

Seinen Zeitgenossen evident wird diese Macht spätestens durch die Rolle der Presse im I. Weltkrieg: Längst nicht mehr ist sie Vollzugsorgan politischer Macht, sondern lenkt die Ereignisse selbst kraft ihrer Deutungshegemonie.

Schon 1909, als ein gewisser Minister Aerenthal der bereits damals kriegsbegeisterten NFP durch den Historiker Friedjung Falschinformationen über eine Verschwörung Kroatiens mit Belgrad zuspielen lässt und somit einen Krieg gegen Serbien vom Zaun brechen will, erkennt Kraus die Omnipotenz der Presse als Wirklichkeitsmanipulator. Er verfolgt diesen Pfad bei der Berichterstattung über die Balkankriege und findet seine anfänglich polemische Position durch die Rolle der Presse im I. Weltkrieg bestätigt:

die Presse ein Bote? Nein, das Ereignis. Eine Rede? Nein, das Leben. Sie erhebt nicht nur den Anspruch, dass die wahren Ereignisse ihre Nachrichten über die Ereignisse seien, sie bewirkt auch diese unheimliche Identität, durch welche immer der Schein entsteht, dass Taten erst berichtet werden, ehe sie zu verrichten sind …

Hiermit nimmt Karl Kraus, der sich längst nicht auf Sprache beschränkt, sondern Photographie, Reklame und Film in sein Denken mit einbezieht, die größten Leistungen der späteren Kulturindustrie- und Medienkritik vorweg, wie Sigfried Kracauers Analyse der Photographie in den 20er Jahren etwa (In den Illustrierten sieht das Publikum die Welt, an deren Wahrnehmung es die Illustrierten hindern.), oder Günther Anders Analyse des Fernsehens (Am Anfang war die Sendung, für sie geschieht die Welt.) oder die schwachbrüstigere Medienkritik eines Marshal MacLuhan, weitschichtig auch die Simulakrentheorie von François Baudrillard.

Kraus contra Békessy, Thurnherr und Sperl

Nach dem Krieg sieht sich Kraus einem neuen Typus von Journaille gegenüber: In den Revolverblättern des Erpressers und Medientycoons Imre Békessy wird die idealistische Maske fallen gelassen, auf welche die NFP noch Wert legte, und der Prototyp des populistischen Boulevardjournalismus geschaffen, der auch heute noch den Zeitungsmarkt beherrscht. Die Dramaturgie des folgenden Kampfes nimmt jene des Westerns High Noon vorweg. Dass Békessy mit offenen Karten spielte, Korruption und Lüge als journalistisches Prinzip ehrlich zugab Niedertracht unter dem Vorwand der Niedertracht , mag den Dialektiker Kraus sogar amüsiert haben, ehe sich dieser wieder mit dem Ethiker zugesellte und mit den donnernden Worten Raus mit dem Schuft aus Wien! einem Schieberimperium, dem sich Kraus alte Feinde wie Felix Salten und Anton Kuh nur zu gerne andienten, den Krieg erklärte. Ein Krieg, den er völlig alleine führen würde. Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur Feiglinge. Zwei Jahre später, 1926, ergriff Békessy die Flucht nach Paris. Einer der wenigen Erfolge, den Satire je gezeitigt haben dürfte.

Wie sehr den Zeitungsintellektuellen unserer Tage die Angst vorm Fackelkraus im Nacken sitzt, beweist die magische Praxis des Zitats. Man zitiert Kraus, weil er nicht mehr lebt und damit er nicht mehr lebt. Der rituell-magische Charakter des Zitats funktioniert auf zwei Ebenen. Das Krauszitat lässt den Journalisten magisch an dessen geistiger Autorität teilhaben und dient zugleich als Schutzzauber. Wogegen? Gegen Kraus selbst, dessen Geist ja noch immer durch die Redaktionsstuben spuken und die eigenen Texte ihrer ganzen Dürftigkeit überführen könnte.

Die Frage indes, wie Karl Kraus sich zur heutigen Presselandschaft äußern würde, zählt selbst schon zu den automatisierten Phrasen des Feuilletons oder Impulsreferats. Sicher ist, dass er sich nicht mit Peanuts abgeben, sondern seine Kritik erst bei jenen so genannten Qualitätsblättern ansetzen würde, deren vorgebliches Niveau sich hierzulande aus der Distanz zur Kronen Zeitung ableitet. Die Chefredakteure, Leitartikler und Feuilletonisten von, Presse, Profil, besonders aber Standard und Falter, die sich aus Mangel an Alternativen den Lesern als das äußerst Mögliche an kritischem Geist aufdrängen, lebten in ständiger Angst und Hoffnung, dass sich die Privatwirtschaft ihrer erbarmte, wenn der Redakteurssessel zu heiß würde.

Richard Schuberth


Karl Kraus der Sozialismus III: Rosa Luxemburg . Von Richard Schuberth

17. Juni 2013 | Kategorie: Artikel, Richard Schuberth, Sozialismus

Richard Alexander Schuberth ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

 

Karl Kraus der Sozialismus III:                Rosa Luxemburg

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus (und Rosa Luxemburg), Teil 19

„Ich bin unzufrieden mit der Art, wie man in der Partei meistens die Artikel schreibt. Es ist alles so konventionell, so hölzern, so schablonenhaft. Das Wort eines Börne klingt jetzt wie aus einer anderen Welt. Ich weiß – die Welt ist ja eine andere und andere Zeiten wollen andere Lieder haben. Aber eben ‚Lieder’, unser Geschreibsel ist ja meistens kein Lied, sondern ein farbloses und klangloses Gesurr, wie der Ton eines Maschinenrades. Ich glaube, die Ursache liegt darin, dass die Leute beim Schreiben meistenteils vergessen, in sich tiefer zu greifen und die ganze Wichtigkeit und Wahrheit des Geschriebenen zu empfinden. Ich glaube, dass man jedes Mal, jeden Tag bei jedem Artikel wieder die Sache durchleben, durchfühlen muss, dann würden sich auch frische, vom Herzen und zum Herzen gehende Worte für die alte, bekannte Sache finden.“

Rosa Luxemburg in einem Brief an Robert Seidel

Die beiden kannten einander nicht persönlich. Sie warf von Zeit zu Zeit ein paar neugierige Blicke in sein Schaffen, nicht ohne das Gefühl der Überlegenheit eines marxistisch geschulten Geists gegenüber einer bürgerlichen Bürgerkritik, aber auch nicht ohne tiefen Respekt vor seiner menschlichen und sprachlichen Größe. Er indes erschauderte vor der menschlichen und sprachlichen Größe ihres marxistisch geschulten Geistes, nachdem er per Zufall, ein Jahr nach ihrem Tode, einen ihrer Briefe fand.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, soll als Liebesgeschichte erzählt werden – nicht weil sich Karl Kraus und Rosa Luxemburg wirklich geliebt haben, das war gar nicht nötig – sondern als Geschichte der Liebe zwischen geistigen Prinzipien, die die dingliche Welt durchdringen und sich von Zeit zu Zeit sprach- und denkmächtiger Menschen bedienen, um einander Liebesbotschaften zu schreiben.
Das Wort Sozialismus im Titel ist eine Irreführung. Ausnahmsweise soll dieses Mal weniger die Sphäre des Politischen behandelt werden, als jene persönliche und literarische, in der die Kommunistin Luxemburg und Kraus sich treffen, dem Politik, wie er bekannte, „bloß als Voraussetzung für ein Leben ohne sie beträchtlich“ war, was wiederum, wie sie ihn hätte lehren können, durchaus dem marxistischen Fernziel des „Absterbens des Staats“ entspräche.
Nicht unproblematisch ist das, besonders im Fall der kämpferischen Intellektuellen Luxemburg, deren privaten Briefe zu Ungunsten ihres theoretischen Werks die denkfaulen, aber gefühlsgierigen Rezipienten zum Kult um ihre Person verleiteten. Und es bestärkt die populäre Halbwahrheit, dass Kraus nie auf Theorie, sondern das Wirken von Tatmenschen vertraute, der Revolutionärin also, nicht der Revolution seine postume Wertschätzung galt, die sie sich dann sogar mit einem Dollfuß teilen musste, so wie sie sich schon Bismarck mit dessen sozialistischen Widersacher Wilhelm Liebknecht hatte teilen müssen.
Zu Recht fühlten die Theorien von den gesellschaftlichen Wirkkräften sich der idealistischen Überbewertung des Individuums überlegen, doch pochte stets in ihnen die Gefahr, in vorauseilendem Gehorsam die letzten unzerstörten Überreste tatsächlicher Persönlichkeit zu negieren. Sowohl Karl Kraus als auch Rosa Luxemburg hatten einen besonderen Riecher dafür, wenn unter dem Vorwand, dass das Sein das Bewusstsein zu bestimmen habe, jegliches Bewusstsein, welches aufs Sein hätte positiv zurückwirken können, erstickt wurde. Das Wissen um die soziale Determiniertheit der Person entlastet nicht von der Pflicht zur Persönlichkeit; die sich nicht etwa im charismatischen sozialistischen Führer zeigt, welcher in den Massen kaum andere Impulse entfesselt als der faschistische, sondern am Beispiel gelebter unkorrumpierbarer Individualität. Die Aparatschiks von einst wünschten einer solchen den Tod, die Intellektuellen von heute erklären diesen, aber nur, um sich die entspannte Gleichzeitigkeit von Kulturpessimismus, Spaß am Kitsch und einem gut bezahlten Posten in der Kulturindustrie oder anderswo nicht madig machen zu lassen.
Wie mit der Dialektik der Persönlichkeit, so verhält es sich mit jener von Humanität und Naturbeziehung. So überlegen sich rational reflektierende Gesellschaftskritik einer bloß moralischen zeigte, so sehr fiel jene hinter diese zurück – und kalter Zweckrationalität in die Hände, sobald sie sich ihres ethischen Fundaments enthob. Denn die berechtigte Kritik der Heulsusen wird nur zu oft von den Gefühlsarmen zur Denunziation der letzten Emotionsstarken benutzt. Desgleichen die begrüßenswerte Entlarvung von zivilisationsfeindlichem Ökologismus und eskapistischem Naturkitsch sich allzu leicht der Verdinglichung von Natur, auch der menschlichen unterwirft. Und Ergriffenheit etwa, die ein Sonnenuntergang auslöst, mit der Ergriffenheit, die ein Ölbild davon auslöst, gerne von jenen verwechselt wird, welche gar nichts mehr ergreift. Sentimentalität ist eine verdächtige Gefühlslage, doch das coole Prahlen mit Unsentimentalität um nichts besser, weil bloß das sich erfahrener dünkende Diapositiv dieser.
Zu ihrer Zeit gelang einzig Luxemburg und Kraus ein dialektisches Fortschreiten aus besagten Widersprüchen, weil sich beide nicht nur die rationalste und kaltschnäuzigste Kritik bürgerlicher Ideologie leisten konnten, ohne auf zartfühlende Humanität und Naturliebe zu verzichten, sondern sich das auch von niemandem als Widerspruch aufschwatzen ließen.
Rosa Luxemburg hatte es da als Frau besonders schwer. Zu schnell legte man ihre Emotionalität als die Rebellion ihrer femininen Seite gegen die angebliche Männlichkeit ihrer theoretischen und agitatorischen Arbeit aus. Nichts ist unsinniger! Gerade jenes Zartgefühl, das ihre Gefängnisbriefe beseelt, zeigt sich stets als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Stärke. Auch hier trifft sie sich mit Kraus, der nie auf die Idee gekommen wäre, seine Empathie für Menschen und Dinge als seine Anima, seine weibliche Seite, wahrzunehmen. „Ein ganzer Kerl“ zu sein, dürfte für beide eine geschlechtsneutrale Forderung gewesen sein. Einer Anekdote zufolge soll Rosa Luxemburg beim Lunch mit August Bebel und Karl Kautsky sich und Clara Zetkin als die letzten Männer der deutschen Sozialdemokratie bezeichnet haben.

… entehrt, im Blute watend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da


Mannigfaltig sind die Parallelen zwischen Kraus und Luxemburg. Beide wuchsen als deutsprachige Juden in slawischer Umgebung auf, er in Österreichisch-Böhmen, sie in Russisch-Polen. Beide erlebten früh die beginnende Nationalisierung der Bevölkerungen. Und beide glichen sie sich in sprachlichem Duktus, Ironie sowie ihrer begründeten Überheblichkeit. Sie hinkte von klein auf, er litt unter einer Rückgratverkrümmung. Dafür, dass er kaum Marx gelesen haben dürfte, verblüfft sein dialektischer Denkstil, dafür, dass sie Marxistin war, verblüfft ihre Schöngeistigkeit. Die Lösung findet sich in beider geistigen Wurzeln in der ersten bürgerlichen Moderne, der Aufklärung, als Ratio und Empfindung, Naturverehrung und Fortschrittsglaube noch ein Programm waren. Wie sehr hätte ihn aber beeindruckt, dass auch sie Goethe dem politischeren Schiller, Börne dem rebellischen Heine den Vorzug gab. Rosa Luxemburg lobte Kraus’ frühen sozialkritischen „Fackel“-Artikel, wovon er freilich nichts wusste. Eine erstaunliche Verbindung stellt sich auch durch ihre Einschätzung des seinerzeit als kritisches Gewissen Deutschlands gefeierten Publizisten Maximilian Harden her. Immerhin hatte Harden 1899 dem jungen Kraus den beinahe marxistischen Rat gegeben, sich in seiner Kritik mehr mit den ökonomischen Verhältnissen als korrupten Einzelpersonen und der Presse zu beschäftigen. Den gleichen Rat sowie eine präzise Polemik gegen Hardens Bildungshuberei, wie sie später Hauptbestandteil seiner eigenen Harden-Kritik werden sollte, hätte Kraus von R. Luxemburg bereits 1905 bekommen können, als er und Harden noch Freunde waren. Darin mokierte sie sich, wie dieser mit der Kenntnis der Völker des Zarenreichs prahlt („aus dem Brockhaus abgeschrieben“), um schließlich deren Demokratieunfähigkeit zu behaupten. „Es ist eigentlich recht merkwürdig, dass von der Höhe oder vielmehr von der Tiefe der bürgerlichen Dekadenz aus jeder Literatenbengel, an dem kein heiler Faden ist, sich berufen fühlt, über die Reife oder Unreife ganzer Völker letztinstanzliche Urteile zu fällen.“
Rosa Luxemburgs Kritik von Bürokratismus und Philistertum, speziell innerhalb der Sozialdemokratie, hätten Karl Kraus’ ungeteilte Zustimmung gefunden, ebenso ihr Engagement für den Arbeiteraktionismus, vor allem aber ihr unerbittlicher Antinationalismus und Pazifismus, der ihren Bruch mit der SPD besiegelte.
Das Erlebnis des Weltkriegs synchronisierte letztlich beider Auffassung und Sprachgewalt. Folgende Worte der Revolutionärin hätten ebenso von Kraus stammen können: „Geschändet, entehrt, im Blute watend, vor Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.“ Nach Kriegsende gründete Rosa Luxemburg gemeinsam mit Karl Liebknecht in Berlin den Spartakusbund, den Vorläufer der KPD. Jänner 1919 wurde sie von rechten Milizen gelyncht.

Brief einer Unsentimentalen


Ein Jahr nach ihrer Ermordung entdeckt Kraus in der „Arbeiter-Zeitung“ einen Brief, den R. Luxemburg aus dem Gefängnis an Sonja Liebknecht geschrieben hat. Sofort druckt er ihn in der „Fackel“ ab mit den Geleitworten: „Schmach und Schande jeder Republik, die dieses im deutschen Sprachgebrauch einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht (…) zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, dass der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde.“ Und nahm diesen als einen der wenigen zeitgenössischen Texte – zwischen Goethe und Claudius – in sein Lesetheater auf. In ihrem Brief beschreibt sie ein Erlebnis im Gefängnishof, wie ein zum „Kriegsdienst“ requirierter Büffel von einem Soldaten mit einem Stock malträtiert wird. Der Text ist neben seiner hohen dichterischen Qualität weit mehr als ein rührendes Dokument „weiblichen“ Mitgefühls mit dem erniedrigten „Tierbruder“, es enthüllt in lyrischem Ton die Ideologie von Naturunterdrückung, der Knechtung menschlicher wie nichtmenschlicher Natur. „Mit bösem Lächeln“ antwortet der Soldat der Aufseherin, die ihn zur Rede stellt: „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid.“ – Eine Fackel-Abonnentin, eine Innsbrucker Aristokratin, reagiert auf diesen Text mit ihrem anonymen „Brief einer Unsentimentalen“, in der sie ihre Verachtung gegenüber der „Volksaufwieglerin“, die besser „Wärterin in einem zoologischen Garten“ hätte werden sollen – „dann hätte sie gewiss keine Bekanntschaft mit Gewehrkolben gemacht“ – mit ihrem Spott über Luxemburgs Sorge um ein stumpfsinniges Nutztier verknüpft. Als ehemalige Gutsbesitzerin in Südungarn wüsste sie, dass die Viecher keine andere Sprache verstünden als Schläge …
Der Ekel, den dieser sich ihm anbiedernde Brief in Kraus hervorruft, eruptiert in einem dermaßen wuchtigen Einklang von Wut, stilistischer Brillanz und Gedankendichte, der „stärksten bürgerlichen Nachkriegsprosa“, als welche Walter Benjamin sie erkannte, dass Einzelzitate daraus eine Beleidigung der Gesamtkomposition darstellten. Es ist so, als würde Kraus dem Soldaten den Stock aus der Hand reißen und sowohl den Stier als auch die Revolutionärin an dieser „Megäre“, dieser „Bestie“, wie er sie nennt, und mit ihr an ihresgleichen und ihresgleichen Gesinnung rächen, und jeder Stockhieb lässt statt Blut Erkenntnis spritzen. Mit der dialektischen Progression des Gefängnisbriefs, dem der „Unsentimentalen“ und des Satirikers Antwort darauf, nehmen Luxemburg und Kraus – sie positiv, er negativ – die Verschränkung von Unmenschlichkeit und pragmatischer Rationalität in die Zange, und geben Lehrbeispiele für den Gleichklang von Ethos, Stil und Denken, die eigentlichen Protagonisten dieser Liebesgeschichte. Kraus’ Antwort auf die Unsentimentale markiert den endgültigen Bruch mit den Illusionen der Vorkriegszeit, zugleich seinen letzten großen Reifesprung. Und es war zweifellos Rosa Luxemburg, die ihm dazu verhalf.
Die lehrreichste und bezauberndste Analogie zwischen den beiden aber ist die Selbstverständlichkeit, mit dem in ihrer Wesen und Denken Natur mit Vernunft versöhnt ist. Das ästhetische Naturerlebnis war für sie, deren Negativität sich Utopismus verbat, der lebenslange Geheimpfad zurück in die Unbeschwertheit der Kindestage. Karl Kraus’ Erinnerungen werden wiederholt von Schmetterlingen umflattert. „Als ich zehn Jahre alt war, verkehrte ich auf den Wiesen von Weidlingau ausschließlich mit Admiralen. Ich kann sagen, dass es der stolzeste Umgang meines Lebens war. Auch Trauermantel, Tapfauenauge und Zitronenfalter machten einem das junge Leben farbig.“ Und traurig, doch zielsicher resümiert er: „Mit Fliegenprackern schlägt die Menschheit nach den Schmetterlingen. Wischt sich den farbigen Staub von den Fingern. Denn sie müssen rein sein, um Druckerschwärze anzurühren.“ Was die Schmetterlinge Karl Kraus bedeuteten, das waren für Rosa Luxemburg die Singvögel.
In einem Brief an eine Freundin verordnete sie: „Auf meiner Grabtafel dürfen nur zwei Silben stehen. Zwi-zwi. Das ist nämlich der Ruf der Kohlmeisen, die ich so gut nachmache, dass sie sofort herlaufen.“

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Karl Kraus antwortet der  unsensiblen Gräfin unter anderem mit dem überzeugendsten Argument für eine starke linke Kraft, das je in solcher Prägnanz formuliert wurde, zur Mahnung an alle saturierten Konservativwähler, Sesselsitzer und Finanzjongleure :

Was ich meine, ist — und da will ich einmal mit dieser entmenschten Brut von Guts- und Blutsbesitzern und deren Anhang, da will ich mit ihnen, weil sie ja nicht deutsch verstehen und aus meinen »Widersprüchen« auf meine wahre Ansicht nicht schließen können, einmal deutsch reden, nämlich weil ich den Weltkrieg für eine unmissdeutbare Tatsache halte und die Zeit, die das Menschenleben auf einen Dreckhaufen reduziert hat, für eine unerbittliche Scheidewand — was ich meine, ist: Der Kommunismus als Realität ist nur das Widerspiel ihrer eigenen lebensschänderischen Ideologie, immerhin von Gnaden eines reineren ideellen Ursprungs, ein vertracktes Gegenmittel zum reineren ideellen Zweck — der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung über den Häuptern jener, so da Güter besitzen und alle andern zu deren Bewahrung und mit dem Trost, dass das Leben der Güter höchstes nicht sei, an die Fronten des Hungers und der vaterländischen Ehre treiben möchten. Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weiß vor Frechheit, nicht   noch   frecher  werde,      d a m i t         d i e        G e s e l l s c h a f t     d e r     a  u  s  s  c  h l i e ß l i c h       G e n u s s –        b e r e c h t i g t e n ,  d i e    d a    g l a u b t ,   d a s s    d i e    i h r    b o t –  m ä ß i g e   M e n s c h h e i t   g e n u g    d e r   L i e b e    h a b e ,            w e n n   s i e   v o n    i h n e n     d i e   S y p h i l i s   b e k o m m t ,           w e n i g s t e n s   d o c h  a u c h   m i t    e i n e m    A l p d r u c k             z u   B e t t e   g e h e !     D a m i t    i h n e n   w e n i g s t e n s   d i e          L u s t    v e r g e h e ,  i h r e n    O p f e r n   M o r a l   z u   p r e d i g e n,   u n d   d e r    H u m o r ,   ü b e r   s i e   W i t z e   z u   m a c h e n !

 

Siehe auch unter :  Rosa Luxemburg

 

 

 



Karl Kraus und der Sozialismus I: Die Sozialdemokraten. Von Richard Schuberth

17. Mai 2013 | Kategorie: Artikel, Richard Schuberth, Sozialismus

Richard Alexander Schuberth ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
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ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Karl Kraus und der Sozialismus I: Die Sozialdemokraten

Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus, Teil 18

„Nur die Krawatte, die Krawatte mit den wimmelnden weißen Bohnen, die den Blick förmlich faszinieren! – So eine Krawatte ist ein Scheidungsgrund.“

Rosa Luxemburg über Karl Kautsky, um 1900

„Jede Annäherung an die Parteibande hinterlässt in mir ein derartiges Unbehagen, dass ich mir jedes Mal danach vornehme: drei Seemeilen weiter vom tiefsten Stand der Ebbe! (…) Nach jedem Zusammensein mit ihnen wittere ich so viel Schmutz, sehe so viel Charakterschwäche, Erbärmlichkeit etc., dass ich zurückeile in mein Mauseloch.“

Rosa Luxemburg, um 1900

„In welcher Fabrik der Atem hergestellt wird, der die Sozialdemokratie am Leben erhält, ist ihr Parteigeheimnis. Sie ist lebendig gewordene Langeweile, der organisierte Aufschub, unterbrochen von Inseraten der Bourgeoisie und den meinem Sprachschatz entnommenen Witzen über dieselbe. (…) Sie ist in keinem Geist zuhause – sie geht uns nichts mehr an.“

Karl Kraus, 1932

Die Frage, wie links oder rechts, wie progressiv oder reaktionär Karl Kraus war, lässt sich schwer beantworten, denn so er überhaupt ein Programm verfolgte, dann das, alle die nach seiner Farbe fahndeten, konsequent vor den Kopf zu stoßen. Ein Schleichpfad jedoch zum Begreifen seines politischen Bewusstseins führt über sein Verhältnis zur Sozialdemokratie. Zu keiner politischen Kraft hatte sich Kraus expliziter geäußert, zu keiner war er in wechselhafterem Verhältnis gestanden.
Die ersten Jahrgänge der „Fackel“ sind noch von erwartungsvollem Wohlwollen für die junge Sozialdemokratie gekennzeichnet. Darin flankiert Karl Kraus deren Bestrebungen auch noch mit sozial engagierten Artikeln, z. B. gegen die Ausbeutung der Minenarbeiter in Schlesien, die ihm das Lob Rosa Luxemburgs eintragen. Als Kraus die Redaktion der „Arbeiter-Zeitung“ kritisiert, Annoncen der Privatwirtschaft abzudrucken – August Bebel hatte nicht lange zuvor den Parteiausschluss solcher Redakteure verlangt –, erteilt ihm der von ihm geschätzte Viktor Adler einen Rüffel, der eine Tradition sozialdemokratischer Kritikabwehr initiiert, die bis in die Gegenwart fortwirkt: Wann immer Karl Kraus die Sozialdemokratie von links kritisierte, will heißen, an ihren eigenen Ansprüchen maß, würde diese einen Parteiintellektuellen ins Feld schicken, der ihm vorwirft, ein bourgeoiser Gefühlssozialist zu sein, von Theorie keine Ahnung zu haben und mit seiner Sprach-, Presse- und Kunstkritik lediglich im gesellschaftlichen Überbau herumzuirren. In den 20er Jahren übernimmt Oscar Pollack diese Aufgabe, und Mitte der 70er Jahre rächt sich die Sozialdemokratie für die Wahrheiten, die ihr Kraus eintätowiert hatte und immer noch unter ihrer Haut brennen, durch das ambitionierte Werk eines jungen Politologen. Alfred Pfabigans Buch „Karl Kraus und der Sozialismus“, erschienen im ÖGB-eigenen Europa Verlag, versteht sich als linke Kritik des „Fackel“-Herausgebers, enthält viel Wahres, strotzt vor Verkürzungen, und beruht auf dem Missverständnis vieler Krausverehrer, das Objekt ihrer Verehrung für einen Sozialisten zu halten. Ein Missverständnis, dass weniger Kraus’ Unkenntnis marxistischer Theorie als die seiner sozialistisch gesinnten Anhänger bekundet. Bereits 1909 wusste der Sozialist Robert Scheu in seiner Festschrift zum 10-jährigen Bestehen der „Fackel“: „Er ist kein Sozialdemokrat, kein Anarchist, aber am allerwenigsten Bourgeois.“
Folgende Worte Kraus’ schallen all die 37 Jahre, die die Fackel bestand, als Kampfruf mit unverminderter Lautstärke (selbst wenn sie erst 1923 formuliert wurden): „Ich, der allem Missverstand zum Trotz weit von jeder Möglichkeit steht, es mit einer Partei zu halten, aber nie vor der Gefahr, um nicht für einen Politiker zu gelten, die Partei der Menschlichkeit zu verlassen, behaupte in diesen Dingen doch den einen unverrückbaren Standpunkt, das Bürgertum in allen Gestalten und in seinem ganzen Ausdruck in Presse und Staatsleben mit einem Hasse zu hassen, der ihm durch Generationen anhaften wird.“
Anders als die liberale Presse, die es nicht zu verbessern, sondern zu vernichten galt, hatte er in der „Inseratenaffäre“ die „Arbeiter-Zeitung“ mit besorgter Anteilnahme zur Einstellung dieser bürgerlichen Praxis gemahnt. Seit Viktor Adlers Polemik distanzierte sich Kraus von der Partei, für die er fortan, zum Zeitpunkt seiner Hinwendung von „Gesellschaftskritik zur Kulturkritik“ (R. Scheu) nur noch Spott übrig haben würde. So folgte eine Phase in seinem Schaffen, die Pfabigan und andere lediglich mit Ästhetizismus, Elitarismus, Antidemokratismus sowie Hang zu Reaktion und Aristokratie zu assoziieren wissen. Wie eigenartig nimmt sich da ein Artikel des Eisenbahnergewerkschaftsblatts „Verkehrs-Zeitung“ aus dem Jahr 1910 aus, den Karl Kraus vollständig in der „Fackel“ abdruckte, von Pfabigan jedoch mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird. Dessen Autoren geben im Grunde Karl Kraus’ elementare Kritik der Parteileitung späterer Jahre wieder, die sich keineswegs nur auf deren kulturelle Verbürgerlichung beschränken, sondern durchaus ihre politische Praxis ins Visier nehmen würde. „Die Logik der Sozialdemokratie“, konstatieren sie, „wird immer famoser, immer befremdender für gewöhnliche Arbeiter. Die Logik der Sozialdemokratie wird immer mehr die Logik der Verwaltungsratsliberalen und der Geldmännercliquen.“ So kritisieren die Autoren unter anderem, dass Viktor Adler „ nicht durch Streiks und Gewerkschaftstätigkeit (…) für den Metallarbeiter höhere Löhne erzielen“ wolle, „sondern einzig und allein durch Bittgänge für die Industriellen“. Der Artikel endet mit einem Aufruf, der sich mit Kraus’ Intentionen gedeckt haben dürfte: „Das alles gefällt selbst den Folgsamsten unter den Sozialdemokraten nicht mehr. Mögen diese stutzig gewordenen Leute auf die Stimmen im Innern hören lernen. Wir wollen hoffen, dass diese Leute wieder Sozialisten werden, wirklich freie Gewerkschaftler, welche (…) bei den Worten ‚parlamentarische Intervention’, ‚einflussreiche Tagespresse’ und ‚große politische Partei’ einfach ausspucken.“

Hühneraugenoperation an Krebskranken

Auch Karl Kraus sparte nicht mit radikalen Breitseiten, die marxistische Opportunismus- und Revisionismuskritik zu überdonnern schienen, wenn er zum Beispiel schrieb, dass „Sozialpolitik der verzweifelte Entschluss“ sei, „an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.“ – oder aber im Ton Jack London’scher Kraftmeierei feststellte, dass es „… auf Erden unter allen Lebewesen, die sich nach rechts und links zugleich krümmen können, nebst dem Regenwurm nichts annähernd so Erbärmliches wie einen Rechtssozialisten gebe“. Doch wusste er nur zu gut, wovon er da schrieb. Bereits am Vorabend des I. Weltkriegs war die europäische Sozialdemokratie dem nationalistischen Taumel erlegen – einzig der französische Sozialistenchef Jean Jaurès bildete eine rühmliche Ausnahme, die er mit dem Leben bezahlen musste. Die österreichischen Sozialdemokraten revidierten ihre anfängliche Kriegsbegeisterung und reiften zur neben Kraus einzigen pazifistischen und oppositionellen Kraft innerhalb der Habsburger-Monarchie. Aus dem Zweckbündnis wurde wechselseitige Sympathie, zur Liebe aber reichte es nie. Auf den Trümmern der Habsburgermonarchie agitierte Karl Kraus, der es weiter vorzog, als kritische Instanz „parteimäßig unverschnitten“ zu bleiben, nun eifrig für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), rief zweimal zu ihrer Wahl auf, führte ihr viele junge bürgerliche Intellektuelle zu und fand in den Arbeitern Wiens sein bislang enthusiastischstes Publikum. Die Sympathie für die Proletarier sollte ihm bleiben, jene für die Partei sich jedoch alsbald in wechselseitige Aggression auflösen. Kraus’ Popularität bei den Arbeitern und vielen linken Intellektuellen war der Parteibürokratie ein Dorn im Auge. Die Vorwürfe ihrer Funktionäre (wie Oscar Pollak) lassen sich in der hier gebotenen Kürze darauf reduzieren, Kraus sei ein unmarxistischer bürgerlicher Individualist, worauf dieser konterte, sie seien weder individualistisch noch marxistisch, dafür aber bürgerlich, kleinbürgerlich sogar. Am übelsten nahm ihnen Kraus, die Arbeiterschaft – per Eintrittskartenermäßigung – zum Konsum der verhassten bürgerlichen Populärkultur zu animieren, deren Überwindung, wie in der jungen UdSSR, ihr Ziel hätte sein sollen. „Aber ehe Sie mit dem vorliebnehmen, was aus den Garküchen des bürgerlichen Geschmacks Ihnen gegönnt wird und was Sie schmecken müssen, wenn die verwöhnteren Kostgänger nicht mehr zusprechen wollen – sollen Sie lieber zum Hungerstreik entschlossen sein!“
Und Sie sollen getrost glauben, dass sogar in der Kneipe der Lebensgenüsse Ihre Menschenwürde besser bewahrt bleibe als beim Fusel der neuzeitlichen Operette! Nein, ich könnte darin kein Kennzeichen revolutionärer Gesinnung erblicken, dass man Sie animiert, an den Zerstreuungen der Bourgeoisie teilzunehmen, sich mit den Todfeinden im Gelächter über deren Hanswurste zu begegnen und im Einverständnis der Zoten, mit denen jene, für einen Abend Freigelassene ihrer Heuchelei, die Knechtschaft ihres Geschlechtslebens begrinsen.“
1926 war Kraus, vor allem nachdem sie ihn im Kampf gegen den kriminellen Medientycoon Békessy im Stich gelassen hatte, fertig mit der SDAP. Als aber am 15. Juli 1927 Sicherheitskräfte auf Befehl des Polizeipräsidenten Schober, im Laufe einer spontanen Demonstration gegen den Freispruch der Mörder von Schattendorf, 84 Demonstranten töteten und über tausend verletzten, sistierte Kraus seinen Bruch mit der Partei und nahm für kurze Zeit noch deren Assistenz im leidenschaftlich geführten Kampf gegen den „Arbeitermörder“ Schober in Anspruch.
Danach würde, gemäß der kritischen Krausforschung, die Phase folgen, in der Karl Kraus wieder zum Reaktionär, ja zum Austrofaschisten wurde, was alle seine linken Verbalradikalismen rückwirkend entwertete, wäre da nicht jene berühmte Rede unter dem Titel „Hüben wie Drüben“ aus dem Jahr 1932, die er der SPDA, jener „staatlich konzessionierten Anstalt für Verbrauch revolutionärer Energien“ als Abschiedsgeschenk hinterließ und deren starke Echos noch immer unerträglich durch die Parteibüros der SPÖ hallen müssten. Seine Kritik der Verbürgerlichung der Partei wurde darin ein letztes Mal an Intensität gesteigert, nun aber durch seine spezifische Variante der Sozialfaschismusthese ergänzt: Die Sozialdemokraten – so Kraus – trügen Mitschuld am Siegeszug des Nationalsozialismus. Dass sie seit 1919 immer wieder den Anschluss an Deutschland als einen weiteren Schritt in Richtung Internationalismus anstrebten, wertete Kraus als Selbstbetrug – „… doch Schicksalsgemeinschaft ist eine nationale Phrase, denn als sozialer Gedanke müsste sie ganz ebenso die österreichische und die französische Arbeiterklasse vereinen.“
Ganz gleich, ob Kraus ein „romantischer Sozialist“ (Ernst Fischer) war oder den „Sozialismus des Kavaliers“ (Ernst Bloch) pflegte, wenn sich die Linke dem Antisemitismus, jenem „Sozialismus der dummen Kerle“, als den ihn August Bebel bezeichnet hatte, oder dem Nationalstolz annäherte, wenn also Marx „Turnunterricht bei Vater Jahn“ nahm, bekannte er nicht nur Persönlichkeit, sondern Farbe. Und mit kräftigen Farben malte er sein Bild von einer Sozialdemokratie, welche ihre Resignation vor den Kapitalinteressen durch kleinbürgerliche Vereinsmeierei, bürokratischen Korpsgeist, allerhand Wimpeln, Fahnen und Arbeiterfolklore kompensiere, die nahtlos in die echte Folklore, die Bodenständigkeits- und Deutschtümelei übergehe. Somit stelle sie die Weichen für eine Entwicklung, an deren Ende ihr die Nazis den Rang abliefen.

Gebot der Reinlichkeit

„Wäre Kraus ein diszipliniertes Parteimitglied gewesen, hätte er sich – im Guten wie im Schlechten – nie zu dem entwickeln können, was er wurde. Umgekehrt wäre eine Sozialdemokratie, der Kraus, ohne seinen Überzeugungen untreu zu werden, hätte beitreten können, ein sicherlich hochinteressantes, romantisches, politisch jedoch völlig ineffizientes Gebilde gewesen“, folgert Alfred Pfabigan im Jahr 1976 durchaus plausibel. Nun, eine klassische No Win/NoWin-Situation, wie man heute sagen würde, denn die europäischen Sozialdemokratien sind auch 30 Jahre später weder romantisch noch interessant, hingegen – gemessen an ihrer einstigen Programmatik – noch ineffizienter, als es ihnen Kraus seinerzeit aufgerechnet hatte. Natürlich wusste er um die Inhumanität eines totalitären Kommunismus, zudem wusste er jedoch, dass selbst sozialpolitische Errungenschaften in demokratischem Rahmen nicht durch Kuschen vor liberalen Interessen, sondern allein durch den unerbittlichen Kampf gegen diese durchzusetzen sind. Ein Kapitalismus, den keine Gegenkraft das Fürchten lehrt, schwingt sich, wie’s geschieht und geschehen ist, zu totaler Herrschaft auf. Kraus wies aber der Sozialdemokratie auch ihre fast naturhafte Neigung nach, vor diesen Widersprüchen in Rechtspopulismus zu flüchten, nicht durch Anbiederung an nationale Sentimentalität etwa, sondern durch bewusstes Schüren dieser – hüben wie drüben, 1932 wie 1992. Denn wie der Politologe Peter Zuser in einer Studie detailliert nachgewiesen hat, war es nicht die FPÖ, sondern die SPÖ, welche die Anti-Ausländer-Hetze Anfang der 90er Jahre vom Zaun gebrochen hatte. Haiders Yuppie-Faschisten war danach zwar nicht das Wasser abgegraben, aber gemeinsam mit der SPÖ setzten sie den Rassismus fort. Karl Kraus hielt den Antinationalismus für die edelste Errungenschaft der Linken; lassen wir uns also ruhig von einem Nichtsozialisten lehren, dass man eine linkspolitische Kraft, die die Interessen der Wirtschaft erfüllt und Modernisierungsverlierern am Stammtisch Heimatliebe und Ausländerhass beibringen will, links liegen zu lassen hat.


Zu Karl Kraus – Von Reiseschriftstellern, Bildungs- und Wissenschaftlhubern. Von Richard Schuberth

24. Juni 2012 | Kategorie: Artikel, Journalisten, Richard Schuberth

Zwei Formen der Verdummung: Keine Information und Information ohne Maß und Ziel. Für die zweite Möglichkeit sind die Medien zuständig, die täglich den Nachweis  ihrer Verdummungseffizienz führen.  W.K. Nordenham

Der folgende Artikel ist vor allem jenen ans Herz zu legen, die da glauben, ungezählte Fernsehprogramme mit ausufernder Information oder das Internet sorgten mit einem Mehr an Wissen für ein Mehr an Denkvermögen. Das Gegenteil ist für die überwiegende Mehrheit  als gegeben zu betrachten.

Richard Alexander Schuberth ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Von Reiseschriftstellern, Bildungs- und Wissenschaftlhubern.

Gelehrsamkeit, die –

Staub, aus einem Buch in einen leeren Schädel geblasen.“

Ambrose Bierce

„Es hat jemand mit großem Grunde der Wahrheit behauptet, dass die Buchdruckerei Gelehrsamkeit zwar mehr ausbreitet, aber im Gehalt vermindert hätte. Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker (…) waren grade unter allen den Gelehrten, die ich habe kennen gelernt, die, die am wenigsten gelesen hatten.“

Georg Christoph Lichtenberg

„Jedes Ereignis, über das ich nichts lese, ist Ruhe, jedes Gebiet, das ich nicht betrete, Erholung. Je weniger ich weiß, desto besser errate ich.“

Karl Kraus

Zu den zeitlos wertvollen Anregungen des Kraus’schen Vermächtnisses zählt seine Respektlosigkeit gegen alles, was die bürgerliche Gesellschaft für Geist und Intellekt hält. Nicht nur bietet jene der Nachwelt ein weites, gut ausgeleuchtetes Tor in sein Denken, sondern die letzte Möglichkeit, gründlich zu revidieren, was sie für gescheit hält. Dies gelingt aber erst nach Revidierung des abgelutschten Vorurteils, solch Radikalität der Kritik an Wissenschaft, Bildung und Empirie sei Ausdruck seiner narzisstischen Originalitätssucht gewesen. Denn hat man einmal kapiert, welchen Spott Kraus auch dieser entgegenbringt, wird man verstehen, welch gründlicher ethischer Ernst seine Abneigung nährt.

Da es sich für Kraus nur in und nicht mit der Sprache denken lässt, stehen die Geistes- und Kulturwissenschaften auf der Liste der zu bestrafenden Sprachvergewaltiger ganz oben, nicht nur wegen ihrer Jargons, sondern auch aufgrund ihrer Entkoppelung von Form und Inhalt zugunsten größerer Objektivität. Der Einwand von Wissenschaftsseite her, es ginge zunächst um Faktizität und Schlüssigkeit der Theorie, Arbeit an der Form sei eine Stilfrage, ästhetische Fleißaufgabe, ließe Kraus niemals gelten. Wer an der Form nicht hart arbeitet, bleibt auch der Wahrheit fern und setzt bloß die nach den wissenschaftlichen Moden wechselnden Analysebausteine immer wieder neu zusammen. An der positivistischen Vereinheitlichung der Sprache zu methodischen Instrumenten lässt sich das Verhältnis allgemein des Forschergeistes zum Erforschten ablesen, nämlich nicht das des Verstehens, sondern des Beherrschens. Jene „hoffnungslose Intelligenz, die alles Geistige nach seinem Wert fürs Fortkommen abschätzt“, kann sich nur per Obduktion vom Innenleben einer lebendigen Wirklichkeit Begriffe machen. Dabei hält Kraus stets an der kritischen Rationalität fest und verordnet selbst der Kunst, dass ihr die „Logik einmal geschmeckt haben“ müsse. Auch wissenschaftliche Systematik, so ließe sich seine Allegorik frei variieren, schadet nicht, zumindest zur Disziplinierung sich naturgemäß überschätzender adoleszenter Individualität. Nur sollte man rechtzeitig aus dem Wissenschafts-Internat türmen, ehe einem nicht nur die Adoleszenz, sondern auch gleich die Individualität ausgetrieben wird, man sich für die Fähigkeit, auch ohne akademische Gehhilfen voranzukommen, zu genieren beginnt.

Die wissenschaftliche Initiation erfolgt stets nach demselben biographischen Muster. Vor der Universität reagiert man auf alles Denken, das die Frechheit besitzt, von einem nicht verstanden zu werden, mit Minderwertigkeitsgefühlen, Ablehnung und schließlich Anpassung. In diesem frühen Stadium sind akademische Geheimsprache und wahrer Tiefsinn noch nicht voneinander zu unterscheiden, doch man wird sich später immer mit Ersterer gegen Letzteren verbünden. Der Hausverstand kann sich mit dem Campusverstand stets besser arrangieren als mit dem Geist, und je obskurer der Fachjargon, desto besser lässt sich mit ihm bluffen, und die, welche durch dessen Beherrschung dem Magister- bzw. Doktorvater gefallen wollen, werden jenen, die allein Form und Sache verpflichtet sind, immer Selbstgefälligkeit vorwerfen.

Kraus propagiert Kunst mit einem Erkenntnisinteresse, das wissenschaftlicher Exaktheit nicht fern ist. Nur vor dem Hintergrund seiner nahezu religiösen Verehrung sprachlichen Denkens, das kritische Rationalität mit schöpferischer Phantasie versöhnt, ist seine herablassende Haltung gegenüber den „Wissenschaftlhubern“ verständlich. Diese lässt er zumindest als Zuträger von Fakten gelten. „Die Wissenschaft könnte sich nützlich machen. Der Schriftsteller braucht jedes ihrer Fächer, um daraus den Rohstoff seiner Bilder zu beziehen, und oft fehlt ihm ein Terminus, den er ahnt, aber nicht weiß. Nachschlagen ist umständlich, langweilig und lässt einen zu viel erfahren. Da müssten denn, wenn einer beim Schreiben ist, in den andern Zimmern der Wohnung solche Kerle sitzen, die auf ein Signal herbeieilen, wenn jener sie etwas fragen will. Man läutet einmal nach dem Historiker, zweimal nach dem Nationalökonomen, dreimal nach dem Hausknecht, der Medizin studiert hat, und etwa noch nach dem Talmudschüler, der auch das philosophische Rotwälsch beherrscht. Doch dürften sie alle nicht mehr sprechen als wonach sie gefragt werden, und hätten sich nach der Antwort sogleich wieder zu entfernen, weil ihre Nähe über die Leistung hinaus nicht anregt. Natürlich könnte man auf solche Hilfen überhaupt verzichten, und ein künstlerischer Vergleich behielte seinen Wert, auch wenn in seiner Bildung die Lücke der Bildung offen bliebe und einem Fachmann zu nachträglicher Rekrimination Anlass gäbe. Aber es wäre eine Möglichkeit, die Fachmänner des Verdrusses zu überheben und sie schon vorher einer ebenso nützlichen wie bravourösen Beschäftigung zuzuführen.“

Von denen, die leibhaftig dort waren

Die Entbehrungen und Gewinne des sprachlichen Denkens ersetzen tausende Weltreisen und Feldstudien. Nicht dass Karl Kraus die unmittelbare Erfahrung gering schätzen würde, den Beweis ihrer Intensität kann der Autor ja im adäquaten Ausdruck nachliefern. Der Bluff beginnt erst dort, wo sich der Künstler mittels interessanter Themen vor dem eigentlichen Tagwerk und somit der eigentlichen Erfahrung, der Komposition, drückt. „Den Autoren wird jetzt geraten, Erlebnisse zu haben. Es dürfte ihnen nicht helfen. Denn wenn sie erleben müssen, um schaffen zu können, so schaffen sie nicht. Und wenn sie nicht schaffen müssen, um erleben zu können, so erleben sie nicht.“

Der nach wie vor grassierenden Vergötzung des welterfahrenen Reiseschriftstellers hätte Kraus einiges entgegenzusetzen. Wer von seinem Schreibtisch aus die Galaxien der Sprache durchmessen hat, dem sind die fünf Erdteile nur noch Provinzen, und eine Wellnessreise wäre die Durchquerung der Atacamawüste gegen die Höllen und Erlösungen der sprachlichen Gestaltung. Karl Kraus reiste gerne, aber nur um sich von den wahren Abenteuern, die in seinem Schreibzimmer stattfanden, zu erholen, und entgegen der Unterstellung der Askese suchte er im Geschlechtsakt Entspannung von den Ausschweifungen des künstlerischen Schöpfungsaktes. Doch dem Spießer ist schon jeder Teufelskerl und somit irgendwie Künstler, der mehr schnackselt als er selbst, in Kneipen verkehrt, in die er sich nie traut, und mit exotischen Spießern per du ist. Das intellektuelle Spießerbedürfnis nach Authentizität bedient der Kulturmarkt en masse mit literarischen Bosnientagebüchern, Donaureiseimpressionen und „Ich war ganz alleine dort“-Reportagen. „Nach wie vor ist es das fremde Milieu, was sie für Kunst halten“, erkennt Kraus. „In den Dschungeln hat man viel Talent, und das Talent beginnt im Osten etwa bei Bukarest. Der Autor, der fremde Kostüme ausklopft, kommt dem stofflichen Interesse von der denkbar bequemsten Seite bei. Der geistige Leser hat deshalb das denkbar stärkste Misstrauen gegen jene Erzähler, die sich in exotischen Milieus herumtreiben. Der günstigste Fall ist noch, dass sie nicht dort waren; aber die meisten sind leider doch so geartet, dass sie wirklich eine Reise tun müssen.“

Dass geistiger Provinzialismus durch physische Standortveränderung zwingend überwunden würde, ist leider nicht wahr. Vielmehr neigt er dazu, sich mit exotischen Provinzialismen zu verbiedern. Niemand ist dadurch interessanter, dass er viel herumgekommen ist. Es muss in ihm viel herumgekommen sein. Mit seinem Interesse an der Fremde hebt sich der aufgeklärte Spießer vom xenophoben Spießer ab, doch beide bekunden sie, wie fremd ihnen die Welt ist. Denn zwischen dem Großgöpfritzer, der den anderen Großgöpfritzer darum beneidet, in den Salons von Zwettl ein- und auszugehen, und der Bewunderung des Hietzingers für den Balkanexperten und der des Belgraders für den Schulfreund, der sich in den Hindukusch, nach Hietzing oder gar Großgöpfritz wagte, bestehen nur graduelle Unterschiede. Wer die Welt nicht konsumierend, sondern geistig, das heißt schöpferisch – und das heißt immer sprachschöpferisch – durchdrungen hat, dem ist irgendwann nichts mehr fremd außer der befremdliche Missstand geistiger und materieller Not. Nicht die Welt, wie sie woanders ist, sondern wie sie überall sein könnte, reizt den Denker, bei dem Scharfsinn und Ethik gemeinsam auf Reisen gehen. „Die Realität nicht suchen und nicht fliehen, sondern erschaffen und im Zerstören erst recht erschaffen: wie sollte man damit Gehirne beglücken, durch deren Windungen zweimal am Tag der Mist der Welt gekehrt wird.“

Von denen, die viel lesen und viel wissen

Dem Alltagsverstand ist die sprachliche Form bekanntlich nur Ausschmückung des Inhalts, für Kraus verhält es sich genau umgekehrt, und seine Argumente sind schwer von der Hand zu weisen. Nur lächerlich findet er Menschen, die durch Anhäufung von Faktenwissen Intellektualität reklamieren und das auch noch als literarischen Wert behaupten. Dumm sind niemals die Ungebildeten, sondern die, die so was für gescheit halten. „Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?“, spottet er dem Vielleser und Vielwisser indirekt, für den er auch direktere Aphorismen im Ärmel hat. „Die Bildung hängt an seinem Leib wie ein Kleid an einer Modellpuppe. Bestenfalls sind solche Gelehrte Probiermamsellen der Fortschrittsmode“ und „Der Vielwisser ist oft müde von dem vielen, was er wieder nicht zu denken hatte“ und „Vielwisser dürften in dem Glauben leben, dass es bei der Tischlerarbeit auf die Gewinnung von Hobelspänen ankommt.“

„Ein Bildungskünstler presst die Leckerbissen von zehn Welten in eine Wurst.“ Doch räumt Kraus der Bildung durchaus ihren Wert ein, so sich diese nicht als Eigenwert vor Gedanke und Empfindung drängt und der durch Wissen breitere Horizont nicht nur ausgewalzte Oberfläche ist: „Nun muss gesagt sein, dass diese Art, das Leben zu umschreiben oder um das Leben herumzuschreiben, immerhin einer Anschauung dienen könnte. Diese Umständlichkeit wäre Verkürzung oder die Verkürzung wäre sinnvoll, wenn die für die Dinge gesetzten Chiffren zugleich den Inhalt brächten, der von den Dingen ausgesagt werden soll, oder die Beziehung, in welche die Dinge gestellt werden sollen.“

Als Präzendenzfall, als Mutter aller Bildungshuberei führt Kraus in der „Fackel“ über Jahre hinweg den Berliner Starpublizisten Maximilian Harden vor, dessen gestelzter Bildungsbürgerjargon um 1900 Schule zu machen beginnt. „Man muss nachdenken; das ist eine harte Forderung, meist unerfüllbar. Aber die Forderung, die der Berliner Bildungsornamentiker stellt, ist bloß lächerlich: Man muss Spezialist in allen Fächern sein oder zum Verständnis eines Satzes zehn Bände eines Konversationslexikons wälzen. Der eine schlägt auf den Fels der nüchternsten Prosa, und Gedanken brechen hervor. Der andere schwelgt im Ziergarten seiner Lesefrüchte und in der üppigen Vegetation seiner Tropen. Hätte ich mein Leben damit verbracht, mir die Bildung anzueignen, die jener zu haben vorgibt, ich wüsste vor lauter Hilfsquellen nicht, wie ich mir helfen soll. Ein Kopf, ein Schreibzeug und ein Fremdwörterbuch — wer mehr braucht, hat den Kopf nicht nötig!“

Doch die Ungebildeten ließen sich durch Kraus nicht trösten – Faktenkenntnisse lassen sich aus der Illustrierten ausschneiden wie Gutscheine, denken muss man selbst. Doch Denken dotiert auf dem Markt nicht hoch. Denn schon in der Schule wurde einem eingebläut, dass Wissen Macht bedeute. So sinnlos eine Bildung, die nicht an ein Erkenntnisinteresse, zumindest eine emotionelle Erfahrung geknüpft ist, auch sein mag, die Gesellschaft sanktioniert anders. Faktenbildung, die über den praktischen Nutzen im Berufsleben hinausreicht, bringt zumindest soziales Prestige. Und so sehr Kraus’ Aphorismus zutreffen mag, dass „Bildung (…) eine Krücke“ ist, „mit der der Lahme den Gesunden schlägt, um zu zeigen, dass er auch bei Kräften sei“, so könnte auch stimmen, dass dieser „Gesunde“ schon zum Krüppel deklariert wurde, bevor die Gebildeten ihn zu einem solchen schlagen konnten, vielmehr dass die Gesundheit, für die sie den wahren Denker beneiden, zugleich Krankheit ist, denn die Stärke, aus Liebe zu Denken und Wahrheit auf das zu verzichten, worum jene einzig konkurrieren, nämlich soziales Prestige und materiellen Besitz, muss von ihnen als Schwäche ausgelegt und folglich getögelt werden.

Ob im Kampf um die knappen Ressourcen das ziellose Anhäufen von Bildungsgütern nützt, bleibt allerdings fraglich. Immerhin bietet die Kulturindustrie zur allgemeinen Ergötzung diesen Lumpenintellektuellen die Chance, in der Manege der „Millionenshow“ mit der gleichzeitigen Kenntnis von Pophits, Philosophennamen und Motorersatzteilen nach einzelnen Happen zu schnappen.


Karl Kraus und der Journalismus. Von Richard Schuberth

27. Mai 2012 | Kategorie: Artikel, Journalisten, Richard Schuberth

Richard Alexander Schuberth ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Was ich will, ist, dass die Presse aufhöre zu sein – Kraus und der Journalismus.Von Richard Schuberth

Du brauchst nicht mehr zu wissen noch zu denken,

Ein Tagblatt denkt für dich nach deiner Wahl.

Die Weisheit statt zu kaufen steht zu schenken,

Zu kaufen brauchst du nichts als das Journal.

Franz Grillparzer (aus „Dem internationalen Preßkongreß“)

Auf dem Höhepunkt des bürgerlichen Zeitalters, in der Periode zwischen 1848 und 1914, profiliert sich die Zeitung als Medium der Emanzipation und Bildung. Feuilletonisten und Leitartikler machen den seit der Aufklärung heroisierten Dichtern und Denkern Konkurrenz. Besonders die Ästhetizisten als Künder des ewig Wahren und Schönen wehren sich gegen die Anmaßungen des täglich neu gedruckten und weggeworfenen Worts. Hugo von Hofmannsthal      z. B. gefällt es gar nicht, dass auf den „elendsten Zeilenschreiber etwas vom Glanz der Dichterschaft abfällt“. Dem hätte Karl Kraus wohl zugestimmt – und von Hofmannsthal und seinesgleichen gleich den Glanz mit runterpoliert.

Dass Karl Kraus in der „Journaille“, wie er das journalistische Gewerbe nannte, seinen Hauptfeind bekämpfte, ist beinahe eine Untertreibung. Mehr noch war die 1899 gegründete „Fackel“ die unversöhnliche Antithese zur Presse schlechthin, in ihrem Titel schon leuchtet die Doppelbedeutung von Erhellung und Brandlegung auf, jener „Productivkraft schöpferischer Zerstörarbeit“, deren deklariertes Ziel die „Trockenlegung des weiten Phrasensumpfes“ war.

Karl Kraus kannte die Produktionsbedingungen des bürgerlichen Journalismus gut genug, schrieb er doch seit 1892 selbst für die damals wichtigste meinungsbildende Kraft Mitteleuropas, die „Neue Freie Presse“ sowie in der Wochenschrift „Die Wage“. Als das Gerücht, der begabte junge Autor wolle eine eigene Zeitschrift gründen, auch in die Redaktion der „Neuen Freien Presse“ drang, wollte die ihn als Redakteur an sich binden. Karl Kraus’ Selbstbewusstsein war indessen stark genug für die Gewissheit, dass er nicht reif für die „NFP“ sei, sondern diese reif für ihn. Er gründete 1899 die „Fackel“ und formulierte bereits in der Nullnummer sein Programm: „… kein tönendes ‚Was wir bringen’, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt.

… beim Morgenkaffee plötzlich Daliegendes

Kraus’ Kampf gegen den Journalismus ist ein vielschichtiges Unternehmen und es bedarf profunden Studiums, bis sich einem die disparaten Elemente seiner Kritik als schlüssiges Ganzes offenbaren. Seine Pressekritik beherbergt sprach- und moralkritische, politische, ökonomische und medienphilosophische Aspekte. Diese aber sind so klug ineinander verzahnt, dass jeder Versuch ihrer analytischen Trennung von ihrem Verständnis wegführte. Hier nur der Anflug eines Versuchs, Eckpunkte eines Lebenswerkes zu skizzieren.

Der Sprachverfall ist zugleich Ursache, Folge und Symptom all dessen, was Kraus verabscheut und apokalyptisch überhöht, die Presse sein Brennglas.

Zunächst ist Kraus nur daran gelegen, den Schuster bei seinem Leisten bleiben zu lassen. Als sachlicher Informationsdienst ist ihm die Zeitung durchaus willkommen, eine knappe unprätentiöse Sprache sogar literarisch inspirierend. Störend wird der Journalismus erst, wenn er sich mit dem Anspruch von Objektivität und – schlimmer noch – als Meinungsbildner zwischen den denkenden Menschen und die Wirklichkeit stellt, und ihm die Möglichkeit autonomer Reflexion durch die Fütterung mit dem selbstgerechten Meinungsbrei des Leitartikels abnimmt.

Mit selten einfühlsamer Pädagogik fordert Kraus den Leser zur Mündigkeit auf: „Freundlicher Leser! Der du noch immer die Zeitung für ein von geheimnisvoller Macht Erschaffenes, aus pythischem Munde Weisheit Kündendes, beim Morgenkaffee plötzlich Daliegendes hältst, der du vom Offenbarungsschauer dich angewehet und der Ewigkeit näher fühlst, wenn Löwy oder Müller im Wir-Ton leitartikeln …, werde misstrauisch, und einer von Druckerschwärze fast schon zerfressenen Kultur winkt die Errettung. Lasse den Zeitungsmenschen als Nachrichtenbringer und kommerziellen Vermittler sich ausleben, aber peitsche ihm den frechen Wahn aus, dass er … berufen sei, geistigen Werten die Sanction zu erteilen. Nimm das gedruckte nicht ehrfürchtig für baare Münze! Denn deine Heiligen haben zuvor für das gedruckte Wort baare Münze genommen.

Schon früh läutet Kraus eine Revolution in der Medienkritik ein. Beschränkte sich diese vor ihm zumeist auf Bildungsdünkel oder Entsetzen über die Verflachung der Sprache, so wirft Kraus sein satirisches Schlaglicht auf die politischen und ökonomischen Bedingungen der Wirklichkeitsproduktion. Und findet seinen Erzfeind nicht in den Pöbelblättern der Deutschnationalen, sondern im vorgeblich kleineren Übel, der liberalen, fortschrittlichen „Neuen Freien Presse“.

Den Schlüssel zur Heuchelei der interesselosen Meinungs- und Faktenfabrikation findet Kraus in den üppigen Inseratenteilen der Zeitungen. Sein Zeitgenosse, der Nationalökonom Karl Bücher definierte die moderne Zeitung als „Erwerbsunternehmen, das Annoncenraum als Ware verkauft, die nur durch einen redaktionellen Teil verkäuflich wird.“ Diese scharfsinnige Spitze mag heute nicht mehr stechen, so selbstverständlich ist die Verabsolutierung kapitalistischer Marktprinzipien geworden.

Auch der „Arbeiter Zeitung“, der er zwischen Wohlwollen und Distanz verbunden blieb, rechnete Kraus früh die Widersprüche zwischen Absicht und Tat auf:

Aufsehen erregt haben seinerzeit die Artikel der Arbeiter-Zeitung über die ‚Mordschiffe der Donau-Dampfschiffahrt-Gesellschaft’ durch die Kühnheit ihrer Sprache. Seit damals – Herbst 1898 – erscheinen statt der ‚Mordschiffe’ in kleinen Intervallen ‚Mordsinserate der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft’. (…) Die ‚Mordschiffe’ werden allerdings nicht angegriffen; sie sind zwei Jahre älter geworden.“ Und zeigte mit dieser Sentenz, wie brillant sich das als seicht verschriene satirische Mittel des Kalauers mit einer Sache gegen eine Sache rüsten ließ.

Kraus ging jedoch einen bedeutenden Schritt weiter und wurde nicht müde nachzuweisen, dass der redaktionelle Teil selbst geheimer Umschlagplatz der Warenform ist. Nicht nur dem heuchlerischen Nebeneinander von Geist und Kommerz gilt seine Kritik, sondern der schleichenden Kommerzialisierung des Geistes, die er am Sprachgebrauch diagnostiziert.

Die Presse als Bote, Partei und Ereignis

Damals wie heute wirkt Kraus’ Totalisierung des „Pressunwesens“, ihre Hypostase zur Hauptursache aller gesellschaftlichen Übel, als überspannt, gerade so, als hätte sich ein narzisstischer Kritiker eine freie Nische gefunden, deren Bedeutung er zur Überhöhung der eigenen überhöhen muss.

Wohl ist er sich bewusst, wo die Basis, wo der Überbau ist: „Ich habe die Presse nie als Ursache, sondern immer nur als Wirkung verklagt. (…) Ich weiß schon, dass die Nässe nicht am Regen schuld ist; aber sie informiert mich darüber, dass es regnet.“

Und doch bildet die Nässe Dunst, der aufsteigt, um zu neuen Regenwolken sich zu ballen. Im Frühjahr 1908 nennt der konservative Abgeordnete Gröber die anwesenden Journalisten im deutschen Reichstag „Saubengels“. Aus Protest stellen diese die Berichterstattung über den Reichstag ein, was die vorübergehende Einstellung der parlamentarischen Tätigkeit zur Folge hat. Kraus dazu in der „Fackel“: „Die Öffentlichkeit hat wieder einmal dazugelernt und weiß jetzt, dass die Weltgeschichte aufhören muss, wenn sich’s die Staatsmänner mit den Stenographen verderben.“

Bei Kraus’ Fehde mit der Presse verhält es sich wie bei den anderen Feldern seiner Kritik. Ganz dem Grundsatz gemäß, dass nur die Übertreibung der Realität gerecht wird, lässt ihn sein kritischer Geist, gerade dort, wo er am verschrobensten wirkt und durch keine Sache mehr gedeckt scheint, Mauern vor der Wahrnehmung einreißen, wofür die damalige Wissenschaft und Gesellschaftskritik der Methoden entbehrte. Als erster Mensch der Geschichte formuliert er Zusammenhänge, welche zum wesentlichen Topos der Medien- und Kulturkritik des 20. Jahrhunderts avancieren würden, ohne dass die es ihm je gedankt hätten. Karl Kraus kommt dem Prinzip der Substitution der Wirklichkeit durch die Medien auf die Schliche.

Seinen Zeitgenossen evident wird diese Macht spätestens durch die Rolle der Presse im I. Weltkrieg: Längst nicht mehr ist sie Vollzugsorgan politischer Macht, sondern lenkt die Ereignisse selbst kraft ihrer Deutungshegemonie.

Schon 1909, als ein gewisser Minister Aerenthal der bereits damals kriegsbegeisterten „NFP“ durch den Historiker Friedjung Falschinformationen über eine Verschwörung Kroatiens mit Belgrad zuspielen lässt und somit einen Krieg gegen Serbien vom Zaun brechen will, erkennt Kraus die Omnipotenz der Presse als Wirklichkeitsmanipulator. Er verfolgt diesen Pfad bei der Berichterstattung über die Balkankriege und findet seine anfänglich polemische Position durch die Rolle der Presse im I. Weltkrieg bestätigt:

… die Presse ein Bote? Nein, das Ereignis. Eine Rede? Nein, das Leben. Sie erhebt nicht nur den Anspruch, dass die wahren Ereignisse ihre Nachrichten über die Ereignisse seien, sie bewirkt auch diese unheimliche Identität, durch welche immer der Schein entsteht, dass Taten erst berichtet werden, ehe sie zu verrichten sind …

Hiermit nimmt Karl Kraus, der sich längst nicht auf Sprache beschränkt, sondern Photographie, Reklame und Film in sein Denken mit einbezieht, die größten Leistungen der späteren Kulturindustrie- und Medienkritik vorweg, wie Sigfried Kracauers Analyse der Photographie in den 20er Jahren etwa („In den Illustrierten sieht das Publikum die Welt, an deren Wahrnehmung es die Illustrierten hindern.“), oder Günther Anders’ Analyse des Fernsehens („Am Anfang war die Sendung, für sie geschieht die Welt.“) oder die schwachbrüstigere Medienkritik eines Marshal MacLuhan, weitschichtig auch die Simulakrentheorie von François Baudrillard.

Kraus contra Békessy, Thurnherr und Sperl

Nach dem Krieg sieht sich Kraus einem neuen Typus von Journaille gegenüber: In den Revolverblättern des Erpressers und Medientycoons Imre Békessy wird die idealistische Maske fallen gelassen, auf welche die „NFP“ noch Wert legte, und der Prototyp des populistischen Boulevardjournalismus geschaffen, der auch heute noch den Zeitungsmarkt beherrscht. Die Dramaturgie des folgenden Kampfes nimmt jene des Westerns „High Noon“ vorweg. Dass Békessy mit offenen Karten spielte, Korruption und Lüge als journalistisches Prinzip ehrlich zugab – „Niedertracht unter dem Vorwand der Niedertracht“ –, mag den Dialektiker Kraus sogar amüsiert haben, ehe sich dieser wieder mit dem Ethiker zugesellte und mit den donnernden Worten „Raus mit dem Schuft aus Wien!“ einem Schieberimperium, dem sich Kraus’ alte Feinde wie Felix Salten und Anton Kuh nur zu gerne andienten, den Krieg erklärte. Ein Krieg, den er völlig alleine führen würde. „Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur Feiglinge.“ Zwei Jahre später, 1926, ergriff Békessy die Flucht nach Paris. Einer der wenigen Erfolge, den Satire je gezeitigt haben dürfte.

Wie sehr den Zeitungsintellektuellen unserer Tage die Angst vorm „Fackelkraus“ im Nacken sitzt, beweist die magische Praxis des Zitats. Man zitiert Kraus, weil er nicht mehr lebt – und damit er nicht mehr lebt. Der rituell-magische Charakter des Zitats funktioniert auf zwei Ebenen. Das Krauszitat lässt den Journalisten magisch an dessen geistiger Autorität teilhaben und dient zugleich als Schutzzauber. Wogegen? Gegen Kraus selbst, dessen Geist ja noch immer durch die Redaktionsstuben spuken und die eigenen Texte ihrer ganzen Dürftigkeit überführen könnte.

Die Frage indes, wie Karl Kraus sich zur heutigen Presselandschaft äußern würde, zählt selbst schon zu den automatisierten Phrasen des Feuilletons oder Impulsreferats. Sicher ist, dass er sich nicht mit Peanuts abgeben, sondern seine Kritik erst bei jenen so genannten Qualitätsblättern ansetzen würde, deren vorgebliches Niveau sich hierzulande aus der Distanz zur „Kronen Zeitung“ ableitet. Die Chefredakteure, Leitartikler und Feuilletonisten von, „Presse“, „Profil“, besonders aber „Standard“ und „Falter“, die sich aus Mangel an Alternativen den Lesern als das äußerst Mögliche an kritischem Geist aufdrängen, lebten in ständiger Angst – und Hoffnung, dass sich die Privatwirtschaft ihrer erbarmte, wenn der Redakteurssessel zu heiß würde.


BORAT oder warum Sascha Cohen seinen Faustdildo behalten kann. Von Richard Schuberth

14. Mai 2012 | Kategorie: Notizen zur Zeit, Richard Schuberth

Richard Alexander Schubert ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei nochmals dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht, besonders der Text:

Richard Schuberth                                                                                  30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24, Broschur mit Fadenheftung ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Der folgende zeitlose Text  erschien  vor ein paar Jahren unter dem Titel « Ein Waterloo der westlichen Spaßkultur» im «Standard» und trifft  auf  viele Comedyköpfe und Comedy-Konsumos zu. Mit der Bezeichung „Abrissbirne“, in passivischer Bedeutung, sei deren Halsaufsatz eine angemessene sprachliche Behausung zugewiesen. W.K. Nordenham

Wer Arschlöcher verarscht, ohne eine Welt ohne Arschlöcher zu wünschen, ist kein Kritiker, sondern ein Bandwurm.      Richard Schuberth

BORAT oder warum Sascha Cohen seinen Faustdildo behalten kann.von Richard Schuberth
Im rumänischen Romadorf Glod am Südhang der Karpaten lebt ein Mann namens Nicu Tudorache. Vor einigen Jahren hat der heute 56-jährige Großvater bei einem Arbeitsunfall seinen rechten Arm verloren. Als Prothese trug er bis vor einem Monat einen Faustdildo – ein Geschenk des britischen Comedy-Stars Sacha Baron Cohen –, bis die Journalistin Carmiola Ionescu ihn aufklärte, was er da mit Klebeband am Armstumpf fixiert hatte und warum Millionen Arschlöcher in westlichen Kinos über ihn lachen.

Es muss über 15 Jahre her sein, dass Freunde und ich eine zweifelhafte Travestie zu einiger Fertigkeit brachten. Wir mischten uns als Agents provocateurs unter Menschen wie du, aber nicht ich. Um aus ihnen Sexismus, Alltagsfaschismus und Dummheit herauszulocken, gebärdeten wir uns noch faschistischer, sexistischer und dümmer als sie und gefielen uns dann augenzwinkernd als tolle Hechte im Karpfenteich der kritischen Realsatire. Am besten bewährte diese Methode sich, wenn wir in unseren eigenen, linken Kreisen fündig wurden. Ansonsten jedoch traten bald ihre Mängel, aber auch ihre Motive zutage. Zuallererst, dass die Tore zur Wahrheit, die wir mit viel Lärm einschlugen, gar nicht verschlossen waren, dass sich der heroische Nachweis also, wie dumm Dummköpfe und wie rechts Rechte sind, bloß in eben dieser banalen Tautologie erschöpfte; weiters, unseren kritischen Anspruch aber ganz schön verdächtig machte, angesichts der wiehernden Freude, wenn uns wieder ein Opfer in die Falle gegangen war, und der Enttäuschung, wenn es nicht den Scheißnazi gab, als den wir es gern haben wollten. Es war ein Jammer, viele dieser Spaßverderber hätten bei uns, die wir alle Querverbindungen des falschen Bewusstseins, ja sogar zum falschen Bewusstsein kannten, zuerst in die Lehre gehen sollen, um das zu werden, dessen wir sie überführen wollten.

Unsere Art der Aufklärung offenbarte nicht die chemische Konsistenz des Abschaums, sondern bloß unsere angemaßte Allmacht im Abschaumbad, an der unsere Fans, zumeist Schnösel mit Mittelschulabschluss und Neigung zum „Titanic“-Abonnement, parasitär teilhatten, da sie nicht die vorgebliche Kritik des Zynismus, sondern den Zynismus unserer Methode, nicht die Kritik des Faschismus, sondern das Herrenmenschliche unserer Tabubrüche beklatschten. Als einziger Effekt der Parodie anitsemitischer Stereotype zum Beispiel blieb eine niedrigere Hemmschwelle bei deren Anwendung und das Kokettieren mit ihrer Immoralität. So erteilte uns die Wirklichkeit mit erhobenem Zeigefinger einmal mehr die Lehre, dass sie die Satire stets abzuhängen weiß. Zurück bleibt die automatisierte Persiflage, die, weil sie die Schäbigkeit nicht zu fassen bekommt, zum Lehrmodell neuer Schäbigkeit wird.

Wie interessant, anhand Sacha Baron Cohens Film „Borat“ zu beobachten, wie diese Methode erneut aus denselben Gründen scheitert, jedoch auf eine ausgefuchstere Wirklichkeit stößt als damals, bei uns, im vorigen Jahrhundert.

Durch offene Türen

Als Ali G hat Cohen die Provokationsrealsatire, die so genannte „Mockumentary“, zu manchem satirischen Höhepunkt geführt, mit der Figur des kasachischen Fernsehreporters Borat Sagdijev indes ist er so provokant wie ein Exhibitionist in einem dänischen Swinger-Club. Vielleicht möchte Baron Cohen ja gar nichts aufdecken, sondern nur um der Geschmacklosigkeit willen geschmacklos sein, also die Teenager der Cineplex-Center dieser Welt zum Lachen bringen.

Deren Lachen aber wird vom lauteren Poltern intellektueller Köpfe übertönt, welche unaufhörlich aus schwarzen Rollkrägen bloppen und alle gleich aussehen, weil sie in derselben Retorte gezüchtet wurden; in einer Nährlösung, die sich aus Spaßkultur und einigen Semestern Geisteswissenschaften zusammensetzt. Es sind dieselben Schnösel, die damals schon auf die Prolos eintraten, welche wir hinterrücks niedergestoßen hatten; später hörte man sie in Studentenkneipen in ihrem Mittelstandsakzent enthusiastisch „Das is dodaal politikäli ingorrekt“ krächzen, ehe der Caterpillar des Verwertungsschicksals sie in ihre Kulturbüros, Zeitungsredaktionen und Wein-&-Literatur-Abfüllkoben schob. Von dort aus bestimmen sie, weil sie sonst nichts gelernt haben, die kulturellen Diskurse und weiden sich an ihrem verhängnisvollen Irrtum, anderthalb Stunden über Muschiwitze kichern und sich Amis, verlausten Kasachen und anderen Balkannegern überlegen zu fühlen, seien Akte subversiver Gesellschaftskritik. Sie lassen sich’s nicht nehmen: Ihr Till Eulenspiegel handle in hohem intellektuellen und ethischen Auftrag. Daran ist er selbst nicht unschuldig, zumindest kokettiert der jüdischstämmige Brite, welcher an der Universität Cambridge über ethnische Minderheiten diplomiert hat, mit dieser Lesart seiner Satire.

Der wundersamste, völlig unerwartete Effekt von „Borat“ aber ist, dass die Wirklichkeit die Satire diesmal nicht übertreffen will, sondern es vorzieht, sie gelassen in ihre Schranken zu weisen. Sie lässt Cohen über den Zynismus seiner Gymnasiastenscherze stolpern und entkleidet diese durch unbeeindruckte Passivität ihres aufklärerischen Scheins. Einige Beispiele. Wann immer es Borat nicht gelingen will, seine Opfer als reaktionäre Idioten zu entlarven, flüchtet er sich in die sexuelle Provokation, doch seine Gesprächspartner, zumeist smarter als er, finden das nicht schockierend, sondern schlichtweg lächerlich. Die Feministin Linda Stein bricht souverän das Gespräch ab, anstatt ihn dorthin zu treten, wovon er am meisten spricht. Ein Fahrlehrer, in dessen markantes Gesicht das europäische Vorurteil sich gerne einen Redneck und Macho hineindenken würde, mahnt ihn zu mehr Respekt gegenüber Frauen, und die fundamentalistischen Christen, in deren Messe sich Borat schleicht, entpuppen sich als hilfsbereite, humorvolle Menschen. Cohens Versuche, die politisch Inkorrekten als auch die politisch zu Korrekten zu bashen, gehen allesamt in die Hose, aus der sie gekrochen sind – vorne wie hinten. Da hilft nur noch Niedertracht. Einem Autoverkäufer will er Minderheitenfeindlichkeit suggerieren, indem er ihn fragt, welchen Schaden eine Gruppe Zigeuner am Wagen anrichtete, wenn man sie damit rammen würde. Doch auch hier will die Rechnung nicht aufgehen, da das Publikum sofort merkt, dass der gute Mann nur deshalb Rede und Antwort steht, weil er das Wort „Zigeuner“ überhört hat und allgemein von Menschen ausging. Wieder nichts! Was tun? Ab in den Bible-Belt! Der ultrarechte Rodeoveteran Bobby Rowe spendet ihm endlich die Sager, um die er dauernd bettelt, doch selbst das Publikum im Rodeostadium von Salem, Virginia, reagiert mit Bestürzung, als Borat durchs Mikrofon seinem Wunsch Ausdruck verleiht, die Amerikaner würden jeden Mann, jede Frau und jedes Kind im Irak töten.

Wenn er aber dann mit dem Absingen einer fiktiven Hymne Kasachstans (zur Melodie der US-amerikanischen) die Dummheit jeglichen Nationalismus konzentriert, gibt Cohen eine Kostprobe davon, wozu er fähig wäre, wenn Klug- und Redlichkeit einander in den Sattel hülfen. Desgleichen die präzise Persiflage antisemitischer Paranoia, als er erkennen muss, bei Juden Bed & Breakfast bezogen zu haben, oder als netter Gag en passant: der Kopf des Bären im Kühlschrank seines Produzenten. Cohen hat das Zeug, subversive Unterhaltung zu liefern. Macht aber wenig Gebrauch davon. Auch die Figur des Borat ist im Grunde ein guter Wurf, der leider daneben geht.

Satire darf sich so viel Obszönität, Zynismus und Geschmacklosigkeit leisten, wie sie will, so diese als Mittel zur tieferen Einsicht in die verborgenen Obszönitäten, Zynismen und Geschmacklosigkeiten der Gesellschaft dienen. Dass das möglich ist, dafür bürgt eine würdige Traditionslinie, die sich von Jonathan Swift über Nestroy bis zu den „Simpsons“ spannt und der sich Baron Cohen nur in Ansätzen anschließen will. Denn der Spaß am Dreck ist größer als der Ekel davor, und der Witz affirmiert, indem er sich ihm angleicht, den Dreck, und wem das zu ethisch ist, dem möge das rationale Argument reichen, dass dieser Witz nur ein schlechtes Duplikat des Drecks schafft, und plötzlich vor der Erkenntnis staunen, dass Ethik und Ratio hierin als eineiige Zwillinge auftreten.

Ein Waterloo der westlichen Spaßkultur

Zeitgeistiger ausgedrückt: Wer Arschlöcher verarscht, ohne eine Welt ohne Arschlöcher zu wünschen, ist kein Kritiker, sondern ein Bandwurm. Wer aber unter dem Vorwand von Gesellschaftskritik die Bandwürmer mit Überlegenheitsgefühlen füttert, ist selbst ein Arschloch. Sacha Baron Cohen als solches zu bezeichnen, als so großes sogar, dass alle Faustdildos dieser Welt es nicht ausreichend stopfen könnten, würde jeder Ehrenbeleidigungsklage standhalten, so sich die Einwohner des Romadorfs Glod als Zeugen der Anklage gewinnen ließen. Denn was die Journalisten Bojan Pancevski und Carmiola Ionescu kürzlich über die Produktionsbedingungen des Films „Borat“ herausfanden, könnte den Ort zum Waterloo der westlichen Spaßkultur werden lassen. „Borats Heimatdorf“ liegt nämlich nicht in Kasachstan, sondern in Rumänien.

Und dass Cohen gerade einen realen Staat für sein fiktives Zurückgebliebistan aussuchte, dürfte gleichfalls kein Zufall sein. Kasachstan, multikulturell, gemäßigt islamisch und relativ frei von Judenfeindlichkeit, ist weit entfernt und würde keine als Pizzaboten verkleideten Gotteskrieger an Cohens Adresse schicken. Wir sehen: Feig- und Gemeinheit verabreichen sich in ihm die Bruderfaust.

Ob Rumänien oder Kasachstan, den westlichen Kulturjunkies ist es einerlei, sie bedürfen der ewigen Balkanfiktion eines schmierigen halbzivilisierten Ostens, um ihn wegen des Drecks, mit dem sie ihn beschmieren, zu verspotten – oder zu romantisieren.

Die Einwohner von Glod hätten bereits stutzig werden sollen, als Cohen ein Pferd vor sein Auto spannen ließ und sie dazu angehalten wurden, Kühe in ihre Wohnzimmer zu führen. Bis zu Drehschluss lebten sie in dem Glauben, wie Pancevski und Ionescu in ihrem Artikel für „Mail on Sunday“ berichten, man würde die Welt durch eine Sozialreportage auf die menschenunwürdigen Lebensbedingungen in ihrem Dorf aufmerksam machen. Diese Welt hingegen lernte sie als Menschen kennen, die es mit ihren Tieren und Kindern treiben, Pferdeurin trinken und gerne Juden jagen. Da lachen ganze Cambridger Rudermannschaften und die Schnösel krächzen wieder ihr unerträgliches „Hi Hi, politikäli ingorrekt!“

Der Mann, den Borat im Vorübergehen als „größten Vergewaltiger“ des Dorfes vorstellt, bekam – so wie der „Dorfschweißer und -abtreiber“, so wie die Frau, die er als seine Schwester und vierterfolgreichste Hure Kasachstans vorstellt – 14 Lei (4 Euro) für seine Statistenrolle. Cohen & Produzenten stiegen bei dem Deal erwartungsgemäß als Gewinner aus: Sie spielten mit „Borat“ an einem Wochenende 20 Millionen Dollar ein und bekamen als Mehrwert auch noch die Gastfreundschaft und die gegrillten Schweine einer Gemeinde ohne Arbeit, Hoffnung und Fließwasser.

Glod war gut gewählt, nirgends in Europa sind Menschen recht- und schutzloser. Gemäß der Hackordnung des kapitalistischen Systems ist es nur konsequent, dass die Unterhaltungsindustrie ihre Häufchen dorthin macht, wo Kläger unwahrscheinlich sind, und sich den Hintern mit der Gutgläubigkeit der so Erniedrigten auswischt. Da grunzen die rechten wie die linken Säue in Ein- und Niedertracht, Letztere mit der Rechtfertigung, Ali G alias Cohen sei ein Guter, weil er Antisemitismen aufdecke. Aber vielleicht macht er diese nur noch salonfähiger. Wer weiß!

So viele modische walisische und iranische und jüdische Ethnizitäten Sacha Baron Cohen zur Legitimation seines Campushumors auch auffahren lässt, in seinem Witz verbiedert sich der Cambridge-Schnösel mit dem gehobenen linksliberalen Mittelstand gegen die Schwächeren. Warum, fragt sich die Feministin Linda Stein, welcher Borat im Film nichts anhaben konnte, in der „Times“ ganz zu Recht, „hat Cohen nicht die Heuchler aus Harvard oder andere Intelligentsia verspottet?“ Ganz einfach, weil’s sich Pionierinnen der Frauenrechte und rumänische Zigeuner einfacher beschmutzen lässt als das eigene Nest. Eine „Mockumentary“ von neuem, von höherem Niveau ließe Nicu Tudorache, den Einarmigen aus Glod, in den Westen reisen und souverän all die pseudolinken Spaßkultur-Schnösel in all ihrer prachtvollen Lächerlichkeit erstrahlen. Am Höhepunkt eines solchen satirischen Kunstwerks würde er an der Tür von Baron Cohens Luxusapartment in L. A. läuten, nicht um seinen und seines Dorfes Anteil an den 20 Millionen zu fordern, sondern den Faustdildo zurückzuerstatten, und zwar dort, wo er hingehört.


Kraus, Heine und die Folgen. Von Richard Schuberth

29. Februar 2012 | Kategorie: Artikel, Heine und die Folgen, Richard Schuberth

Richard Alexander Schubert ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  Text wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Kraus, Heine und die Folgen

Was will die einsame Träne? Was will ein Humor, der unter Tränen lächelt, weil weder Kraft zum Weinen da ist noch zum Lachen?

Karl Kraus

Wahrheit im Fühlen und Denken hilft einem sehr viel in der Prosa, dem Lügner wird der gute Stil sehr erschwert.“

Heinrich Heine

Nichts ist törichter als die Frage, welcher Dichter größer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht lässt sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Krämersinn kommt mit einer schäbigen Käsewaage und will den Genius wiegen.

Heinrich Heine

Wohl aber lässt sich qualifizieren, ob eine Flamme erleuchtet und brennt oder nur das begeisterte Blitzen und rebellische Funkeln der Dichteraugen illuminiert. Das zeigt Karl Kraus in seinem Essay „Heine und die Folgen“ aus dem Jahr 1910, und wer wie ich mit Heine sozialisiert wurde, der schützt sich gegen Kraus’ Kritik zunächst mit dem vorgedruckten Katalog der Unterstellungen, die von pedantisch bis besserwisserisch, von narzisstisch bis gehässig reichen – und wird an der stilistischen und ethischen Autorität dieses wundersamen Stücks Literatur resignieren, weil er mit Kieseln gegen einen Felsblock wirft. Nie wurde die Forderung, wer kritisiert, solle Besseres liefern, besser erfüllt als durch Kraus’ Kritik an Heine. Es ist sogar unbedingt von dessen Lektüre abzuraten, und wer es nicht lassen kann, sollte sich zumindest mit den Brech- oder Abführmitteln seiner Vorurteile vor ihrem Verständnis schützen. Denn es lässt sich keines seiner Argumente widerlegen, und selbst wenn, gäbe es keine Sprache, die es mit der seinen aufnehmen könnte. Nicht einmal zu kennen braucht man das Objekt seiner Kritik, Heinrich Heine. Was Kraus kritisierte, ist allgemein gültig, und wer „Heine und die Folgen“ wirklich verdaut hat, dem wird danach ein Großteil seiner kulturellen Lieblingskost, mit oder ohne Heine, kaum noch schmecken. Die formblinde Halbbildung, die in Kunst nur den Inhalt wahrnimmt und folglich Kraus und Heine als Geistesverwandte missversteht, mag in Kraus’ Kritik an Heine nur Stutenbeißerei vermuten.

Der Linken ist der Marx-Intimus und Verfasser der „schlesischen Weber“ wie die Ernst-Busch-Platte und der Che-Poster Requisite der eigenen Gesinnung. Für sie ist Literatur nicht interessant, weil sie gut ist, sondern weil der Autor in Spanien gekämpft hat oder Kirgise ist. Doch über die Kritik der Gesinnungsliteratur wurde in vorangegangenen Artikeln genug gesagt. Vielmehr interessiert die ungebrochene Tradition einer kulturindustriellen Heine-Verehrung, die seit 1910 das immer gleiche Gesicht zeigt, und im Jahr 2006 am authentischsten das von Marcel Reich-Ranicki annimmt, der im Fernsehen Heine zum größten deutschen Dichter hochkrächzt, nicht ohne nachzubelfern, dass „der Kraus“ ja nur neidisch war, weil er nicht konnte, was Heine konnte. Liest man „Heine und die Folgen“, kommt man zur überraschenden Einsicht, dass Reich-Ranicki zumindest in Letzterem Recht hat, ja Kraus gar nicht können wollte, was Heine konnte.

Bis zu diesem Text brachte Kraus Heine unschlüssiges Wohlwollen entgegen. 1906 schrieb er in der „Fackel“ noch: „Wir wollen nicht ungerecht gegen ihn werden, weil uns seine Grazie amoralischer Tugend heute im Zerrbild journalistischer Verkommenheit entgegentritt, weil seine künstlerischen Vorzüge an den Nachfolgern als sittliche Mängel wirken, an seinen künstlerischen Mängeln eine Generation schmarotzt, die noch immer unter Heines Tränen lächelt.“ Doch seine Redlichkeit gebietet Kraus, den jüdischen Kosmopoliten Heine gegen die Kritik der Bodenständigen zu verteidigen und mit der seinen erst anzusetzen, „nachdem man alle Urteutonen, die ihm die Denkmalswürdigkeit absprechen, beleidigt hat. Denn man baut aus deutschen Eichen keine Galgen für die Reichen, auch nicht für die Geistreichen.“

Vier Jahre später ahndet er die Konsequenzen schon am Urheber selbst, Heine sei es gewesen, der „der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können“. Er klagt ihn als geistigen Ahnvater des Feuilletonismus an, der Ästhetisierung des Journalismus und der Journalisierung der Literatur, als Schutzheiligen all derer, die die Untugend, es sich in Sprache und Denken zu leicht zu machen, als Leichtigkeit feiern. Unter Kraus’ Lupe entlarvt sich Heine als der talentierte Poseur, als den ihn das geistige Bildungskleinbürgertum seit 150 Jahren bewundert, weil er ihnen romantisches Draufgängertum und flotten Rebellengeist vorgaukelt, die sie gerade noch selbst fertig brächten, ohne ihre fragilen Ego-Anmaßungen – die Bedingung jeglicher Erkenntnis – warten zu müssen. Sein Werk, so Kraus, führe „in unterirdischen Gängen direkt vom Kontor zur blauen Grotte“, oder aktualisiert: vom Kulturmanager- respektive Redakteursbüro direkt zu der berechneten Melancholie eines Truffautfilms oder dem glatten Zynismus von Harald Schmidts Late-Night-Show. Heine ist ewige Adoleszenz, weshalb er bei der Jugend und jenen so beliebt ist, welche das Erwerbsinteresse in unabgeschlossener Adoleszenz festfror. „Man hatte Masern, man hatte Heine, und man wird heiß in der Erinnerung an jedes Fieber der Jugend. Hier schweige die Kritik. Kein Autor hat die Revision so notwendig wie Heine, keiner verträgt sie so schlecht, keiner wird so sehr von allen holden Einbildungen gegen sie geschützt, wie Heine. (…) So kommt der Tag, wo es mich nichts angeht, dass ein Herr, der längst Bankier geworden ist, einst unter den Klängen von ‚Du hast Diamanten und Perlen’ zu seiner Liebe schlich. Und wo man rücksichtslos wird, wenn der Reiz, mit dem diese tränenvolle Stofflichkeit es jungen Herzen angetan hat, auf alte Hirne fortwirkt und der Sirup sentimentaler Stimmungen an literarischen Urteilen klebt.“

Lächeln unter Tränen

Heines Tränen, wirft ihm Kraus vor, hätten kein Salz und sein Witz keinen Boden. Alles, was Kraus heilig ist, Empfindung, Anschauung, Kritik, Witz und – Sprache, gebrauche Heine zum Dekor seiner Person, die Kraus zufolge erst zur Persönlichkeit reifte, wenn sie sich diesen Heiligtümern unterwürfe. Auch Oscar Wilde und Peter Altenberg sind eitle Gecken, doch in ihrer Egomanie spiegelt sich die Welt, während Heine dieser stets sein Spiegelbild aufdrängt. Auch Nestroy witzelt, doch in seinen Witzen lachen die Widersprüche der Gesellschaft, welche Heine bloß verlacht. Womit sich die in ihrer persönlichen Souveränität unsichere Nachwelt lückenlos identifizieren kann und ihn als den lässigen Überwinder der sperrigen Klassiker wie Goethe feiert. „Dass, wer nichts zu sagen hat, es besser verständlich sage, diese Erkenntnis war die Erleichterung, die Deutschland seinem Heine dankt nach jenen schweren Zeiten, wo etwas zu sagen hatte, wer unverständlich war.“ Präzise erhellt Kraus den Unterschied zwischen Lyrik, die die Dinge sprechen lässt, und solcher, die über die Dinge spricht: „Wie über allen Gipfeln Ruh’ ist, teilt sich Goethe, teilt er uns in so groß empfundener Nähe mit, dass die Stille sich als eine Ahnung hören lässt. Wenn aber ein Fichtenbaum im Norden auf kahler Höh’ steht und von einer Palme im Morgenland träumt, so ist das eine besondere Artigkeit der Natur, die der Sehnsucht Heines allegorisch entgegenkommt.“

Heines Beliebtheit liegt in seiner Gefälligkeit begründet, in einer Lyrik, „in der die Idee nicht kristallisiert, aber verzuckert wird“, in einem Witz, der im Gegensatz zum Nestroy’schen Humor „mit der Welt läuft, der sie dort traf, wo sie gekitzelt sein wollte, und dem sie immer gewachsen war“ – und in der augenzwinkernden Legerheit, die keck von einem Thema zum anderen hüpft und sich das als Überschmäh verbuchen lässt. Kraus sieht darin lediglich Unfähigkeit zur Komposition und geistige Kurzatmigkeit – jenen kurzen „Atem, der in einem Absatz absetzen muss, als müsste er immer wieder sagen: so, und jetzt sprechen wir von etwas anderm. Wäre Heine zum Aphorismus fähig gewesen, zu dem ja der längste Atem gehört, er hätte auch hundert Seiten Polemik durchhalten können.“

Stilkunde als Charakterkunde?

Auf rutschigen Boden begibt sich Kraus, wenn er vom Stil des Autors auf dessen Charakter schließt, doch überzeugt er auch dort mit unerwarteter Trittsicherheit. Seine Charakterologie setzt zunächst bei falschen Gefühlen und falscher Aufklärung an. Wenn Heine zum Beispiel die Erbauung einer jungen Dame beim Betrachten des Sonnenuntergangs entmystifizieren will – „Mein Fräulein, sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück; / Hier vorne geht sie unter, / Und kehrt von hinten zurück.“ – dann kommt ihm Kraus schnell auf die Schliche: „Der Zynismus Heines steht auf dem Niveau der Sentimentalität des Fräuleins. Und der eigenen Sentimentalität.“ Heine gefällt sich als der ironische Überwinder der Romantik und ihrer Wirklichkeitsverweigerung. Doch Kraus weist ihm nach, dass er sie keinesfalls überwindet, sondern bloß ihre billigste Emotionalität in sich erhält und sie, sobald er sich dabei erwischt, an anderen verspottet. Kraus würde nie Romantik gegen Realismus oder etwa Naturlyrik gegen das politische Gedicht ausspielen. Ob so oder so, Literatur sollte tiefes Empfinden mit tiefem Denken vereinen, die Qualität ihrer Sprache ist ihr Senkblei.

Heine wurde oft ein brüchiger Charakter attestiert. Niemals hätte ihm Kraus das zum Vorwurf gemacht, wohl aber, dass er die Brüche dieses Charakters selten zu künstlerischer Stärke genutzt, sondern mit der Ironie der Beiläufigkeit überpudert hat.

In Anspielung auf den Publizisten Maximilian Harden hatte Kraus geschrieben: „Dass einer ein Mörder ist, muss nichts gegen seinen Stil beweisen. Aber der Stil kann beweisen, dass er ein Mörder ist.“ Wie Harden die Homosexualität des Fürsten Eulenburg denunzierte, so hatte Heine zwei Generationen zuvor die homosexuellen Neigungen des Dichters August Graf von Platen verspottet.

„Die Gesinnung“, kommentiert Kraus, „kann nicht weiter greifen als der Humor. Wer über das Geschlechtsleben seines Gegners spottet, kann nicht zu polemischer Kraft sich erheben. (…) Schlechte Gesinnung kann nur schlechte Witze machen. Der Wortwitz, der die Kontrastwelten auf die kleinste Fläche drängt und darum der wertvollste sein kann, muss bei Heine (…) zum losen Kalauer werden, weil kein sittlicher Fonds die Deckung übernimmt.“

Auch am Beispiel der Polemik gegen seinen Konkurrenten Ludwig Börne überführt er Heine einer Spießermoral, die dieser hinter Frivolität und Freigeistigkeit zu verstecken trachtete. Heine hatte gemutmaßt, ob eine gewisse Madame Wohl die Geliebte Börnes sei oder „bloß seine Gattin“. Kraus: „Dieser ganz gute Witz ist bezeichnend für die Wurzellosigkeit des Heineschen Witzes, denn er deckt sich mit dem Gegenteil der Heineschen Auffassung von der Geschlechtsmoral. Heine hätte sich schlicht bürgerlich dafür interessieren müssen, ob Madame Wohl die Gattin Börnes oder bloß seine Geliebte sei.“

Nur vor Heines letzten Werken verneigt sich Kraus, dem „Romanzero“ zum Beispiel, den jener angesichts eines langsamen Todes in seiner „Matratzengruft“ verfasste: „Heine hat das Erlebnis des Sterbens gebraucht, um ein Dichter zu sein.“ – „Der Tod konzentriert, räumt mit dem tändelnden Halbweltschmerz auf und gibt dem Zynismus etwas Pathos. (…) Sein Witz, im Erlöschen verdichtet, findet kräftigere Zusammenfassungen; und Geschmacklosigkeiten wie: ‚Geh ins Kloster, liebes Kind, oder lasse dich rasieren’, werden seltener.“

Die Kommis von heute, gleich ob es sich bei ihnen um Museumskuratoren, Redakteure oder kultivierte Werbetexterinnen handelt, mögen noch immer wissen, was sie an ihrem Heine haben, die Schärfe, die nicht zu sehr brennt, die Gefühlstiefe, die auch nach Büroschluss seicht genug bleibt, und den aufgeklärten Sarkasmus, mit dem es sich insgeheim fies und konkurrenzfähig bleiben lässt. „Darum verlangt die Pietät des Journalismus, dass heute in jeder Redaktion mindestens eine Wanze aus Heines Matratzengruft gehalten wird. Das kriecht am Sonntag platt durch die Spalten und stinkt uns die Kunst von der Nase weg! Aber es amüsiert uns, so um das wahre Leben betrogen zu werden. In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst eins aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt.“

„Heine hat das Höchste geschaffen, was mit der Sprache zu schaffen ist“, resümiert Karl Kraus, aber: „Höher steht, was aus der Sprache geschaffen wird.“ Doch auch vor dem Alterswerk finden sich bei Heine genug Sentenzen, die nicht mit, sondern in der Sprache großartig und gar nicht so weit von Kraus’ Satire entfernt sind. So ungerecht seine Kritik an Heine im Detail sein mag, die Kritik der „Folgen“ hat die Kraft, alles was wir für kritisch und klug halten, tosend in sich zusammenstürzen zu lassen und auf ein neues Niveau zu verweisen. Ob wir die Kraft haben, ihm dorthin zu folgen, steht auf einem anderen Blatt. So empfiehlt sich „Heine und die Folgen“ als Fegefeuer für jeden denkenden Menschen, es ist das Manifest einer stilistischen Ethik, deren Kenntnis verbietet, hinter sie zurückzufallen. Um sich diese Schäbigkeit zu ersparen, lese man „Heine und die Folgen“ besser nicht.

Lesetipp:

Karl Kraus: Heine und die Folgen. In: Der Untergang der Welt durch schwarze Magie. Frankfurt a. Main 1989

 


Karl Kraus und die Eitelkeit. Von Richard Schuberth

25. Januar 2012 | Kategorie: Artikel, Richard Schuberth, Über Karl Kraus

Richard Alexander Schubert ist Schriftsteller – unter anderem –  und lebt in Wien. Die Lektüre seiner Schriften sei dem empfohlen, der den Kopf nicht nur als Huthalter oder Frisierobjekt missbraucht. Der  erste Text, dem weitere folgen werden, wird hier mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abgedruckt. Er entstammt dem Buch

Richard Schuberth                                                                                      30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus

238 S. , EUR 24,-
Broschur mit Fadenheftung
ISBN 978-3-85132-531-7, 2008

Wie Karl Kraus zitiert Richard Schuberth gern Denker und Zeitgenossen, um das  Wort von dem aus Geistverlassenheit erstandenen Unwort zu scheiden. Auf diese Weise kommt sogar der Literaturfatzki Reich-Ranicki zu zweifelhafter Ehre, dem nicht nur das zu erwartende Missverständnis unterläuft, Karl  Kraus zum Schriftsteller zu pejorisieren, sondern der darüber hinaus auch die Unverfrorenheit besitzt, ihm eignende Charaktereigenschaften flugs jenem zuschreiben zu wollen. Man bleibt unentschieden, ob Bösartigkeit und Verlogenheit  ihn trieben  oder  ob,  angesichts des ersichtlichen Versagens  im Vergleich zu  Karl Kraus, nur ein schlechtes Gedächtnis  unterstellen ist. Wünschte er sich doch weiland laut Fersehinterview in der Nachfolge begriffen zu sehen von  Tucholsky ( wie das?), Alfred Kerr (schon besser) und  Karl Kraus(Chuzpe).  Den letzten Namen  sprach er nach meinem Gedächtnis etwas leiser, damit jener ihn nicht etwa doch gehört und einen  Bannstrahl herabsandt hätte.

Richard Schuberth  beleuchtet in  30 Versuchen zur Anstiftung  das Verhältnis der Person Karl Kraus zu verschiedenen kultur- und gesellschaftspolitischen Themen seiner Zeit wie etwa dem Nationalsozialismus, den »Psychowissenschaften«, Journalismus, Satire, Frauen und Sexualität.Die Essays unterstreichen dabei die Bedeutung Kraus’ als Vordenker der Kritischen Theorie sowie die Wichtigkeit seiner Sprachkritik für zeitgenössische Gesellschaftskritik – »Kraus verstehen lernen hieße in der Sprache denken lernen – und nicht nur mit ungeahnten Schätzen belohnt werden, sondern dort, im sprachlichen Denken, vielleicht das letzte wehrhafte Asyl einer Individualität zu finden, die diesen Begriff einzig verdiente.« (Richard Schuberth)

 

Karl Kraus und die Eitelkeit

„Eitelkeit und Geltungssucht dieses Schriftstellers kannten keine Grenzen, sein Ehrgeiz wurde nur von seiner Selbstgerechtigkeit übertroffen.“           Marcel Reich-Ranicki

„Wenn es die Welt tadelt, dass ich zu viel über mich selbst rede, so tadle ich, dass diese nicht einmal über sich selbst denkt.“                                Michel de Montaigne

 

Reflex der Eitelkeit

Die Welt, die im Gewande lebt,

nach Genuss und Gewinn und nach Würden strebt,

an der Macht und am Schein, an der Meinung klebt,

ihr Nichts erhebt und vor nichts erbebt

und sich dünkt der Schöpfung Scheitel –

sie sagt, weil ich sah, wie sie, diese Welt,

sich täglich mit sich zufrieden stellt

und sich weitaus besser als mir gefällt,

der sie nicht für die beste der Welten hält:

ich sei eitel.           Karl Kraus

„Er war sich das Maß aller Dinge, musste sich das wohl sein, um als orthodoxer Einzelgänger sein Gleichgewicht unerschüttert zu bewahren.“    Alfred Polgar

Es gibt wohl keinen Vorwurf, der das Prinzip der Gegenprojektion in seiner Banalität dermaßen bestätigt, so sehr auf die Vorwerfer zurückfällt wie der der Eitelkeit. Der Eitelkeit, der Egomanie, des Narzissmus. Eine narzisstisch gestörte Gesellschaft muss ihre zwanghafte Sucht nach wechselseitiger Bestätigung, im Drängeln um knappe Güter wie Geltung und Kapital, als sozialen Sinn tarnen, um jeden, dem genug Kraft und Geist geblieben ist, sich dieser Konformität zu entziehen, mit der Eitelkeitskeule zu prügeln. In Abwandlung von Nietzsches Aphorismus sind es interessanterweise nicht die, welche das Licht suchen, um besser gesehen zu werden, sondern immer die, welche besser sehen wollen, denen man Selbstsucht vorwirft. Und wer das Spiegelkabinett der gegenseitigen Anerkennung, in das jegliche gesellschaftliche Ideologie ihre Zerrbilder wirft, zerbricht, der kann dies wohl nur tun – zu mehr reicht der psychologisierende Alltagsverstand nicht –, um sich in sich selbst zu spiegeln. Wer es nicht nötig hat, uns zu genügen, der genügt sich folglich selbst. Dass solch einer oder eine aber ganz anderen Werten, Idealen und Prinzipien genügen will als sich selbst, um eben diese – und mit ihnen sich – vor der Beschmutzung durch falschen sozialen Konsens zu retten, muss einer Gesellschaft, die keine Triebfeder mehr kennt als den Eigennutz, suspekt sein. Nichts erscheint ihr eitler als der freiwillige Verzicht auf Eitelkeit, der uns zu jener unbequemen Wahrhaftigkeit führen könnte, wo wir womöglich nicht mehr verstanden und lieb gehabt werden. Theodor Adorno beschreibt das Missverstehen solch eines Renitenten in seiner „Minima Moralia“: „Um nicht unter die Räder zu kommen, muss er die Welt an Weltlichkeit umständlich überbieten und wird des ungeschickten Zuviel leicht überführt. Argwohn, Machtgier, Mangel an Kameradschaft, Falschheit, Eitelkeit und Inkonsequenz lassen sich zwingend ihm vorhalten. Gesellschaftliche Zauberei macht unausweichlich den, welcher nicht mitspielt, zum Eigennützigen, und der ohne Selbst dem Prinzip der Realität nachlebt, heißt selbstlos.“

Wirklich kritischer Instinkt sucht und findet Selbstlosigkeit aber immer dort, wo höchste Selbstsucht vermutet wird. Bei tieferer Betrachtung entpuppt sich zum Beispiel das frivole Posieren eines Oscar Wilde als zielgenaue Provokation einer heuchlerischen Bürgerwelt, die ihren ökonomischen Egoismus mit einer moralistischen Verachtung alles Dekadenten zu bemänteln versuchte. Nicht anders, wenn sich Kraus einmal selbstironisch „vielgeliebter, schöner, grausamer Mann“ nannte, was die narzisstischen Dummköpfe heute noch bei ihrer Suche nach Beweisen für seinen Narzissmus für bare Münze nehmen. Gerade hinter Wildes Anmaßungen wird man eine selbstvergessene Humanität finden, die all den falsch Bescheidenen die Schamesröte ins Gesicht triebe, brächten sie nur einen Teil davon auf.

Wer nicht mitspielt, ist eitel! Sucht er nach Verständnis, ist das pure Eitelkeit, verzichtet er darauf, erst recht! Selbst die Schüchternheit des Einzelgängers in der letzten Reihe wurde noch in jeder Schulklasse als Arroganz missverstanden; so bekundet der Mehrheitskonsens seine gefährliche Unsicherheit gegenüber der Minorität.

Ambrose Bierce (1842–1913), jenes amerikanische Pendant zu Karl Kraus, definierte in seinem „Devil’s Dictionary“ den „Egoisten“ als „Person minderen Geschmacks, mehr an sich als an mir interessiert“. Und entlarvte den Wunsch nach Bestätigung als den wahren Egoismus. Dieser Wunsch wäre eine sympathische menschliche Schwäche, knüpfte sich an ihn nicht so viel ideologische Konformität. Doch Karl Kraus ist nur insofern an sich interessiert, als er sich zum Prisma seiner Gesellschaftskritik macht: „Ich spreche von mir und meine die Sache. Sie sprechen von der Sache und meinen sich.“

Wem Stil über Mitteilung geht, ist eitel?

Mit dem Vorwurf der Selbstverliebtheit hatte Kraus sein Leben lang zu kämpfen, doch er wuchs an ihm und bescherte der Nachwelt die wohl scharfsinnigsten Reflexionen zum Thema. Gerade im geistigen Schöpfungsakt funktioniert die Retournierung des Eitelkeitsvorwurfs bestens. „Eitel ist bloß die Zufriedenheit, die nie zum Werk zurückkehrt.“ Denn: „Ein guter Stilist muss bei der Arbeit die Lust eines Narzissus empfinden. Er muss sein Werk so objektivieren können, dass er sich bei einem Neidgefühl ertappt und erst durch Erinnerung draufkommt, dass er selbst der Schöpfer sei. Kurzum, er muss jene höchste Objektivität bewahren, die die Welt Eitelkeit nennt.“ So hart an Werk, an Gedanke und Stil zu arbeiten, dass diese würdig werden, sich in sie zu verlieben, ist nicht Hybris, sondern höchste ethische Maxime, ein dermaßen selbstloser Weihedienst am Stoff, dass zur Belohnung auch ein paar Brosamen fürs Ego abfallen. Eitelkeit, für eine höhere Sache gebändigt, wie ein Pferd vor die Kutsche gespannt, hat sich den Hafer brav verdient. Wir hingegen spannen Sache wie Sprache gleich Ackergäulen vor unser Selbst, das wegen als Menschenliebe getarnter Eigenliebe dem stallwarmen Konsens keinesfalls davonpreschen darf – ganz gleich ob wir kommunikativ oder objektiv sein wollen, und beschimpfen jene als eitel, die des Stalls nicht bedürfen.

Kraus will nicht sich, sondern der Sprache gefallen, im Vergleich zu jenen, die Sprache wie Sache nur dazu missbrauchen, um überhaupt „Ich“ zu sagen.

„Ich spreche nie von mir“, bekennt er, „sondern an mir von der Sprache. Ich habe nie einen Satz über mich geschrieben, ohne selbst noch an diesem Stilproblematisches zu erörtern. Ich bin nur das nächstbeste Beispiel für mich. Das nächste, wie ich selbst zugeben muss, das beste, wie auch mein Kritiker zugibt. (…) Ich sagte einmal, dass, ‚wer mit einer Sache verschmolzen ist, immer zur Sache spricht und am meisten, wenn er von sich spricht’. Dass, ‚was sie Eitelkeit nennen, jene nie beruhigte Bescheidenheit ist, die sich am eigenen Maß prüft und das Maß an sich, jener demütige Wille zur Steigerung, der sich dem unerbittlichsten Urteil unterwirft, welches stets sein eigenes ist’.“

Wer auf Ruhm, aber nicht auf Ehre verzichtet, ist eitel?

Niemand hat die intellektuellen Eitelkeiten seiner Zeit so gekränkt wie Karl Kraus, zumal er sich die Objekte seiner Satire nicht einmal als Personen, sondern als Marionetten allgemeiner Missstände vornahm – und zu allem Überdruss mit keiner Zeile auch nur den geringsten Zweifel offen ließ, dass seine Kritik, welche Anhänger ebenso wenig schonte wie Gegner, nicht von persönlicher Ranküne, sondern ethischem Ernst angetrieben wurde. Wie aber, so fragten sich die, welche letztlich nur ihr eigenes Süppchen kochten, konnte er, der sich anmaßte, den Zeitgeist in brodelnder Sintflut zu ertränken, dermaßen konsequent auf Anerkennung verzichten, wenn nicht aus purer Selbstgerechtigkeit. Wer seinen Inhalten nichts entgegenzusetzen wusste, musste sich mit Psychologie, jener Religion der Kleingeister, behelfen und narzisstische Störung an ihm diagnostizieren. Und gemäß dem Axiom der bürgerlichen Bewusstseinsindustrie, dass, worüber nicht berichtet wird, nicht existiert, mehr noch, nicht existieren darf, griff diese zu ihrer effektivsten Waffe: Totschweigen! Ihre Vertreter hielten dieses aber weniger aus als er und schlugen zumeist mit Anspielungen zurück, oft ohne Nennung seines Namens, und wenn doch, dann ohne Nennung des eigenen. Anspielungen auf seinen Misswuchs oder seine jüdische Herkunft reichten aber nicht an die Häufigkeit heran, mit der seine Eitelkeit verspottet wurde. Auf seine indirekten Kritiker traf zu, was der Dichter und Philologe Friedrich Wilhelm Riemer (1774–1845) auch den anonymen Internet-Postern unserer Tage auf den Leib geschrieben haben könnte: „Ein offener, dem Gesicht sich stellender Gegner ist ein ehrlicher, gemäßigter, einer mit dem man sich verständigen, vertragen, aussöhnen kann; ein versteckter hingegen ist ein niederträchtiger, feiger Schuft, der nicht so viel Herz hat, sich zu Dem zu bekennen, was er urtheilt, dem also nicht ein Mal etwas an seiner Meinung liegt, sondern nur an der heimlichen Freude, unerkannt und ungestraft sein Müthchen zu kühlen.“

Karl Kraus charakterisierte die übliche Kritik an seiner Kritik folgendermaßen: „Die Schwäche sieht sich im Spiegel und wirft ihn wütend nach mir und hofft, nun werde es mein Bild sein. Weil mich der Spiegel getroffen hat. (…) Die von mir gekränkte Zeit nimmt das nächste Wort, das ihr zur Hand, als Wurfgeschoß. Mir hat noch nie ein anderes Echo geantwortet, als der unartikulierte Aufschrei.“ Zu dieser Abfolge von Aufschrei und Totschweigen schuf er in der „Fackel“ eine Gegenöffentlichkeit, indem er jeden seiner Auftritte sowie manche publizistische, zumeist aus dem Ausland kommende Reaktion auf sein Wirken dokumentierte – für seine Feinde einmal mehr Beweis seiner Egomanie. Eine der letzten, aber gründlichsten und souveränsten Stellungnahmen zum Eitelkeitsvorwurf gab er 1926 im Text „Ich und Wir“ ab.

„Die Verbreitung des Rufs meiner Eitelkeit, die eine der stärksten Sicherungen gegen die Verbreitung meines Werks bildet, ist die Parole, auf die sich die Würdenträger der geistigen Zentren des deutschen Sprachgebiets geeinigt haben, und sie begründen sie damit, dass ich in Ermangelung ihrer guten Nachrede eben selber von mir spreche.
Aber wenn sie einen freien Augenblick hätten, um einmal nicht zu lügen, müssten sie zugeben, dass ich schon wegen der größeren Unbeliebtheit ein interessanteres Thema bin als sie; dass der, der nur aus sich selbst besteht, es schwerer hat, bei der Betrachtung der Welt von sich abzusehen, als einer, der aus nichts besteht; und dass, was bei mir herauskommt, allgemeiner ist, als wenn die Journalisten von der Welt sprechen, und persönlicher, als wenn sie von sich selbst zu sprechen anhüben. (…) Der der Sache mit seiner Person dient und vor sie tritt, um für sie einzutreten, ist selbstgefällig in den Augen solcher, die ihrer Person mit einer Sache dienen, sie um persönlicher Ziele willen verfolgen, mithin allen Grund haben, ihr dürftiges Ich hinter ihr zu verbergen und denen es auch mühelos gelingt. Sie sind so bescheiden, sich in ein »Wir« zu multiplizieren, das Sicherheit, Kredit und Machtzuwachs gewährt. Sie finden es schicklich, mit ihrer Persönlichkeit hinter den Dreck, den sie schreiben, zurückzutreten — mit Recht, denn wer wollte da auch hineintreten? Außer mir, dem vor nichts graust und der mit seinem Ich noch solche Spur verfolgt! Aber ist dieses Ich nicht gemeinschaftlicher als jenes Wir? (…)

Spiegle ich mich in diesen Erscheinungen oder lasse ich nicht vielmehr sie in mir sich spiegeln? Ist da nicht eine Phrase gegenteiligen Sinnes als Vorwurf gegen mich erstanden, wenn sie sagen, ich spräche von mir selbst, während ich doch eigentlich nichts tue als dass ich von der Welt spreche und dabei allerdings unaufhörlich Gott danke, dass ich nicht bin wie jene – ein Stoßgebet, bei dem ich wohl kaum von meiner Person ganz abstrahieren könnte. Meine Eitelkeit, die ich in gewisser Hinsicht zugebe, ist somit keine solche, die auf irdische Erfolge abzielt, sondern vielmehr eine, die sich in dem Verzicht auf Ehren, welche mir nicht gebühren, genugtut, also die rechte Bescheidenheit, ja wahre Demut, die weiter herauszustreichen ich unterlassen muss, weil es mir den Vorwurf der Eitelkeit eintragen würde.“

Wer der Schwäche, es sich in und mit der Gesellschaft zu richten, widersteht, wird zuerst als Versager gebrandmarkt, und kann er glaubhaft machen, dass er nicht aus Schwäche dieser Schwäche nicht erliegt, als größenwahnsinniger Egomane. „Ich habe mich im Laufe der Jahre zum Streber nach gesellschaftlichen Nachteilen entwickelt“, schreibt Karl Kraus im Jahre 1908 kokett. „Ich lauere, spüre, jage, wo ich eine Bekanntschaft abstoßen, eine einflussreiche Verbindung verlieren könnte. Vielleicht bringe ich’s doch noch zu einer Position.“ Solch Unverfrorenheit, die vor keinem gesellschaftlichen Vorteil, vor keiner Mode das Knie beugt, aber vor dem Ideal kritischer Wahrheit sich demütig in den Staub wirft, die sich von dem, was schlechthin ist, zugunsten dessen, was sein könnte, nie beeindrucken lässt, ist heute undenkbarer als je. Wie damals in der Schule verhält es sich auch jetzt auf dem Bewusstseinsmarkt – ganz gleich, ob links oder rechts: Wer das Konsumangebot an Identitäten verschmäht, kommt sich als was Besseres vor, und behält Recht, wenn die Ich-AGs sich seinen Verzicht auf Eigennutz nicht anders denn als Eigennutz der Selbsterhöhung erklären können. Karl Kraus sprach in Anlehnung an die Worte Montaignes und in dem Wissen, dass jede Stellungnahme zu solchen Vorwürfen als Verteidigung, folglich als Schwäche, folglich als Eitelkeitsproblem ausgelegt würde, ein Machtwort: „Wenn einer es tadelt, dass ich eitel bin, so tadle ich, dass er ein Trottel ist.“