Sein oder Design ist nicht mehr Frage, sondern schon Antwort. So schafft die entstellteste Menschheit das höchste Bruttosozialprodukt.

Notizen zur Zeit.`S ist – wieder – Krieg. Von W.K.Nordenham

22. Januar 2015 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit

Aus aktuellem Anlass erscheint hier das berühmte Gedicht von Matthias Claudius, dessen Todestag sich zum zweihundertsten Male jährt. Dazu ein congenialer Originaltext  Jean Paul Richters, den zuerst Karl Kraus in der Fackel abgedruckt hat .

`S ist Krieg. Von Matthias Claudius

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!
O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
‘s ist leider Krieg –
und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

 

Levana oder Erziehlehre – Kapitel 44

Aber wie soll nun ein junger Fürst die glänzende Gestalt des Kriegs – dieses Höllenflusses, der die lebendige Erde umgürtet, und die tote innere bevölkert – auf der schwarzen Seite zu sehen bekommen? Denn wahrlich nötig ists, besonders für Deutschland, das immer mehr der Hyde-Park und das Holz von Boulogne wird, wohin Europa sich bestellt, wenn es sich schlagen will. Werden Sie ihm den Chorfluch aller Weisen und Dichter auf den Krieg, das letzte Gespenst und wilde Heer aus der Barbarei, hören lassen? Werden Sie gleich mir eine Friedenpredigt vor dem Kriege an den Fürsten, der eben den Brandbrief zum Kriegsfeuer hinwerfen will, etwa so halten: »Bedenk es, ein Schritt über dein Grenzwappen verwandelt zwei Reiche, hinter dir verzerrt sich deines – vor dir das fremde. – Ein Erdbeben wohnt und arbeitet dann unter beiden fort – alle alte Rechtsgebäude, alle Richterstühle stürzen, Höhen und Tiefen werden ineinander verkehrt. – Ein jüngster Tag voll auferstehender Sünder und voll fallender Sterne, ein Weltgericht des Teufels, wo die Leiber die Geister richten, die Faustkraft das Herz. Bedenk es, Fürst! Jeder Soldat wird in diesem Reich der Gesetzlosigkeit dein gekrönter Bruder auf fremdem Boden mit Richtschwert, aber ohne Waage und gebeut unumschränkter als du; jeder feindliche Packknecht ist dein Fürst und Richter, mit Kette und Beil für dich in der Hand! – Nur die Willkür der Faust und des Zufalls sitzt auf dem Doppel-Throne des Gewissens und Lichts. – Zwei Völker sind halb in Sklavenhändler, halb in Sklaven verkehrt, unordentlich durcheinander gemischt. – Für höhere Wesen ist das Menschenreich ein gesetz- und gewissenloses, taubblindes Tier- und Maschinenreich geworden, das raubt, frisst, schlägt, blutet und stirbt. – Immerhin sei du gerecht, du lässest doch durch die erste Manifestzeile wie durch ein Erdbeben die gefesselte Ungerechtigkeit aus ihren Kerkern los! Auch ist ja die Willkür so hergebracht groß, dass dir kleinere Misshandlungen gar nicht, und große nur durch ihre Wiederholung vor die Ohren kommen. Denn die Erlaubnis, zugleich zu töten und zu beerben, schließt jede kleinere in sich. Sogar der waffenlose Bürger tönt in die Misse- und Schrei-Töne ein, vertauschend alle Lebens-Plane gegen Minuten-Genuss und ungesetzliche Freiheit und von den befreundeten Kriegern als ein halber, von den anfeindenden als ein ganzer Feind behandelt und aufgereizt. Dies bedenke, Fürst, bevor du in die Heuschreckenwolke des Kriegs alles dein Licht verhüllst und in dein bisher so treu verwaltetes Land alle Krieger eines fremden zu Obrigkeiten und Henkern einsetzest, oder deine Krieger ebenso ins fremde!«

Nachwort

Den Text von Jean Paul hat Karl Kraus gefunden, das Gedicht von Matthias Claudius ist Vermächtnis meiner Schulzeit.  Es gibt so gute Berater des Wortes!  Würden die Wahnsinnigen im Glauben ihre Gottes-Texte  begreifen,  in denen unentwegt von Barmherzigkeit die Rede ist, wie könnten sie noch den Götzendienst ihrer Mordtaten ableisten? Da fehlt ein 18. Jahrhundert der Aufklärung.  Denn vor der französischen Revolution wäre es einem wiederkehrten Jesus in christlichen Abendland wohl wie in Dostojewskis  Großinquisitor ergangen und ob die Islamisten heutzutage dem Propheten  folgen würden, wage ich schon deshalb zu bezweifeln, weil auch ich im Q´uran nichts finde, was deren Untaten begründete geschweige denn rechtfertigte. Was sie als Menschen gegen den Mitmenschen niemals anfingen zu tun, im missbrauchten Namen Gottes vollbringen sie es. Nehmt also und lest! Würden die Mächtigen der Welt von  Bush bis Bundestag, von Poroschenko bis Putin  richtig lesen,  Gelesenes also bedenken, wieviel Leid für die Menschen wäre vermieden?  Wieviel posttraumatische Belastungssyndrome blieben Opfern und auch Tätern erspart, denen, die überlebten? Wie kann es geschehen, dass ein alkoholdebiler Pseudochrist im  21. Jahhundert in die Lage versetzt wird, die Völker in zwei irrwitzige Kriege zu stürzen, ohne ein anderes Ergebnis erwarten zu dürfen als ein nicht enden wollendes Chaos? Es stand geschrieben und war ausgesprochen. Einfache Nachweise  gefällig ?

Vor längerer Zeit las ich den Bericht eines deutschen Arztes über seinen Aufenthalt in Afghanistan im Jahre 1924. Alles kommt einem bekannt vor in seinem Bericht. Auch eine Art „Karsai“ gab es seinerzeit, ebenso die gegnerischen Fanatiker.  Allein, die besitzen heute dazu die Macht der Waffen, aber immer noch zu wenig Schulen. Jahrzehnte Krieg und kein Ergebnis außer Leid. Am Hindukusch wird nicht die Freiheit verteidigt, sondern die Hybris des Westens befriedigt. Vor dem zweiten Irakkrieg erklärte mir ein palästinensischer Arzt und Kenner des Irak, dass die Amerikaner „ ihr blaues Wunder“ erleben würden, wenn sie Saddam Hussein einfach absetzten. Er verwies auf die besondere Situation dieses Landes, die künstlich gezogenen Grenzen, die außerordentlichen Unterschiede der Stämme und Glaubensrichtungen. Er beschrieb dies als gängige Meinung in seinen Kreisen. Der Forscher  Heinrich Barth war vor über 150 Jahren in Afrika zum Niger unterwegs. Ernste Schwierigkeiten hatte er nur  im Norden mit strengstgläubigen Muslimen, in der Region  Bornu. Das heißt jetzt Borno und liegt genau dort, wo die Boko haram-Mordbuben ihr Unwesen treiben. Seit Barths Zeiten hat sich mangels Bildung nichts verändert. Als kenntnisreicher Journalist antwortete Peter Scholl-Latour auf die Frage nach einem möglichen arabischen Frühling in Syrien, dass es dort angesichts der Machtverhältnisse nur zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Dessen Ende ist aktuell nicht abzusehen. Derselbe nur Journalist Scholl-Latour, beschrieb in seinem Buch „Russland im Zangengriff“ das Szenario, welches zur Krim-Besetzung und in den wahnwitzigen Ukrainekrieg führte, der erst am Anfang steht. Wozu braucht es eigentlich die unzähligen Geheimdienste und Berater, die nichts bewirkten außer Massentod, Guantanamo, Waterboarding, IS und Bürgerkriege in Syrien und der Ukraine? Von unzähligen anderen Untaten, auch jenen durch wörtliches „Nichttun“,  gänzlich zu schweigen. Ein Westerwelle sitzt auf dem Maidan, statt mit Putin zu sprechen. Man hört dem Gegenüber nicht mehr zu, man sieht nicht die Zeichen, man hört nur sich und auf sich.  Allenthalben sind die  Zauberlehrlinge am Werk. Oder handelt es sich um eine perfide Form von  „Divide et impera“ ? Wie Karl Kraus für seine Zeit feststellte, so ist auch aktuell ein Politiker, angesichts dessen die Probleme klein erschienen, nicht in Sicht. Ich wäre mit einem „kleiner“ zufrieden.  Wie sagten die Alten? Was Du auch tust, handele klug und beachte Folgen. Bildung statt Bomben, das wärs!

W.K. Nordenham


Was ein Mensch wert ist. Aus der Ärztezeitung 16.1.2015. Von W. K. Nordenham

16. Januar 2015 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit, Was ein Mensch wert ist

Die folgende Geschichte beschreibt nur ein Symptom der Krankheit. Der Vorgang deckt sich mit meinen Erfahrungen. Besonders verwerflich scheinen mir die Anrufe bei  Schwerstkranken, wann man denn endlich wieder arbeiten ginge, ohne vorher mit dem behandelnden Arzt Kontakt aufgenommen zu haben.  Ein psychisch Kranker wurde daraufhin  suizidal. Das änderte nichts an der Praxis. Denn weniger sich der Mensch ähnelt, desto besser funktioniert er. So schafft die entstellteste Gesellschaft das höchste Bruttosozialprodukt.  Was wäre, widmeten  die Menschen  einen größeren Teil ihrer Aufmerksamkeit dem, was im  Kopf ist, statt  immer wieder  dem, was auf ihm ist?  Der Lebensbogen sähe sich weniger vom Ellenbogen dominiert.

W.K. Nordenham

Ärzte Zeitung, 16.01.2015

Betroffener berichtet

Kampf gegen Krebs und Bürokratie

Als Wolfgang Jorzik die Diagnose Krebs erhält, kommt zu der Angst vor der Krankheit schnell ein gewaltiger bürokratischer Aufwand. Seither kämpft der 52-Jährige für eine Entbürokratisierung, schnellere Hilfe für Betroffene – und mehr Menschlichkeit im Umgang mit Schwerstkranken.

Von Anja Krüger und Pascal Beucker

Vielleicht ist es das letzte Fest, das sie zusammen feiern. An einem regnerischen Wintertag treffen sie sich alle noch einmal. Den ganzen Nachmittag kommen immer wieder neue Gäste, viele mit Kindern. Ein Gartenfest, bei Glühwein und Brezeln. Schließlich habe es mit dem geplanten Sommerfest nicht geklappt, hat Wolfgang Jorzik in der Einladung geschrieben. Das soll nachgeholt werden, aber „nicht drinnen in der Comfort-Zone, sondern beinhart und stilecht im Gartenhaus und im Garten“. Herzlich fallen die Begrüßungen aus an diesem Tag, wärmer noch die Verabschiedungen. Das Fest müsse schnell stattfinden, hatte seine Frau Louisa den Eingeladenen mitgeteilt. Sie beobachtet, dass ihr Mann sich verändert. Sie weiß nicht, ob das am Kortison oder den Tumoren in seinem Kopf liegt. Sie will nicht, dass es zu spät sein könnte für ein großes Wiedersehen mit Bekannten, Freunden und Kollegen. Wolfgang Jorzik kämpft gegen den Krebs – und gegen die Bürokratie. „Die Sanduhr läuft“, sagt der 52-Jährige. „Und es ist unglaublich, wie viel Zeit man in Anträge und Formulare stecken muss. „Vor elf Monaten ist sein Leben und das seiner Familie aus den Fugen geraten, von einem Tag auf den anderen. Rückblickend weiß der Journalist die vorangegangenen Veränderungen als Symptome zu deuten. Wortfindungs- und Gleichgewichtsstörungen, ein zwanghaftes Rückwärtslesen von Wörtern, ein merkwürdiges Verhältnis zu Zahlen. So addierte er die Ziffern auf einer Flitzebogenscheibe immer und immer wieder, genau wissend, dass sie 920 ergaben. Plötzlich versetzte sein Fahrstil seine Frau und die Zwillinge des Paares in Angst und Schrecken. Dabei war er doch stets ein äußerst zurückhaltender Autofahrer.

Niederschmetternde Diagnose

Am 17. Februar strandet er auf einem Parkplatz in Leverkusen. Er ruft seine Frau an, ist extrem verwirrt. Sie alarmiert die Polizei. Die Beamten bringen ihn sofort in die Klinik. Zwei Stunden später, nach einem MRT des Kopfes und des Brustkorbs, eröffnet der Oberarzt dem Journalisten: Er hat eine sehr aggressive Form von Lungenkrebs. Weitere Untersuchungen ergeben Metastasen in der Leber und drei Tumore im Kopf, einer mit einem Durchmesser von fast vier Zentimetern im Stammhirn. Die Diagnose ist niederschmetternd. Die Ärzte geben Wolfgang Jorzik ohne Behandlung drei Monate. Im Sommer sollen seine Zwillinge eingeschult werden. Mit der Behandlung beginnt dann auch ein ständiger Kampf mit der Bürokratie. Die Krankenkasse verlangt Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die fristgerecht beim Arzt am anderen Ende der Stadt abgeholt werden müssen. Beim medizinischen Dienst der Krankenkassen muss eine Pflegestufe beantragt, die Begutachtung organisiert werden. Der Schwerbehindertenausweis muss beantragt werden, mit genau definiertem Passbild. Der Antrag an die Krankenkasse für eine Haushaltshilfe zieht sich ewig hin, denn der freie Radiojournalist und seine Frau sind bei unterschiedlichen Kassen versichert.“E r s t  n a c h  d i v e r s e n  A n r u f e n    w a r   z u   e r f a h r e n ,    d a s s    w e i t e r e    U n t e r l a g e n    w i e    A r z t b r i e f e    f e h l e n „, berichtet Jorzik.  D o c h  d a s    t e i l t    d i e   K a s s e   n i c h t   m i t ,   s i e   w a r t e t   e i n f a c h   a b . Aufseiten des Patienten dagegen muss alles so schnell wie möglich geschehen. Werden Unterlagen wie die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nicht fristgemäß eingereicht, wird die Leistung gestrichen. Dabei ist die Diagnose ein Schock, der erst einmal verarbeitet werden muss.   D i e     B ü r o k r a t i e     h i l f t     d a b e i   n i c h t ,   i m   G e g e n t e i l . „Ausgerechnet dann, wenn man am wenigsten Kraft hat, muss man am meisten kämpfen“, sagt Jorziks Frau Louisa Schaefer, die ebenfalls Journalistin ist. Von vielen Mitpatienten erfährt Jorzik, dass sie ähnliche Erfahrungen machen. Der Kampf mit Formularen, Ämtern und Kassen ist für schwer Kranke und ihre Angehörigen eine enorme Belastung. So manchen Patienten erwartet nach dem Klinikaufenthalt erst einmal ein Berg von Formularen, der mühsam abgearbeitet werden muss, weiß der Journalist.

Mehr Menschlichkeit gefordert

Er will eine gesellschaftliche Diskussion in Gang setzen. In einem Beitrag für die Tageszeitung „taz“ fordert er im Mai mehr Menschlichkeit für Schwerstkranke. Der Titel des Artikels, „ICD-10-GM-2014 C34.9“, ist sein Diagnoseschlüssel. „Vieles spricht für eine neue Verwaltungsethik, für Menschlichkeit bei bürokratischen Vorgängen im Angesicht des Todes. Denn es sind Steuergelder und Krankenkassenbeiträge, die diese Verwaltungen finanzieren“, schreibt er. Und bekommt viel Resonanz. Der Text findet im Internet rasche Verbreitung, sein Blog „Cancer Corner“ viele Leser. Jorzik schreibt regelmäßig über seine Erfahrungen.   „Trotz des Ernstes der Lage klingt für mich in Ihren Zeilen viel Mut und Ermutigung durch. Manchmal so viel, dass ich mich frage, wo Sie bloß mit Wut, Trauer und Verzweiflung bleiben. Ich hoffe, auch dafür gibt es Platz“, schreibt ihm ein Arzt. Wolfgang Jorzik ist sich sicher, dass sich für schwerstkranke Patienten und ihre Angehörigen vieles erleichtern ließe – wenn es den politischen Willen dafür gäbe. „Die Nachricht, dass bei dem krankenversicherten Patienten C34.9 und C79.3 diagnostiziert sind, sollte den Verwaltungsapparat in Gang bringen, um dem Mitglied der Kasse sofort mögliche Hilfen vorzuschlagen, von der Übernahme der Fahrtkosten bei ambulanten Behandlungen wie der Strahlentherapie, einer Haushaltshilfe, einen Hinweis auf den Schwerbehindertenausweis und auf den psychosozialen Dienst des Jugendamtes der Kommune“, fordert er. Es gibt Hilfsangebote für Schwerstkranke und ihre Familien, wissen Wolfgang Jorzik und Louisa Schaefer aus eigener Erfahrung. Das Paar ist den Kindern gegenüber offen mit der Erkrankung umgegangen. Leicht war das aber nicht. Die beiden haben sich professionelle Unterstützung geholt. Die Pädagogin, die den Kindern beistehen sollte, stellte ihre Arbeit rasch wieder ein. Ihnen gehe es gut, die Eltern würden genau richtig mit ihnen umgehen. Aber von der Existenz solcher Angebote müssen Betroffene erst einmal erfahren, und sie müssen sie finden. Bewilligt sind sie damit auch noch nicht. Dafür müssen Dutzende von Kopien angefertigt, zigfache E-Mails geschrieben werden. „Mir ist es schleierhaft, warum bürokratische Abläufe in schwierigen Lebenslagen nicht vereinfacht werden können“, sagt Jorzik. „Eine einfache Meldung der Diagnose und Hilfe, ohne seitenweise Formulare ausfüllen zu müssen – das allein würde Betroffene und ihre Familien ungemein entlasten und gäbe den Verwaltungen die Chance, Empathie und Kundenfreundlichkeit zu zeigen“, sagt er. Finanzielle Sorgen kommen hinzu. Doch die Realität sieht ganz anders aus: „Multiple-Choice-Fragebögen erwarten Kreuzchen an der richtigen Stelle, die ersichtlich machen sollen, wer was bei wem wann an finanzieller Unterstützung beantragt hat oder ob schon Geld geflossen ist“, weiß Jorzik. „Was würden sich die Verwaltungen der Krankenkassen, Kommunen und Rentenversicherungen vergeben, wenn sie ihre eigenen und gemeinsamen Hilfsangebote synchronisieren und im Krisenfall leicht abrufbar machen?“ Technisch dürfte das im Internetzeitalter kein Problem sein. Nicht nur der Krebs macht onkologischen Patienten Angst. Viele haben finanzielle Sorgen, auch Jorzik. Noch bekommt er Krankengeld, 1100 Euro im Monat. Wegen derselben Krankheit zahlt die Krankenkasse maximal 78 Wochen Krankengeld. So steht es im Sozialgesetzbuch. Diagnose und Arbeitsunfähigkeit seit Februar 2014 bedeutet ein Mindestmaß an finanzieller Absicherung bis August 2015, glaubte er zunächst: „Vielleicht genügend Zeit, ohne allzu großen finanziellen Druck das eigene Leben und das der Familie in ruhigere Bahnen zu bringen – auch wenn die Krebsstatistik für mich nunmehr 52-Jährigen den August 2015 für kaum erreichbar hält“, schrieb er in seinem Blog. Wolfgang Jorzik ist arbeitsunfähig. So steht es im Entlassungsbericht der Reha-Klinik. Chemo- und Strahlentherapie haben ihre Folgen hinterlassen. Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Schwäche sind Normalität geworden. Er kann schlecht hören. N a c h d e m   d i e   R e h a   z u   E n d e   i s t ,   r u f t   d i e   z u s t ä n d i g e     S a c h b e a r b e i t e r i n      d e r      K r a n k e n k a s s e   r e g e l m ä ß i g      a n :   W a n n   e r   w i e d e r   a r b e i t e n   k ö n n e ? Das kann er nicht sagen.  T r o t z d e m   r u f t   s i e    i m m e r     w i e d e r     a n . Dann schickt die Rentenversicherung ein Schreiben mit dem Vorschlag, dass er einen Antrag auf Rente stellt. Er würde viel weniger Geld bekommen, etwa 300 Euro im Monat. Wovon soll die Familie dann leben? Ein Krankenhausaufenthalt überlagert diese Frage. Im Oktober beginnt die nächste Chemotherapie. Gerade aus dem Krankenhaus zurück, ruft die Sachbearbeiterin von der Krankenkasse wieder an. „Ihre Rentenversicherung hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sich schon entschieden?“, will sie wissen. Das hat Jorzik, der zu diesem Zeitpunkt wegen einer halbseitigen Kehlkopflähmung nur noch flüstern kann, nicht. „Sie sollten den Rentenantrag stellen“, sagt die Sachbearbeiterin. „Das hat nur Vorteile für Sie.“

Im Ermessen der Krankenkasse

Schließlich deutet die Rentenversicherung seinen Antrag auf Reha-Leistungen um in einen Antrag auf Verrentung. „An dieser Stelle ist die Krankenkasse vom Gesetzgeber gefordert, die entsprechenden Schritte einzuleiten“, sagt Kerstin Danylak von der BKK mhplus. Die Entscheidung treffe aber die Rentenversicherung. Krankenkassen haben einen Ermessensspielraum, das Krankengeld weiter zu zahlen. Der sei auf bestimmte Tatbestände eingegrenzt, sagt Danylak. „Entsprechende Fakten liegen uns im Falle von Herrn Jorzik nicht vor.“ Die mhplus habe sich im November telefonisch mit ihm in Verbindung gesetzt. „Krankheitsbedingt konnte dieses Angebot an Herrn Jorzik nicht umgesetzt werden, da dem Patienten das Sprechen sehr schwerfiel“, sagt Danylak. Die Kasse habe ihn schriftlich über die Notwendigkeit informiert, einen Rentenantrag zu stellen. „An diesem Punkt wurde es jedoch versäumt, alle durch Herrn Jorzik angefragten Informationen zur Verfügung zu stellen. Dieses Versäumnis hat die mhplus eingeräumt und bedauert“, räumt Danylak ein. Wolfgang Jorzik fühlt sich ausgetrickst. Er lässt sich juristisch beraten. Nichts zu machen. Die Krankenkasse darf ihm drohen, die Zahlung des Krankengelds einzustellen, wenn er nicht wie gewünscht einen Antrag auf Rente stellt. Stilvoll und moralisch sei das Verhalten allerdings nicht, konstatiert der Rechtsanwalt. “ S i e   s i n d   e b e n   n u r   e i n   V  o  r  g a n g ,   d e r   a b g e a r b e i t e t   w i r d „, sagt der Jurist zu ihm. Freunde haben ein Spendenkonto für die Familie eingerichtet.

Neue Chemotherapie begonnen

Im Dezember stellen die Onkologen weitere Metastasen im Gehirn fest. Von weit her sind Freunde zum Gartenfest gekommen. Vor der Hütte spielt ein Freund Akkordeon, ein anderer Gitarre. Wolfgang Jorzik und Louisa Schaefer stehen unter dem kleinen Vordach. Etwas entfernt brennt trotzig ein Feuer in einer Metallschale, Kinder spielen Fußball. Jorzik lächelt. Er hebt die Arme, um die vielen Umstehenden zum Singen zu ermuntern. Manche singen, manchen versagt die Stimme. Wider Erwarten finden die Ärzte nach der Gartenparty doch noch eine weitere Therapieoption. Mit dem neuen Jahr hat Wolfgang Jorzik eine neue Chemotherapie begonnen. Die dritte. Und er hat der Bürokratie einen kleinen Sieg abgerungen. Weil die BKK mhplus ihn nicht ausreichend informiert hat, erstattet sie seine Anwaltskosten, hat sie ihm gerade telefonisch mitgeteilt. Jorzik freut sich. „Es lohnt sich, sich zu wehren.“