Sein oder Design ist nicht mehr Frage, sondern schon Antwort. So schafft die entstellteste Menschheit das höchste Bruttosozialprodukt.

Die Detonation. Glossen. Von Karl Kraus

24. August 2016 | Kategorie: Aus "Die Fackel", Detonation, Journalisten, Notizen aus Medienland

DIE FACKEL

Nr. 336—337 23. NOVEMBER 1911 XIII. JAHR   S. 1-3

______________________________________________________________

Glossen Von Karl Kraus

Die Detonation

ist schrecklicher als der Schuss. Trostloser als das Leid ist die Teilnahme. Und je stiller das Haus, desto lärmvoller die Gasse. Nicht mehr ein Atridenmaß blutiger Tat kann uns entsetzen, stumpf wird das Messer an dem Nachspiel, der empfindlichste Sinn verhärtet an der Schmach, die einem Mord auf dem Fuß folgt. Der Schmerz muss sich durch die Neugier den Weg bahnen, um zu seinen toten Kindern zu gelangen; vor dem Tor steht das Volk, auf der Stiege stehen die Nachbarn und um die Leichen sind die Reporter gruppiert. Gleich werden die Eltern da sein. Jetzt sind sie an der Schwelle, jetzt werden sie in Ohnmacht fallen. Sie dürfen noch nicht. Sie müssen sich halten. Die Zeitungen sind vertreten und wollen wissen, ob sie etwas gewusst haben. Man hat ihnen drei Kinder weggeschossen, aber es sind so viele Herren da, die eine Auskunft wollen. Der Vater soll den Reportern alles sagen,  sie sind gefasst, das Äußerste zu hören. Die Mutter, die man nicht hineinlässt, weiß nichts, sie will es von ihnen hören. Sie schüttelt den nächsten, der ihr im Weg steht. Er müsse es doch wissen, wie das alles zugegangen ist, herrscht sie ihn an; er zuckt die Achseln und schreibt es auf. Alles schart sich wieder um den Vater, sie wollen hören, wie er mit tränenerstickter Stimme spricht. Man fragt ihn nach der toten Tochter, er sinkt schluchzend um und sie notieren. Aber dann zwingen sie ihn, ein Mann zu sein und ihnen zu sagen: »Sie war eine besondere Kennerin der historischen und  Kunstmerkwürdigkeiten der Stefanskirche, welche sie außen und innen in allen ihren Teilen genau kannte. « Er weiß nicht, ob das Leben für ihn noch einen Sinn hat, zwei Kinder sind tot, das dritte liegt verwundet im Spital, und »er äußert sich unserem Mitarbeiter gegenüber, dass die in unserem Morgenblatte gegebene Darstellung der Untat und ihrer Vorgeschichte den tatsächlichen Verhältnissen entspricht«. Es war fürs Abendblatt, er wollte noch ins Spital, nach dem Sohn zu sehen, aber sie sagten, dass es sonst zu spät wäre fürs Abendblatt. Er solle Details geben. Er sagte: »Es vergingen Minuten, die ich wohl nicht näher kennzeichnen muss«.  Aber gerade das wollten sie hören.  »Es waren Minuten der Qual, die keiner weiteren Hinzufügung bedürfen«, sagte er. Ja, gerade so was brauchten sie, wegen der Ausschmückung. »Die Leichen meiner toten Kinder habe ich nicht gesehen, man hat mich nicht zu ihnen gelassen, so sehr es mich zu ihnen gedrängt hat. « Man wusste schon, was man tat. Sie haben auch nicht jeder die Leichen gesehen, mancher nur mit den Eltern gesprochen. Es war ein Turnus. Und sie schrieben: »In die Wohnung wurde kein Unberufener gelassen«. Sie aber hatten dort zu tun. Der Vater soll ihnen etwas aus dem Leben erzählen, und wie die silberne Hochzeit war. Das Konzertprogramm wollen sie: was Marie gesungen und Georg gespielt hat. Im Taumel dieser Stunde klammert sich der alte Mann an jede Erinnerung, er spricht Monologe und sie schreiben mit. Sie wollen aber noch wissen, bei welcher Firma der Revolver gekauft worden ist. Das weiß der Vater nicht, das sagt ihnen die Polizei. Aber interessant ist, dass das Sofa in dem Zimmer, wo die Toten liegen, alt und unmodern ist. Noch zwei könnten Auskunft geben: der Mörder und der Psychiater. Aber jener hat sich selbst gemordet. Er hat, wie sie missbilligend feststellen, sein Geheimnis mit ins Grab genommen, und »wir können nur tasten und suchen, nur forschen und fragen, nur vermuten und bedauern«. Vielleicht weiß der Psychiater etwas. Der weiß, dass dieser dreifache Mord ein psychologisches Rätsel ist, und, »fügte der Gelehrte scherzend hinzu«: wenn wir alles psychologisch motivieren könnten, so würden wir auch für die Reden des Ministerpräsidenten Stürgkh eine Erklärung finden. Nur soviel könne er  sagen, dass »in dem vorliegenden Falle das anarchistisch-psychologische Element fehle«; Marie sei »keine der Damen gewesen, für die ein junger Mann sinnlos entflammt sein kann«; und er sei »sogar überzeugt, dass  Matkovic auch die Eltern erschossen hätte, wenn sie zur Zeit des Mordes in der Wohnung gewesen wären« … Wo waren die Psychiater? Oh hundertmal süße Vorstellung, dass alles das, was sich nach der Tat abgespielt hat, verhindert worden wäre! Hat dieses fromme Haus je zuvor solche Gäste beherbergt? Ist es erhört, dass ein Gesindel, das man zum Tee nicht ladet, beim Tod der Kinder zugegen sein darf? Hat es sich dieser Ritter von Holzknecht träumen lassen, dass er je Leichenfledderern werde erzählen müssen, wie weh ihm ums Herz sei? Unser aller Haus ist entweiht. Was Zeit und Zone an Schmutz hergeben können, ist an der Schwelle der Trauer abgelagert worden. Die Tat eines Geisteskranken ist so wenig ein Problem wie die eines Ziegelsteins. Dass ein Unschuldiger getroffen wird, damit fertig zu werden, ist Religion. Wie aber um Gottes willen damit fertig werden, dass die verantwortliche Gemeinheit des Lebens in das Heiligtum des Unglücks speit? Hier erlöst nur die Hoffnung auf den vollwertigen Mörder, der drei Kinder verschont, aber Alles, was auf das Mordgerücht hin die Schwelle des Hauses zu übertreten wagt, erbarmungslos niederknallt!

———————————————————————————

So waren die Reporter schon vor einhundert Jahren, als sie vor und in den Häusern lagerten. Heute kommen sie in Kompaniestärke  mit Übertragungswagen und legen ihre Hände auf alles das sie nichts angeht. Sie stillen die Gier  ihrer Klientel  nach auch den peinlichsten Informationen, die ihnen nimmer peinlich sind und die sie im  Notfall schon mal dazu erfinden müssen, wenn es sonst nicht reicht. Am Ende übersieht der Nachrichten-Konsumo am Ende noch sein eigenes Leben, weil er zu viel sieht und das Fremde lebt und erlebt statt des Eigenen. Kann es einen schlimmeren Diebstahl geben?   W.K. Nordenham


Notizen zur Zeit : Karl Kraus, Jonathan Franzen, Daniel Kehlmann und die Folgen in der FAZ. Von W.K. Nordenham

15. Dezember 2014 | Kategorie: Artikel, Journalisten, Notizen aus Medienland, Notizen zur Zeit

Franzen: …“Ich betrachte mit seinen Augen das Zeitalter von Google, Facebook und Twitter. Dabei fiel mir etwas Unglaubliches auf: Vieles von dem, was Kraus schrieb, trifft unsere Zeit noch genauer als seine eigene.“

Jonathan Franzen

Das Kraus-Projekt  Rowohlt   2014  304 S.  ISBN 978-3-498-02136-8      19,95 €

Karl Kraus wird immer lebendiger. Das erfreut mich und die ihn schätzen, was mehr beinhaltet  als ein bloßes Verehren, weil dieses kritische Betrachtung ermöglicht, was jene eher hindert. Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann geben im Interview in „Die Zeit“ ein  Beispiel für  Ersteres, dem wie zum Gegenbeweis etwas auf  Journailleniveau aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgt. Wäre Herr Weidemann nicht Feuilletonchef bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Text hätte das Lektorat keinesfalls so  passiert.  So mutiert sein  Kommentar ungewollt zu einem  q.e.d. für  Karl Kraus` Argumentation.

DIE ZEIT Nº 49/2014  27. November 2014  07:00 Uhr

Karl Kraus

Der große Bruder

Die Schriftsteller Jonathan Franzen und Daniel Kehlmann sind Freunde, und beide verehren den genialen Satiriker Karl Kraus. Über ihn wollen sie hier reden – aber auch über die Erotik der Sprache, die Freuden des Zorns und über die Abgründe des Internets. Interview: Peter Kümmel

Seit 30 Jahren steht der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen im Bann des Wiener Satirikers und Kritikers Karl Kraus (1874 bis 1936). Um Kraus endlich wirklich zu verstehen, hat Franzen zwei von Kraus’ zentralen Essays, Heine und die Folgen und Nestroy und die Nachwelt, ausführlich kommentiert und ins Englische übersetzt. Die deutsche Ausgabe dieses Werks heißt Das Kraus-Projekt. Das Buch ist auch ein autobiografisches Unternehmen, ein Ich-Projekt, denn die Fußnoten zu Kraus geben Aufschluss über Franzens eigenes Schriftstellerleben. Als Lektor und Berater stand Franzen sein europäischer Freund Daniel Kehlmann zur Seite, auch er ein großer Kraus-Verehrer. An einem nasskalten Novemberabend treffen wir die beiden zum Gespräch. Treffpunkt ist Franzens Apartment an der Upper East Side von New York.

DIE ZEIT: Meine Herren, Karl Kraus war ein unerbittlicher Gesellschafts- und Sprachkritiker. Haben Sie manchmal rückwirkend Angst vor ihm? Angst davor, dass Ihre Literatur seinem unerbittlichen Blick nicht standhalten würde?

Daniel Kehlmann: Ja, absolut. Wenn man sich mit Kraus beschäftigt hat, hat man diese Fantasie: Was würde er über mich sagen? Und das wäre sicher nichts Nettes. Das Einzige, was uns schützen würde, wäre, dass sich Kraus für Romanautoren nicht interessiert hat. Er war kaum fähig, Romane zu lesen. Alles Narrative war ihm fremd.

Jonathan Franzen: Ich habe so viele Texte geschrieben, die keine Romane sind, dass ich voll in seinem Visier wäre – ich wäre sicher ein mögliches Ziel. Aber ich habe keine Albtraum-Fantasien, in denen Karl Kraus mich vernichtet. Als junger Mensch fürchtete ich mich zwar vor der Schärfe seines Urteils, aber zugleich fühlte ich mich zu ihm hingezogen wie zu einem viel Stärkeren. Mein Kalkül war: Ich musste ihm nur geistig nahe genug kommen, dann würden die wütenden Pfeile, die er in die Welt schleuderte, mich verfehlen.

ZEIT: Sie wählten sich Kraus als einen idealen großen Bruder?

Franzen: Genau. Das war er für mich. An solche Verhältnisse war ich gewohnt. Ich habe zwei größere Brüder. Inzwischen habe ich mir aber selbst ein relativ dickes Fell wachsen lassen, und das brauche ich auch angesichts der Kritik, die ich bekomme. Die Pfeile fliegen wirklich.

ZEIT: Viele Kraus-Interpreten deuten seinen Zorn auf andere als eine Art umgeleiteten Selbsthass. Es ist ja wirklich auffällig, dass er niemals Zeichen der Selbstkritik, des Selbstzweifels zeigte.

Franzen: Er war in einem gewissen Maß der Gefangene seines Stils. Ich habe dieses Problem zum Teil reproduziert – in den Fußnoten des Kraus-Projekts. Ich habe unter seinem Einfluss eigene Aussagen bis zur äußersten Polarität zugespitzt, ich teilte die Welt in Freund und Feind, in Gut und Böse. Dadurch bekommen die Sätze viel mehr Kraft und Schub. Es ist ein Rausch. Man wird süchtig nach dem Krausschen Zorn.

ZEIT: Mich irritiert seine Attitüde, auf die Mitmenschen wie auf seelenlose Untote, nein eigentlich: wie auf Hirntote herabzublicken.

Kehlmann: Aber das stimmt nur für eine bestimmte Klasse von Schriftstellern und Journalisten. Dagegen war er voll des Mitleids für die wirklich leidenden Menschen. Er konnte beispielsweise nicht einstimmen in die Kriegsbegeisterung vor dem Ersten Weltkrieg – weil er genau wusste, welches Leid über die Menschen kommen würde. Er war der einzige bedeutende Schriftsteller, der gegen diesen Krieg war.

Franzen: Es war die Zombie-Sprache, die er angriff. Die sich selbst perpetuierende Phrase des Journalismus, die kein Leben hatte, aber einfach nicht verschwinden wollte. Wer so schrieb, war sein Gegner.

Kehlmann: Mir hat immer sehr die Unterscheidung gefallen, die Schiller in seiner Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung trifft. Er sagt nämlich, es gibt die lachende und die strafende Satire. Die lachende Satire zeigt die Welt, wie sie wirklich ist, und lacht darüber. Während die strafende Satire sich erregt über den Zustand der Welt. Sie ist der Blitzstrahl, der Richtspruch. Dafür steht Kraus.

Franzen: Ich stimme Schiller nur zum Teil zu. Wenn es nicht komisch ist, ist es nicht Satire, sondern etwas anderes: Kritik.

ZEIT: Herr Franzen, Sie selbst teilen die moderne Literatur ein in zwei Kategorien: einerseits Status-Romane, andererseits Kontrakt-Romane. Der Status-Autor demonstriert immerzu seine Einzigartigkeit, er schreibt schwer verständlich und entzieht sich dem Publikum. Der Kontrakt-Autor dagegen schließt einen Vertrag mit seinen Lesern, er will sie in seine Romane hineinziehen und ihnen ein guter Gastgeber sein. Wie liegt der Fall bei Kraus? Einerseits war er ein Status-Autor, der teils kryptisch schrieb und sich als unerreichter Stilist begriff; andererseits wollte er aber den Kontrakt mit seinen Lesern, die ihn süchtig lasen …

Franzen: Diese Begriffe stammen zwar nicht von mir, sondern von William Gaddis, aber ich habe sie auch verwendet. Gaddis fand, dass die Kontrakte zwischen Künstler und Publikum nicht mehr gültig seien. Das führt zur totalen Glorifizierung des Künstlers als einsames Genie, das von der Masse nicht verstanden wird. Eine gefährliche Position, denn unter ihrem Deckmantel findet eine Menge schlechter Literatur Schutz. Auch die Sprache von Kraus sperrt sich gegen den Leser, aber sie ist brillant. Kraus wollte mit seinen Texten klarstellen, dass hier ein geistig unerreichbarer Autor am Werk war. Und er hat sich ein Publikum erzogen, das seine codierte Sprache verstand.

ZEIT: Kraus sagt: „Das Schlimmste, was meine Leser über mich sagen können, ist: Ich kenne Karl Kraus.“ Was für ein Kontrakt ist das denn?

Kehlmann: Er verbat sich Annäherungen. Auf der Rückseite seiner Zeitschrift Die Fackel stand: „Zusendungen welcher Art immer sind unerwünscht.“ Dass man ihn verehrte, hieß nicht, dass man ein Recht hatte, etwas von ihm zu wollen. Einer seiner imponierendsten Sätze steht in einem Text namens Apokalypse, den er schon 1909 schrieb, da heißt es: „Ich bin größenwahnsinnig. Ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“

ZEIT: Hatte er recht?

Kehlmann: Er hatte recht. Seine Zeit ist nicht gekommen. Und sie kommt auch nicht. Das hat wahre Größe. In einer Welt, in der sich alle wünschen, dass ihre Zeit kommt, sagt da einer diesen Satz.

ZEIT: Hat er geahnt, warum seine Zeit nicht kommen würde? Hat er den Nationalsozialismus und den Antisemitismus nicht unterschätzt?

Franzen: Er unterschätzte zumindest die Macht des Antisemitismus. Dafür spricht etwa dieser Aphorismus von Kraus: „Das einzige, was ich mehr hasse als die antisemitische Presse, ist die jüdische Presse. Das einzige was ich mehr hasse als die jüdische Presse, ist die antisemitische Presse.“ Das ist in gewisser Weise fahrlässig, das virtuose, aber auch leere Spiel eines Mannes, der sich mit keinem Lager gemeinmachen will.

Kehlmann: Aber er schildert sehr genau in seiner großen Schrift Die dritte Walpurgisnacht, die allerdings erst posthum erschien, den allmählichen Umschlag in die Barbarei. Er hat nichts anderes getan, als aufmerksam Zeitung zu lesen, bis hin zur kleinsten Lokalzeitung, und da sind eben diese kleinen Momente des Kippens zu erkennen. Jedem, der heute sagt, man habe damals nicht wissen können, wie sich der Faschismus entwickeln würde, muss man nur Die dritte Walpurgisnacht in die Hand drücken.

ZEIT: Kraus hat eine sehr spezielle Beziehung zur Sprache: Er spricht von ihr wie von einer Heiligen und einer großen Geliebten, mit der nur der wahre Schriftsteller – also er – Kinder zeugt, während alle mindereren Geister Unzucht mit ihr treiben. Herr Franzen, Sie schreiben in diesem Zusammenhang, Kraus sei ein Vorläufer der heutigen Rapper – ein Mann, der mit seiner Potenz prahlt.

Franzen: Tatsächlich hat er die Sprache als eine Frau bezeichnet, und diese Frau wollte er erobern. Das war das Rapperhafte an ihm: Ich bringe die Lady besser in Fahrt, als ihr anderen es könnt – because I know her and I know how to really ring her bells!

Kehlmann: Man findet solche Elemente ganz wörtlich in Bezug auf Rilke, denn Rilke war für Kraus im doppelten Sinn der große Rivale, als Lyriker, aber auch als Mann. Beide standen Sidonie Nádherny von Borutin sehr nahe. In Kraus’ Briefen an Rilke sieht man sehr stark diese Rapperattitüde – Kraus weist auf seine überlegene Männlichkeit hin.

ZEIT: Was würde er denn heute tun? In der Welt des World Wide Web, das jeden geistigen Zug, der irgendwo getan wird, kontrolliert und aufzeichnet? Würde er es benützen oder bekämpfen?

Kehlmann: Ich weiß es nicht. Aber ich ahne, wie er es analysieren würde. Kraus hat in der Auseinandersetzung mit Medien hartnäckig eine simple Frage gestellt, von der sich alles andere ableitet: Wem gehört eigentlich das Medium? Diese Frage ist nach wie vor die entscheidende.

ZEIT: Und die Frage führt heute noch weiter als zu seiner Zeit. Ich nehme das Gespräch, das wir gerade führen, mit einem iPhone auf.

Kehlmann: Ganz genau: Wem gehört der Hersteller dieses Gerätes? Wem die Software? Was sind seine Interessen? An der Bedeutung dieser Fragen hat sich nichts geändert.

Franzen: Kraus ist in seinen Analysen dem Geld gefolgt. Was würde er heute tun? Eine sehr interessante Frage. Die Internetfans glauben ja, als Blogger sei man sein eigener Herausgeber. Aber das stimmt nicht. Kraus war wirklich sein eigener Herausgeber: Er hat Die Fackel veröffentlicht, die kleine Zeitschrift, die sich der Wiener Mainstream-Presse widersetzte. Er war unabhängig und unbestechlich. Der heutige Nexus aus Kapitalismus, Technologie und Medien dagegen verkauft seinen Kunden die Idee, sie seien Rebellen, wenn sie ihre Gesellschaftskritik im Internet veröffentlichen. Das Netz macht so aus jungen Menschen Republikaner im Geiste.

ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Franzen: Sie erkennen schon gar nicht mehr das Problem, dass die Macht sich in den Händen weniger Menschen und Konzerne befindet. Sie nehmen es als gegeben. Innerhalb dieser Gegebenheit dürfen sie sich dann symbolische Freiheiten nehmen, sich als Rebellen aufführen und ihre „Authentizität“ inszenieren.

ZEIT: Sie haben Kraus’ Methode der Sprachkritik mit dem Stil eines Bloggers verglichen.

Franzen: Ich glaube, Kraus wäre heute in einem wirklichen Dilemma. Er würde diese Technologie genau durchschauen, andererseits ist der Netz-Diskurs wie für ihn geschaffen: Seine Texte waren wie Blogger-Texte: eigene Sätze und Zitate, es fehlen nur die Hyperlinks. Er würde vermutlich 26 Stunden am Tag das Netz nach Material durchsuchen.

Kehlmann: Interessanter als die Frage, was er heute tun würde, ist für mich, was man von ihm lernen kann. Die Frage: „Wem gehört das Medium, und was sind seine Interessen?“, betrifft heute viel mehr Bereiche unseres Lebens als zu Kraus’ Zeit – jeden Akt der Kommunikation, jeden Einkauf, jeden Telefonanruf.

ZEIT: Als Hitler an die Macht kam, sagte Kraus, zu dem falle ihm nichts ein – was natürlich nicht stimmte, es fiel ihm unendlich viel ein. Er wollte nur sagen: Hier helfen die Waffen des Geistes nicht mehr. Könnte es sein, dass ihm heute, überfordert von der Fülle des Daten- und Medienmaterials, zu unserer Welt nichts mehr einfiele?

Franzen: Er sah keine Möglichkeit, sich über die Faschisten lustig zu machen. Dieser Gegner war mit Satire nicht mehr zu bekämpfen. Aber solange wir noch zivilisierte Strukturen haben, kann man sich auch lustig machen. Ich glaube, Kraus würde genug zu unserer Welt einfallen. Nebenbei bemerkt: Wer öffentlich das Internet problematisiert, wie ich das tue, auch im Kraus-Projekt, der muss sich warm anziehen. Das Netz ist voll von harschen Kommentaren über mich – ich werde als Idiot und als Steinzeitmensch bezeichnet.

ZEIT: Sie selbst greifen im Kraus-Projekt den Schriftstellerkollegen Salman Rushdie an, weil der sich naiv für Twitter begeistert.

Franzen: Woraufhin er getwittert hat, Franzen solle mal lieber aus seinem Elfenbeinturm rauskommen. Da ich selbst nicht twittere, habe ich das nicht gelesen, es hat sich aber zu mir rumgesprochen. Ich habe Salman gestern zufällig zum ersten Mal seit dieser kleinen Auseinandersetzung wiedergetroffen. Er war sehr freundlich.

Kehlmann: Er sprach vom Elfenbeinturm? Aber das ist keine Beleidigung.

Franzen: Oh doch, in den USA ist das eine absolute Beleidigung. Er nannte mich elitist.

ZEIT: Herr Franzen, das Kraus-Projekt besteht zum großen Teil aus Fußnoten. In diesen Anmerkungen, die eigentlich Hauptsachen sind, kommentieren Sie nicht nur Texte von Kraus. Sie erzählen auch ein Stück Ihrer Lebensgeschichte: ein Porträt des Künstlers als junger Krausianer. Dass in einem literarischen Werk die Fußnoten das Wesentliche enthalten, gab es schon einmal: in Vladimir Nabokovs Roman Fahles Feuer .

Franzen: Ich wollte immer schon etwas Fahles, Feuer -Artiges schreiben. Ansonsten verkneife ich mir beim Schreiben Fußnoten. Aber zu Kraus passte diese Form, sein ganzes Werk entwickelt sich im Fußnoten-Modus: aus Anmerkungen zu fremdem Text. Ich versuche in diesem Buch über Kraus, selbst ein wenig Kraus zu spielen. Ich betrachte mit seinen Augen das Zeitalter von Google, Facebook und Twitter. Dabei fiel mir etwas Unglaubliches auf: Vieles von dem, was Kraus schrieb, trifft unsere Zeit noch genauer als seine eigene.

ZEIT: Und seine Kritik „traf“ ja wirklich, mit aller Macht. Er machte sich unendlich viele Feinde. Sein Werk erscheint wie die Lebensäußerung eines Mannes, dem jede Angst fehlt, weil sein Zorn so groß war.

Kehlmann: Kannte er Angst? Ich weiß nicht, ob er Angst vor den Nazis hatte. Er wusste sicher, was auf ihn zugekommen wäre, wenn er ihre Herrschaft noch erlebt hätte. Aber er ist ja sozusagen rechtzeitig gestorben. Er lebte eigentlich in einer sehr zivilisierten Welt. Er hat dasselbe Kaffeehaus aufgesucht wie die Leute, die er fürchterlich angegriffen hat – und dann haben die sich höchstens in einen anderen Flügel des Kaffeehauses zurückgezogen, um ihm aus dem Weg zu gehen.

Franzen: Aber so zivilisiert ging es dann doch nicht zu, denn er hat Leute verklagt. Reihenweise. Das ist für mich einer der dunkelsten Aspekte von Kraus: Er war durch das Vermögen seiner Familie geschützt. Wäre er ein armer Mann gewesen, hätte seine Kritik an der Korrumpierbarkeit der Journalisten mehr Biss. Er konnte es sich leisten, nicht korrupt zu sein. Er konnte attackieren, wie es ihm gefiel. Und wenn andere ihn zu sehr attackierten, zerrte er sie vor Gericht – und das ist übel.

Kehlmann: Das hat aber eine Tradition. Schon Voltaire hat gesagt: Um so frei zu sein wie ich, muss man auch sehr alt sein und sehr reich. Und Kraus hat mit manchen Prozessen tatsächlich Exempel statuiert.

ZEIT: Er hat das Justizsystem sozusagen durchgespült mit einem reinigenden, exemplarischen Prozess?

Kehlmann: Genau. Er hatte die Zeit und das Geld, die strafende Satire mit anderen Mitteln, den Mitteln des Gerichts, fortzusetzen.

Franzen: Nun, du kommst aus Wien, du hast eine größere Toleranz gegenüber Leuten mit ökonomischen Privilegien. Das ist bei mir ein wenig anders, weil ich aus dem Mittleren Westen der USA komme. Aber du hast schon recht: Es fehlen Menschen, die diese Kraussche Konsequenz besitzen. Mir geht die fürchterliche Nettigkeit der jungen amerikanischen Schriftsteller auf die Nerven. Ich meine, wer wird heute Schriftsteller? Es sind wohlhabende Leute, denen der Papa die Dichterklause in Brooklyn bezahlt. Diese Leute könnten etwas riskieren – so wie Kraus es tat. Aber sie haben fürchterliche Angst. Vermutlich vor den Internet-Trollen, die unendlich viel Zeit und Raum für ihre Attacken haben.

ZEIT: Was haben die Trolle gemacht, als es das Internet noch nicht gab?

Franzen: Dazu muss ich ein wenig zurück in die Vergangenheit gehen. Das Internet wurde ersonnen von einer Gruppe privilegierter weißer Burschen. Viele von denen waren in den sechziger und siebziger Jahren Hippies, die beim Versuch, eine utopische Welt zu erschaffen, völlig gescheitert waren. Also haben sie sich gesagt: Beim zweiten Mal werden wir es mit Technologie versuchen. Dann werden wir den Weltfrieden schon retten. Und solange nur ein paar Tausend privilegierte weiße Typen am Internet beteiligt waren, hat alles wunderbar funktioniert. Dann wurde das Netz größer und größer – und man stellte fest, dass es nicht sicher ist. Dass es uns alle total kontrolliert. Und dass es niedere Instinkte weckt. Die Trolle sind die Hooligans der Netzwelt.

Kehlmann: Eine Sache, die wir von Kraus nicht übernehmen sollten, ist seine klare Trennung der Welt in die Guten und die Bösen. Ein Troll ist nicht das Böse an sich. Wir sind selbst die Trolle. Jedenfalls haben wir diese Möglichkeit alle in uns. Der Mensch ist ein offenes System. Wenn ihm die Möglichkeit geboten wird, anonym seine Aggressionen zu kultivieren, dann tut er es und wird eben dadurch immer aggressiver. Dem zu widerstehen ist ein Akt der Selbstkontrolle.

ZEIT: Das Internet steht also nicht im Bann des Bösen?

Kehlmann: Es gibt innerhalb des Mediensystems keine Verschwörungen. Das wäre zu einfach. Es war auch im Wien von Karl Kraus nicht so geradlinig, dass die Zeitungsbesitzer einfach den Redakteuren diktierten, was sie zu schreiben hätten. Sondern, wenn man Kraus folgt, ist es so: Die Redakteure schreiben das, was die Besitzer ihrer Zeitungen wollen, die Besitzer lesen es dann – und glauben es. Es ist ein sich selbst erzeugendes System. Das gilt natürlich auch heute. Der Besitzer von Facebook, Mark Zuckerberg, gibt ungeheuer viel Geld aus, um ein bestimmtes Welt- und Menschenbild zu propagieren – und dann glaubt er’s selbst. Adorno hat dafür den Ausdruck des Verblendungszusammenhangs geprägt. Und Adorno war sehr von Kraus beeinflusst.

ZEIT: Das Kraus-Projekt handelt davon, wie Sie, Jonathan Franzen, sich mit diesen geistigen Werkzeugen des Karl Kraus vertraut machen. Es ist aber auch eine Bestandsaufnahme Ihres Verhältnisses zur deutschen Kultur, denn Sie haben Ihre Kraus-Studien an deutschen Universitäten betrieben. Was bedeutet dieses Land für Sie?

Franzen: Ich kam über die deutsche Literatur zum Schreiben. Deutsche Literatur war sättigend. Man war nicht zwei Stunden später wieder hungrig, wenn man ein Stück deutscher Literatur verschlungen hatte. Man konnte den ganzen Tag arbeiten, man hatte genug zu verdauen. Das Wort „Dichtung“ sagt schon alles: Die Idee, die Dinge zu verdichten im Prozess des Schreibens – das wurde meine Definition von Literatur. Für mich war deutsche Kultur immer gleichzusetzen mit „Bedeutung“. Auch wenn ich in meiner Zeit in Berlin eine Überdosis von Bedeutung abbekommen habe – ich wurde ein wenig psychopathisch damals.

ZEIT: Was geschah?

Franzen: Ich setzte mich fürchterlich unter Druck. Alles, was ich tat, musste literarisch bedeutsam sein und dem Werk nutzen, jede Bewegung musste „Signifikanz“ haben. Ich lebte zeitweise in einer Wahnwelt der bedeutungsvollen Zeichen. In gewisser Weise war Deutschland der perfekte Ort für meinen Zusammenbruch.

Der Amerikaner – Jonathan Franzen, 55, Autor der Romane Die Korrekturen und Freiheit, ist einer der wichtigsten Schriftsteller der englischsprachigen Welt.

Der Europäer – Daniel Kehlmann, 39, geboren in München und aufgewachsen in Wien, kam mit dem Roman Die Vermessung der Welt zu Ruhm

Das   Interview von Franzen und Kehlmann offenbart sich ein grundsätzliches Problem, das jedermann haben muss, der sich mit Karl Kraus befasst. Die Unnahbarkeit der Person  und die begrenzte Nahbarkeit der Sprache, beide mit derselben Aura des Faszinierenden, die einem großen Kunstwerk eignet und beim Betrachten jedes Mal einen neuen Blick darauf erlaubt. Bei Karl Kraus heißt das Kunstwerk Sprache. Mir hat das Interview wegen der  reflektierten Antworten einfach nur gefallen. Deshalb wird es hier zur Kenntnis gebracht. Nebenbei bemerkt, das m. E. epochale Buch über die Nazizeit von Karl Kraus heißt „Dritte Walpurgisnacht“ und nicht „Die dritte Walpurgisnacht“. Auf der Korrektur hätte auch Karl Kraus bestanden. Der Rest wäre vermutlich unkommentiert geblieben. Dann äußern sich zu dem Interview zwei, die es auch mal  versuchen wollen, in der FAZ . Der Kontrast könnte größer nicht sein. Wie sagte Karl Kraus: Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen. Die Heraushebungen  stammen von mir.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung  6.1.2.14

Feuilleton

Karl-Kraus-Projekt

Die Schule der Vernichtung

Karl Kraus war erbarmungslos gegen seine Feinde, dafür verehren ihn viele Feuilletonisten und Schriftsteller bis heute. Wir nicht.

06.12.2014, von Niklas Maak und Volker Weidermann

Im Bonn der späten neunziger Jahre gab es einen Dozenten, der jungen Studenten, die Journalisten werden wollten, beibrachte, was einen guten Kritiker ausmacht. Dieser Dozent, ein hagerer Mann mit einer blonden Bürstenfrisur und einem Rucksack, auf dem ein eingerollter Fuchs abgebildet war, ließ seine Studenten vor allem zwei Autoren lesen: Rolf Dieter Brinkmann – und Karl Kraus. Bei ihnen, bekamen die Studenten beigebracht, lerne man, „radikal“, „unversöhnt“, „scharfsinnig“ der Gesellschaft „einen Spiegel vorzuhalten“.

Die erste Aufgabe der Bonner Studierenden bestand darin, sich an der wütigen Großlitanei „Rom. Blicke“ von Brinkmann warmzulesen und dann den Verriss eines beliebigen aktuellen Kulturprodukts im Stil von Karl Kraus zu verfassen – und die Studierenden gaben sich alle Mühe, ein Buch, eine Ausstellung, einen Film möglichst böse, kaltherzig und aphoristisch scharf kleinzumachen, weil es eben kleingemacht werden musste.

Einige, die diese Schule durchliefen, wurden später wirklich Kritiker, sie schrieben für Zeitungen und Radios Verrisse, immer an Karl Kraus denkend: Sie vernichteten Romandebüts, sie höhnten über erste kleine Galerieausstellungen. Sie wussten nicht, wogegen sie kämpften und wofür, warum genau sie etwas verrissen, was ihnen daran nicht gefiel. Sie hatten abgespeichert, dass Kritik in Deutschland „Erledigung“ bedeutete. Sie hatten eine grimmige Freude daran, alles Herausragende in den Brei des Mittelmaßes zurückzustampfen. Sie lernten, die Welt durch einen Hämefilm zu betrachten und nur hin und wieder seinen Gegenstand gnädig mit einem anerkennenden Schulterklopfen zu bedenken – und sie wussten, dass sie klingen mussten wie Karl Kraus.

Mit Kraus begann ihre Erziehung zur Kälte, zum Desinteresse am Menschen, zum Kulturjournalismus als elaborierter Form von Häme, der Glaube, dass die gekonnt gesetzte Infamie einen Inhalt, eine Überzeugung, eine Idee davon, wie es besser, anders sein sollte, ersetze.

Anleitungen zur Vernichtung

Aber sie begriffen Kraus nicht. Sie sahen sein Drama nicht, sahen nicht, d a s s   s e i n   M e n s c h e n h a s s  immerhin dort aufklärerisch war, wo er die durch und durch korrupte Medienbranche seiner Zeit traf, wo seine Rhetorik auf die Fragwürdigkeiten der Psychoanalyse und die Bigotterie der Kriegslyriker zielte, die nach dem Krieg als Pazifisten auftraten. Die Lehre aus Kraus war nicht, sich furchtlos mit mächtigen Feinden anzulegen; der Kraus der deutschen Journalistenschulen ist vor allem ein Sound, eine Anleitung zur gnadenlosen, unbedingten „Erledigung“, zu Vernichtungen ohne Ziel.

Kann man Kraus das vorwerfen, was deutsche Journalistenschulen und Literaturwissenschaftler aus ihm machen? Natürlich nicht. Kraus, 1874 in Böhmen geboren, Herausgeber und ab 1912 alleiniger Autor der Zeitschrift „Die Fackel“, Satiriker, scharfer Kritiker der Presse und gleichzeitig damals einer ihrer Stars, starb 1936.

Interessant aber ist, warum und von wem Kraus heute, 2014, als Leitbild und Offenbarung empfohlen wird – und was aus ihm gemacht wird. Soeben ist Jonathan Franzens Buch „Das Kraus-Projekt“ auf Deutsch erschienen (Rowohlt, 19,95 Euro), in dem er die beiden Essays „Heine und die Folgen“ und „Nestroy und die Nachwelt“ von Karl Kraus mit eigenen Fußnoten der Begeisterung versieht.

Wie kann das sein? Der sanfte Franzen und der wütende Kraus?

Irgendwo mitten in seinen Fußnoten erklärt er, w i e   e r   d a   r e i n –  g e r a t e n   i s t ,   i n   d i e  K r a u s – S c h u l e   d e s   Z o r n s . Es war auf einem Bahnsteig in Hannover, Franzen war 22 Jahre alt, er hatte sich aus irgendwelchen Gründen über eine „alte deutsche Pfennigfuchserin“ aufregen müssen, und kurz zuvor war es „mit einem unglaublich hübschen jungen Mädchen in München nicht zum Sex gekommen“. Um seinen Zorn darüber zu kultivieren, warf er zunächst sein ganzes Kleingeld auf den Bahnsteig, um mickrige deutsche Pfennigfuchser dabei zu beobachten, wie sie sich nach seinen Groschen bücken. Doch das genügte noch nicht. Der schöne Zorn sollte bleiben und noch größer werden: „Dann stieg ich in einen Zug und fuhr nach Berlin und schrieb mich in einen Kurs über Karl Kraus ein.“

U n d   e r   l a s   u n d   l a s   u n d   b e w u n d e r t e   u n d   l i e ß     s e i n e n      n o c h      z a r t e n     k l e i n e n     Z o r n    w e i t e r    w a c h s e n . Er liebte Kraus’ Unbedingtheit, das perfekte System gegen die Welt: „Dass Kraus eine Rückkehr zur Reinheit forderte und ein vollständiges System lieferte, mit dem sich die Welt in Bezug auf ihre Verseuchung begreifen ließe: das sprach mich an, wie einen Zweiundzwanzigjährigen heute die regionale Öko-Landwirtschaft oder der radikale Islam ansprechen mag.“ K r a u s   –   e i n   r a d i k a l e r   Ö k o – B a u e r ,   e i n   I S – T e r r o r i s t ! Ein Kämpfer für die reine Lehre, gegen Ironie, Leichtigkeit, und das hieß vor allem: gegen Frankreich und den alten Dichterfeind, gegen Heinrich Heine schreibt Kraus 1910 in „Heine und die Folgen“, er „wirke aus dem romanischen Lebensgefühl: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat. Wie leicht wird man krank in Paris! Wie lockert sich die Moral des deutschen Sprachgefühls!“

Sprachrichter Gnadenlos

Die Fremde ist das Kranke, die deutsche Sprache bekommt in Paris Syphilis: Hier steht K r a u s   i m   b e s t e n   E i n v e r s t ä n d n i s   m i t    d e m   d e u t s c h n a t i o n a l e n   F r a n k r e i c h  –   u n d   F r e m d e n h a s s  seiner Zeit. Klar, das ist nicht der ganze Kraus. Man könnte ein Buch schreiben über d e n   K r a u s ,   d e r   b ö s e ,   m u t i g e ,   a u c h   l u s t i g e   L i e d e r  über gewalttätige Polizeipräsidenten schrieb, die daraufhin zurücktreten mussten; den Kraus, der seine Lesungshonorare mittellosen Kriegswaisen und -witwen überließ; den Pazifisten Kraus, der von einer anderen Sprache träumte, die die Rhetorik der Kriegstreiber entlarven und sprengen würde.

Aber leider beziehen sich die meisten seiner n e r v t ö t e n d e n Anhänger nicht auf diese Seite ihres Idols, sondern auf den Kraus von „Heine und die Folgen“. Und dessen allgemein als „scharf“ und „gnadenlos“ bewunderte Metaphern und Sprachbilder künden vor allem von einem g r ü n d l i c h e n  und  t i e f s i t z e n d e n   P r o b l e m   m i t   F r a u e n : Die französische Sprache gebe sich „jedem Filou“ hin, „vor der deutschen Sprache muss einer schon ein ganzer Kerl sein, um sie herumzukriegen“–und dann werden die Sprachbilder so schief, dass man sie mit vier Dübeln an der Wand befestigen möchte. „Die Sprache regt an und auf, wie das Weib“, erklärt Kraus, aber nur „die deutsche Sprache ist eine Gefährtin, die nur den dichtet und denkt, der ihr Kinder machen kann“. Die Sprache als Frau, die man rumkriegen muss, um ihr Kinder zu machen – man  kann   s i c h    j e d e n f a l l s  n i c h t   ü b e r   B u s h i d o   a u f r e g e n   u n d   g l e i c h z e i t i g   K a r l   K r a u s   v e r e h r e n .

Schmutzfluten aus Frankreich

Franzen vermerkt dazu in einer  k l e i n l a u t e n  Fußnote: „Zur Verteidigung dieser Sichtweise kann nicht viel mehr vorgebracht werden, als dass sein Stil auf extreme, prägnante Kontraste angewiesen war und dass er es nett meinte. Kraus mochte und bewunderte Frauen.“ Ach ja? Und in seinen vielen tausend Texten hat er das mal kurz vergessen? Nicht wichtig genommen? Oder war er etwa – ungenau?   M a n   b e k ä m e   s c h o n   g a n z   g e r n   e i n m a l   e r k l ä r t ,   wo hier jetzt noch mal der unübertreffliche scharfe Stil von Kraus zu finden ist, der „den nachlässigen Umgang mit der Sprache als Zeichen der allgemeinen Gedankenlosigkeit und Unachtsamkeit“ deutete und für den „die Sprache das Medium des Denkens“ war, wie   es    a u f      d e r   W e b s i t e   d e s  „F e r n s t u d i u m s   J o u r n a l i s m u s“   h e i ß t.

Man würde auch gern erfahren, wohin ein Denken führt, das zum Misstrauen gegen Erzähler aufruft, die sich, wie Kraus beklagt, „in exotischen Milieus herumtreiben“, von wo aus dem Leser dann „der Flugsand der französischen Sprache“ in die Augen treibt, die eben noch eine leicht herumzukriegende Frau war, offenbar aber eine aus Sand, während Heine leider auch „der deutschen Sprache“, vor der man ja einst ein ganzer Kerl sein musste, „so sehr das Mieder gelockert hat, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.“

H e r r j e h ! Der Vorwurf, der in dieser Galerie der schiefen Bilder sichtbar wird, ist: Heine sei zu süßlich, zu spielerisch, zu charmant, französisch kraftlos, ohne t i e f e n   g e r m a n i s c h e n ,   s p r a c h-  f r a u e n b e z w i n g e n de n   E i g e n t l i c h k e i t s d o n n e r.  Die Hoffnung: dass der deutschen Sprache das Mieder zugeknöpft wird, wenn sich in Deutschland die aus Frankreich hereingeschwappte „intellektuelle Schmutzflut“ verläuft und „das Kopfwerk sprachschöpferischer Männlichkeit“ wieder in sein Recht gesetzt wird.

M a n   k a n n ,  b e i   a l l   d e r  K r a u s-V e r e h r u n g ,  s c h o n   a u c h   e inmal  f r a g e n , was  m a n  heute,  wenn   m a n   n i c h t   a n   d i e   w o h l t u e n d e   W i r k u n g   v o n   X e n o p h o b i e , F r a u e n v e r a c h t u n g ,  N a t i o n a l i s m u s  und  d i f f u s e n  M ä n n l i c h k e i t s r i t u a l e n  auf  die  d e u t s c h e   S p r a c h e g l a u b t ,  v o n   d i e s e m   K r a u s   l e r n e n ,  w a s   m a n   a n   s e i n e m   S t i l   b e w u n d e r n   s o l l. Aufklärerisch haben viele andere gewirkt. Man kann Zolas „J’accuse“ lesen, man kann Heines oder Tucholskys kluge, warmherzige, nicht minder scharfe Satiren lieben, die Kraus vor allem einen Humor voraushaben, der den Menschen nicht verlorengegeben hat. Es ist eine deutsche Eigenart, Hass und Borniertheit ohne größere Umwege zu begehrenswerten romantischen Essentialien, nämlich als Ausweis von „Unbedingtheit“, „Radikalität“, „Tiefe“ zu verklären – ohne zu sehen, dass sie das Gegenteil davon sind.

Zurück zur Warmherzigkeit

„Mit unserem Misstrauen haben wir immer recht“, schreibt Franzen in seine Fußnoten hinein. Das ist das Kraus-Gift, das alle seiner Verehrer so magisch anzieht: Schreiben im Modus des Verdachts, des Misstrauens, des Schnüffelns nach Fehlern, statt frei heraus das Schöne zu lieben. Das herrliche Gedicht Heines über das vom Sonnenuntergang entzückte Fräulein: „Mein Fräulein, sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück; / Hier vorne geht sie unter, / Und kehrt von hinten zurück.“ Kraus erkennt hier „Heines Zynismus“, das Niveau seiner Sentimentalität stehe „auf dem Niveau des Fräuleins“. Franzen erinnert sich an den Moment, als er Heines Zeilen zum ersten Mal las, an seine Begeisterung – „Wow, dachte ich, der ist ja einer von uns.“ Dann las er Kraus, und er erkannte, was an diesem Gedicht „problematisch ist“. Die Liebe war weg. Verachtung war an die Stelle getreten. Ist das ein Gewinn?

Jonathan Franzen ist kein kalter Zyniker, kein Weltverkleinerer. Seine „Korrekturen“ sind einer der wichtigsten und emphatischsten Romane der letzten Zeit, ein Werk, das scharfsichtig, aber warmherzig mit den Schwächen seiner Protagonisten umgeht, die Welt nicht hasst, sondern vom Kampf einiger Menschen handelt, sie erträglicher, leuchtender, schöner und größer zu machen. Wie er das gemacht hat? Er habe einfach, im Gegensatz zu Kraus, irgendwann angefangen, Romane zu schreiben. Dafür sei es das Wichtigste, „sich vorzustellen, wie es ist, jemand zu sein, der man nicht ist“. Und das untergrabe auf Dauer noch die größte Wut. „Je länger ich Romane schrieb, umso weniger vertraute ich meiner eigenen Selbstgerechtigkeit.“ Und der seines frühen Meisters.

 

Wie gesagt, der Text hätte das Lektorat der FAZ nicht überstanden, wäre sein Verfasser nicht Feuilletonchef. Karl Kraus führte als das stärkste Argument gegen seine Kritiker gern deren eigene Texte in Feld, indem er sie wortwörtlich abdruckte.  Das gilt auch für den FAZ Artikel. Franzen wirkt darin wie ein vorgeschobener Strohmann,  damit  es  dann direkt gegen Karl Kraus gehen kann. Es sei  ergänzend zu bemerken,  dass  die Journalisten Niklas Maak und Volker Weidemann  zu zweit auftreten, um den Versuch  gegen Karl Kraus zu wagen, um einen Heinrich Heine zu retten, der weder gerettet werden muss noch es unter solchen Umständen wollen würde.  Jedenfalls kann man keinen der beiden Journalisten für den einen oder anderen Satz  direkt verantwortlich machen. Keiner ist es gewesen. Dass Jonathan Franzen im Vorbeischreiben abfertigt wird, offenbart ein Unverständnis über dessen Absicht, das dem Denker Franzen deshalb den Gedanken so lassen muss  wie dem  Journalisten die Phrase. Beides bleibt unvereinbar wie  Tiefe und Fläche. So kommt in dem Artikel ein Sammelsurium aus Ungenauigkeiten  zusammen, das sich selbstgemachter Popanze  bedienen muss, die jene glauben Karl Kraus oder Jonathan Franzen  unterjubeln zu dürfen. Woran liegt das? Sie kennen den Text nicht und verfassen einen eigenen, der dann zwangsläufig ebenso wenig trifft.  Da ist Scheitern unvermeidlich. Unsinnig auf die Verbalien zu Karl Kraus Frauenbild oder auf die Heine-Polemik einzugehen. Da wird  „das Kopfwerk sprachschöpferischer Männlichkeit“ aus Karl Kraus  Abrechnung mit Heines Börne-Verriss herangezogen wie es eben passt. Ich lasse es. Der FAZ Text ist es nicht wert. Er ist  selbst  „nervtötend“, weil er einfach nur schlecht ist. Die Heraushebungen weisen die Ungenauigkeit nach.  Was sollen  solche  Sätze wie

„Kraus –  ein radikaler Öko- Bauer, ein IS-Terrorist!“

„Man  kann sich  jedenfalls nicht über Bushido aufregen und gleichzeitig Karl Kraus verehren.“

Bushido und Karl Kraus. Das entsteht aus Hochlraumversieglung oberhalb des Halses. Man fasst es nicht.

„Man kann, bei all der Kraus-Verehrung, schon auch  einmal  fragen, was man heute, wenn man  nicht an die wohltuende  Wirkung von Xenophobie, Frauenverachtung, Nationalismus und diffusen Männlichkeitsritualen  auf die deutsche Sprache glaubt, von diesem Kraus lernen, was man an seinem Stil bewundern soll.“

Was man  lernen können sollte von Karl Kraus?   Nur eines : Niemals so zu schreiben – geschweige denn zu denken – wie die Verfasser des Artikels!

„Das  h e r r l i c h e  Gedicht Heines über das vom Sonnenuntergang entzückte Fräulein: „Mein Fräulein, sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück; / Hier vorne geht sie unter, / Und kehrt von hinten zurück.“

Herrlich ? Dazu muss man  Heine-besoffen sein. Wer  das Schmunzeln überstanden hat, der empfindet die Geschmacklosigkeit.

Es könnte weiteres ungenau Ungereimtes folgen, etwa zu „Fernstudium Journalismus“,  aber wozu ? Das oben zitierte Sammelsurium muss  m a n  sich  im Zusammenhang mit Karl Kraus erst  einmal  zusammenfabulieren.   Stellvertretend für Karl Kraus zitiere ich als einzig stimmigen Kommentar dessen Aphorismus:

Ein Feuilleton schreiben, heißt auf einer Glatze Locken drehen.

Fazit : Es scheint besser Karl Kraus zu schätzen, als Heinrich Heine zu verehren.Der Dichter  in Heine ist zudem nicht zu verwechseln mit den Folgen.  Mehr ist zu diesem Fäule-Ton  der FAZ – die Aussprache für Feuilleton gefällt mir gut – nicht zu sagen. Man lese Karl Kraus und erkenne eine kompromisslose Menschlichkeit, die sich entgegen journalistischer Praxis eben weigert, dem Zeitgeist zu dienen und den Menschen ihre Zeit zu stehlen, vielmehr  Zeit zu erschließen –  im Wort.

 

 

 


Notizen zur Zeit. Niederschlagen erlaubt.

14. Juli 2012 | Kategorie: Notizen aus Medienland, Notizen zur Zeit

Kölner Stadtanzeiger  14.7.2012

84-Jährigen beraubt und geschlagen

Ein Räuber hat am Donnerstag einen Senioren überfallen und zwei wertlose Gegenstände gestohlen. Kurz vor Mitternacht schlug der Täter den 84-Jährigen auf der Diepenbeekallee zu Boden. Jedoch trug dieser keine Wertgegenstände bei sich – nur einen Roman und einen Regenschirm. Mit    d e m   D i e b s t a h l   d i e s e r   D i n g e   hat sich der gesuchte T ä t e r  s t r a f b a r   g e m a c h t . Die Polizei bittet nun Zeugen, die Hinweise zur Tat und zum Täter machen können, sich unter der Telefonnummer 0221/2290 zu melden.

Hätte der Täter nur zugeschlagen, hätte man nachsichtig sein können, weil ein Niederschlag schon mal passieren kann, wofür man ja den Regenschrirm mit sich führte, aber bei samt Roman gestohlenem Regenschirm gibt es offenbar kein Pardon mehr oder habe ich da etwas missverstanden?


Notizen aus Medienland.Der Grubenhund kann sprechen. Von W.K. Nordenham

09. Februar 2012 | Kategorie: Artikel, Journalisten, Notizen aus Medienland

Den Grubenhund hat Karl Kraus 1911  erfunden und apostrophierte damit frei Erfundenes, das die Presse willig aufnahm.  Für Karl Kraus war es nicht eine lässliche Sünde, sondern die Regel, dass Alles und Jedes zur Lüge taugt, wie eine große Boulevardzeitung tagtäglich nachweist.

Wenn es dem Esel zu wohl wird, wissen wir, wohin er geht. Der Journalist begibt sich aufs Land, wo tiefentelepsychopathische Abgründe ihn so anziehen, dass er es nicht für sich behalten kann und den durch die tägliche Informationsflut  quasi demenzierten Leser  für reif genug hält, folgenden, ganzseitigen Artikel ohne Schaden zu überstehen, der hier gekürzt erscheint, um vermeidbaren Schaden abzuwenden.

Kölner Stadtanzeiger   15/16.1.2012

„Tiere berichten mir von Liebeskummer“

Von Brian Schneider
Kommunikatorin Katharina Küsters spricht im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ über das Schaf Schwarzöhrchen, Telepathie und Hunde-Hobbys. Sogar mit toten Tieren will sie sich unterhalten haben.
Köln. Eine abgelegene Straße in Overath, Blick ins Tal, gepflegte Gärten. Katharina Küsters steht am Eingang ihres Hauses, braune Haare, braune Augen, Brille, ungeschminkt. (…)

Was ist das, Tierkommunikation?
KÜSTERS: Die intuitive Fähigkeit, sich in andere Lebewesen einzufühlen und auf diesem Weg Informationen zu erhalten. Man nennt das auch telepathische Kommunikation.
Wie kann so etwas funktionieren?
KÜSTERS: Das kann im Grunde genommen jeder. Viele Kinder sprechen ja auch mit ihren Tieren, bis die Eltern ihnen das dann irgendwann ausreden.
Küsters hat vier große Beagle: George, Paul, Dana und Liesbeth. Ihrem Mann gehört ein Handwerksbetrieb, das Paar ist kinderlos. Eine Suchanfrage mit dem Stichwort „Tierkommunikation“ bringt bei Google 116 000 Treffer. Sogenannte „Tierkommunikatoren“ gibt es im ganzen Land, mit den unterschiedlichsten Angeboten: telefonische Beratung und simultanes Dolmetschen, Körperscannen, Klangschalenmusik für Tiere.
Was erzählen Ihnen die Tiere?
KÜSTERS: Das ist unterschiedlich. Sie berichten von körperlichen Problemen, Liebeskummer oder ihren Hobbys.
Tiere haben Hobbys?
KÜSTERS: Ja. Mein Hund Paul hat mir berichtet, dass er Sport total doof findet, aber gern wandern geht. Ein Pferd hat mir erzählt, dass es gern nach Löchern im Zaun sucht. (…)

Seit fünf Jahren lässt sich die 34-Jährige in Seminaren und Kursen zur Tierkommunikatorin ausbilden. Allerdings: Letztlich kann sich jeder so nennen. Als Honorar nimmt sie 45 Euro die Stunde, hat nach eigener Aussage etwa 60 Kunden.(…)
Auch die Kölner Polizei hat schon einmal auf übernatürliche Hilfe gesetzt. Nach der   N a g e l b o m b e n a t t a c k e   i n   M ü l h e i m   f u h r e n    z w e i     K r i m i n a l i s t e n   d e  r   S o k o     “ S p r e n g s t o f f “      z u   e i n e r   H e l l s e h e r i n   n a c h   M ü n c h e n . Außer dass die Frau geheimnisvolle Geräusche auf einem Kassettenrekorder abspielte, brachte die Reise nichts.

——————————

Nehmen wir mal an,dass die  Kriminalisten die Seance nicht im ehemaligen  Braunen Haus in München abgehalten haben, denn dort hätten sie fündig werden können. Aber bleiben wir bei der Tierkommunikation. Die ließ einen gewissen Dr. Dieter von Schützfeld –  mir gleich wie ein Ei dem anderen – nicht ruhen, der, aus dem Nichts ertstanden, sogleich  aus den Tiefen der erfundenen Erinnerung seine ganz persönliche Geschichte beitrug zum Leserbetrug, die prompt abgedruckt wurde und die Frage impliziert, wie weit man noch gehen muss, damit es nicht gedruckt wird.

Dr. Dieter von Schützfeld                                                                Spechtweg 12
50374 Erftstadt

Tierkommunikation vom 14.1.2012

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das klingt ja sehr ungewöhnlich, aber ich kann eine Geschichte dazu beitragen, die ich selbst erlebt habe. Anlässlich der Sturmflut 1962, als Hamburg überschwemmt wurde, war ich bei meiner Oma, die einen einen Papagei besaß. Der konnte  tatsächlich sprechen, aber wiederholte eigentlich nur, was man ihm vorsprach. Ich war damals erst 14 Jahre alt, aber weiß noch genau, das der Papagei am 16. Februar als die Flut am höchsten stand und die Deiche nicht mehr hielten, immer wieder „fünfsiebzig“ sagte. Darüber haben wir gelacht und konnten nichts damit anfangen, aber als an den Tagen danach der höchste Pegelstand mit 5,70 m gemessen, wurde uns doch etwas mulmig. Vielleicht ist ja doch etwas dran an der Kommunikation mit Tieren.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Dieter von Schützfeld


Notizen aus Medienland. Wulff im Schafspelz. Von W.K. Nordenham

24. Januar 2012 | Kategorie: Artikel, Notizen aus Medienland, Wulff

§1 Die Würde des Menschen ist antastbar. Sie zu missachten und zu benutzen ist Aufgabe aller medialen Gewalt.                                              (Entwurf für ein Grundgesetz der Tagespresse)

Mit der Geburt des Tagschreibers aus der Geistverlassenheit des Dünkels schloss sich der Ring der modernen demokratischen Unkultur.                    Karl Hauer (Das Gehirn des Journalisten.  Aus „Die Fackel“ und DAS ROTE HEFT )

Kölner Stadtanzeiger      05.01.12

Schausten und die 150-Euro-Frage

Bundespräsident Christian Wulff im TV-Interview

Eigentlich sollte es ja um den Bundespräsidenten gehen. Aber der heimliche – und unfreiwillige – Mittelpunkt von Bürogesprächen und Internetforen ist seit der Ausstrahlung des Wulff-Interviews am Mittwochabend Bettina Schausten.(…)

Nach dem Interview des Bundespräsidenten in ARD und ZDF bleibt vor allem eine Frage offen: Zahlt Bettina Schausten wirklich (so viel) Geld für Übernachtungen bei Freunden? (…)

Wulff war nervös, aber gut vorbereitet. (…)

(…)Aber vielleicht passte es auch. Der biederen Mittelmäßigkeit dieses Bundespräsidenten standen die Interviewer an diesem Abend an biederer Mittelmäßigkeit nichts nach. Humorlos, pharisäerhaft, uninspiriert. Mehr als die 150-Euro-Frage wird von diesem Gespräch deshalb nicht bleiben. Und ein schlagkräftiger Bundespräsident hätte das genutzt. (…)

„Bild“ will Nachricht veröffentlichen 05.01.12

Die „Bild“-Zeitung geht in die Offensive und will nun die umstrittene Mailbox-Nachricht veröffentlichen, die der Bundespräsident bei Chefredakteur Kai Diekmann hinterlassen hat. Dazu will das Blatt die Zustimmung von Wulff einholen.

Hamburger Abendblatt   6.1.12

Berlin. „Die Redaktion bedauert diese Entscheidung.“ Kurz nach 16 Uhr am Donnerstag bildete die finale Reaktion der „Bild“-Zeitung den Schlusspunkt eines Briefwechsels, der für Bundespräsident Christian Wulff noch ein Nachspiel haben könnte. Einer Veröffentlichung seines Anrufs auf der Mobilbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann stimmte der Präsident trotz der Bitte Diekmanns nicht zu.

Hamburger Abendblatt   16.01.2012

Dem „Spiegel“ liegt nach eigenen Angaben eine Hotelrechnung vor, die Groenewold während des Oktoberfestes beglichen habe. Dieser habe damit nach eigener Aussage auch einen Teil der Kosten für die Unterbringung des Ehepaares Wulff übernommen. Wulffs Anwalt sagte dem Magazin dazu, sein Mandant habe eine eigene Hotelrechnung bekommen.(…) Groenewolds Anwalt sagte dem Blatt: „Mein Mandant hat dafür, dass Herr Wulff eine bessere Zimmerkategorie erhält, 200 Euro pro Übernachtung bezahlt. Es waren insgesamt zwei Nächte, also 400 Euro.“ Von der Kostenübernahme habe Wulff nichts gewusst.

—————————

Der nette Kalauer „Wulff im Schafspelz“ ist mir, anders herum gedacht, auch eingefallen; spielt Herr Wulff eben nicht den verkleideten Wolf, sondern gibt die Rolle des Schafs, das mit seinem Blöken die Aufmerksamkeit nimmersatter Pressewölfe auf sich zieht. Aber lassen wir den Mann mal einen Augenblick beiseite, der es offensichtlich nicht recht kann und auch für sich selbst nichts. Ebenso zu vernachlässigen ist die „biedere Mittelmäßigkeit“ obiger Artikel, deren vollständige Lektüre ich dem Leser deshalb erspare. Auch das verkniffene, blutleere Geschwafel eines Hubertus Heil oder eines Oppermann zu dem Thema sei übergangen; denn ein Skandal ist immer zuerst ein Skandal des Journalismus, wie auch die obigen Zeilen zum Präsidenteninterview belegen. In anderen Gazetten findet sich Ähnliches. Da werden die Fragen an den Präsidenten kritisiert, die Art der Formulierung und dessen Antworten, versteht sich. Was hat er getan? Er hat sich einen Privatkredit mit Hilfe der Frau eines Freundes beschafft, dem er keinen Posten oder Auftrag verschafft hat und einen Bankkredit zu Konditionen, die er – als Präsident – bei etwas Nachdenken nicht hätte annehmen sollen. Aber der Präsident war und ist eben nur der Herr Wulff.  Dazu leistete er sich als Präsident einen unbeherrschten Anruf, was nur insofern unter seiner Würde war, als der  ihm gut bekannte Angerufene des Anrufs unwürdig war; handelte es sich doch um einen der Vordenker des gemeinen Bundesbürgers. Da versteht der Bundesblätterwald, in den man nichts hineinrufen muss, damit um so mehr herausschallt, keinen Spaß. Die selbsternannte Generalinquisition der Organe der Presse in Wort, Bild und Bild-Zeitung, der keine Organtransplantation gegen den täglichen Aussatz hülfe, wo die undeutlichste Ahnung für eine deutliche Meinung ausreicht und deren Falschheit die Bigotterie des mittelalterlichen Originals um Längen überragt, vertritt eine Anklage, der kein anderes Gesetz zugrunde liegt, als das ihrer Selbstgerechtigkeit. Eine Spezies, die noch für jede Veranstaltung Freikarten bekommt und verlangt, sich überall mit Presseausweis vordrängt, hohe Spezialrabatte bei Autokauf, bei Banken, Versicherungen, für Reisen, in Geschäften, Hotels, bei insgesamt 1700 Firmen von weit über 400 € erhält und selbstverständlich für lau als geladener Gast in fast jedem Regierungsflugzeug für sitzt, spielt sich auf als arbiter elegantiarum. Dass der Bundespräsident im dritten Wahlgang gewählt wurde, sich naiv und dumm verhalten hat und dass er, wie man da sieht, der zweitbeste Kandidat war, das ist ab sofort ganz allgemein bekannt und nachweisbar. Der Journaille reicht aber noch nicht, was mir schon bis oben hin steht, dass sich nämlich die Bild-Zeitung zum Kronzeugen seriöser Berichterstattung stilisiert sehen darf. Eine Pressefreiheit, die sich ohne Gewissensbisse überall und immer herausnimmt, was sie nichts angeht, soll durch einen dümmlichen, aber keineswegs strafbaren Anruf bei ausgerechnet der Bild-Zeitung bedroht worden sein, die täglich ungeahndet den Geist der Leser allein durch ihr bloßes Erscheinen nicht nur bedroht, sondern Seite für Seite mit Phrase und Halbwahrheit massakriert? Wie zum Beweis dessen streckte das Produkt fortlaufender  Enthirnung vor Schloss Bellevue Schuhe in die Höhe und hielt diese Beleidigung aus Geistesschwäche für eine Demonstration, über die das Fernsehen betroffenheitschuldigst berichtete. Schon über das unlautere Motiv, von der Nachricht auf dem Anrufbeantworter gezielt verspätet zu sprechen, muss man nicht spekulieren, weil es Absicht war. Zwar hatte Herr Wulff hat sich bei Herrn Diekmann umgehend entschuldigt, und der hatte die Entschuldigung akzeptiert, aber das bedeutet nichts im Journalismus, weil akzeptierte Entschuldigungen eine Charakterschwäche darstellen, wenn dadurch die Steigerung der Auflage behindert wird, und diese Charakterschwäche kann sich kein Journalist erlauben, der einen Charakter hat, wie ein Journalist. Dennoch darf  die  Bild-Zeitung auf präsidiales Veto hin, das mitgeschnittene Telefonat nicht veröffentlichen, wo doch der Chefredakteur persönlich den Bundespräsidenten gebeten hatte, gewissermaßen auf  Augenhöhe. Warum hatte er gebeten, der angenommenen Entschuldigung zum Trotz? Um für Transparenz zu sorgen. Transparenz mit Hilfe der Bildzeitung? Das bedeutete die Wendung des Begriffs ins Gegenteil. Der geschäftstüchtige Täter gibt sich als selbstloser Zeuge  und erhofft, wie ein  ertappter Dieb, durch Verlage des vertraulichen Guts den zu Bestehlenden zu blamieren. Privatsphäre? Da könnte jeder kommen, und jeden hätte man gar nicht erst gefragt. Was Herr Wulff  losgelassen hat, kann sich ein jeder denken. Nur ein Redakteur  und der  Bundes-Bild-Bürger denken nicht. Der eine muss verweigern wegen der Auflage, der andere wegen der Geisteslage. Der Wortlaut wurde beiden auch nur solange erspart, bis die Diskretion der Bild-Zeitung dafür gesorgt hatte, dass der eher belanglose Inhalt unter dem Siegel der Verschwiegenheit bekannt wurde. Inzwischen weiß man, dass es nichts wirklich Überraschendes nur Ungeschicktes auf Band gab, und also zieht vor-Bild-lich investigativ das Extrablatt für den Nachrichtengourmet, der „Spiegel“, eine alte Hotelrechnung aus dem journalistischen Verdauungstrakt, zu Nutz und Frommen jenes Blattes, das Meinung produzieren muss, weil es sich zum ordentlichen Urteil schon immer unfähig wusste, damit auch die Leserschaft  nichts genau weiß und immer mehr von dem wissen will, was man nicht weiß und nicht wissen muss, und es  deshalb glaubt und daher immer ganz genau weiß, was kaum zu glauben ist.

Was auch nicht zu glauben ist, ist allerdings das, was sich die geballte Seriosität der journalistischen Diagonalintelligenz in Form von Herrn Deppendorf – der sich in Zukunft endgültig von Wilfried Schmickler vertreten lassen sollte – und vor allem Frau Schausten im Interview mit Christian Wulff leistete, beide legitimiert durch nichts, aber auch gar nichts, als ihr berufsbedingtes Dasein in Berlin. Über vierhundert Fragen der Presse zu den letzten zwanzig Jahren seines Lebens hatte Herr Wulff nach eigener Aussage im Vorfeld des Interviews zu bearbeiten und musste sich des Vorwurfs der Verzögerung erwehren, dass er es nicht schnell genug hinbekommen hätte mit seinen Antworten, wohingegen die ihm gegenüber sitzenden Nachrichtenhyänen, jeden auch nur Druckfehler umgehend zum Charakterdefizit erhoben hätten. Wer legitimierte überhaupt die Fragen auch nach Privatestem?  Wie schon gesagt, Herr Wulff war und ist Herr Wulff, und er ist Bundespräsident, aus welchen Gründen auch immer. Er ist der, von dem man wissen konnte und musste, dass er so ist, wie er ist und dass Angela Merkel ihn eben deshalb zum Präsidenten wählen ließ:  Als Biedermann für den deutschen Biedermann in all seiner Mittelmäßigkeit, und ohne jedes Genie gerät Anstand zur Minimalanforderung. Fast hat man den Eindruck, man nähme ihm eben das übel, „einfach“ – in des Wortes doppelter Bedeutung – nur so zu sein, wie das Schlitzohr von nebenan, dem man sich selbst auch ähnlich weiß oder es gern wäre. Er sagte im Interview das, was man sagen muss, wenn man bei Unanständigem erwischt wurde und sich zunächst vor unangenehmen Nachfragen drücken will. Das tat er im Rahmen seiner Möglichkeiten so überzeugend, wie sein jeweiliges Gegenüber Überzeugenderes umfänglich verabsäumte. Von Anbeginn spürte man bei allen  Fragen die unlautere  Absicht, einen Bundespräsidenten vorzuführen, vor allem bei Frau Schausten. Das war nicht degoutant, sondern einfach zum Kotzen. „Präsident auf Bewährung“ war noch die gelungenste der  missratenen Metaphern. Aber wenn die Dame vorwurfsvoll-gelogen, mit treuem Augenaufschlag mitteilt, „Ja,“ sie zahle bei ihren „Freunden“  für eine Übernachtung und zwar 150 €, dann wird es hochnotpeinlich. Inzwischen hat sie „relativiert“, was genügen muss für eine Journalistin, die schlicht gelogen und nicht nur  relativiert hat, wie etwa ein Bundespräsident, der nicht gelogen, kein Gesetz sicher gebrochen hat, wie ein Kanzler Kohl, aber alles relativiert und erst zu wenig gesagt und dann zu viel verschwiegen hat. Frau Schausten darf beim Fernsehen bleiben, Herr Wulff soll gehen. Das ZDF, dem es wohl die Sprache verschlagen hatte, mochte dazu  nichts sagen, weil es „um Herrn Wulff“ gehe. Ach so!  Ich bezahle übrigens Freunde nie, weil ich damit nachwiese, dass ich keine Freunde hätte und mich die, die ich habe, schon beim Angebot einer Bezahlung rauswerfen würden. Zugegeben, eine Ausnahme würde ich machen und würde Frau Schausten immer bezahlen, aber nie hereinlassen und wenn doch, dann hätte sie tatsächlich zu zahlen und zwar im Voraus. Man muss kein Prophet sein, um weitere, Enthüllung genannte Halbwahrheiten der Medien vorherzusagen, die sich um den Anstand, den sie bei anderen einfordern, keine Sorgen machen, weil dessen Missachtung das Pfund ist, mit dem sie Wucher treiben. Die Frage bleibt, wer oder was diese unkontrollierte Macht und ihr Unwesen legitimiert, die Leben umgehend aussaugt, wo sie allenfalls zu informieren gehabt hätte. Sie werden das Kind wie üblich in den von ihnen aufgedeckten Brunnen stürzen lassen, dann den Deckel wieder drauflegen, bis zum nächsten Mal. Sie werden alles darüber berichten und – mit Peinlichkeitsabstand – irgendwann später davon, dass sie sich für ihr Tun entschuldigt haben. Die Person Wulff ist mir mehr oder weniger gleichgültig, die Rolle der Presse nicht.  Wie gesagt, ein Skandal ist immer zuerst ein Skandal des Journalismus.


Was man so lesen muss … . „Selbstverständlich“ zu Guttenberg. Von W.K. Nordenham

03. Dezember 2011 | Kategorie: Notizen aus Medienland, Notizen zur Zeit, Was man so lesen muss

„Was man so lesen muss, und wo man nicht weiter weiß .“, wird  Aufgefundenes, Kleines etwas größer darstellen, damit auch im Kleinen in ferner Zukunft mehr Sorgfalt herrsche.Bei den meisten reicht es schon, sie nur zu zitieren, wie Karl Kraus sagte.

Kölner Stadtanzeiger vom  29.11.11

„Bin kein Blender und Betrüger“

Erstellt 29.11.11, 00:01h, aktualisiert 02.12.11, 00:23h

Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich neun Monate nach der Aberkennung seines Doktortitels mit seinem neuen Interview-Buch „Vorerst gescheitert“ zurückgemeldet. Darin verteidigt der frühere Verteidigungsminister seine Fehler und greift die Uni Bayreuth an.

(…)

Doktorarbeit war „größte Dummheit“

Erneut versicherte Guttenberg, er habe bei seiner Dissertation                    „ s  e  l  b  s  t  v  e  r  s  t  ä  n  d  l  i  c  h  “ keinen Ghostwriter gehabt.„Wenn ich die Absicht gehabt hätte, zu täuschen, dann hätte i c h  m i c h   n  i e m a l s   s o   p l u m p   u n d   d u m m   a n g e s t e l l t, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist.“ Zugleich bezeichnete er die unter persönlichem Druck entstandene Doktorarbeit, die über weite Strecken nachweislich ohne Quellenangabe abgeschrieben war, als          „ g r ö ß t e   D u m m h e i t   m e i n e s  L e b e n s “. Auch beim Krisenmanagement räumte Guttenberg Fehler ein. Zu Jahresbeginn von den Vorwürfen überrascht, habe er teilweise „völlig falsch reagiert“. Er betonte: „Eigentlich habe ich in diesen Tagen immer die    f a l s c h e      O p t i o n gewählt.“ Doch sei er kein Blender, wie Kritiker oft behaupten. „Das ist  e i n f a c h  ein  A t t r i b u t , das meinem bisherigen Leben nicht gerecht wird.“

Kann jemand eines Gedanken fähig sein, der das Wort nicht hat, sondern das Wort ihn hat? Soll  man auf den Menschen mit seinen Worten eindreschen, obwohl einen das unbestimmte Gefühl von Leichenschändung beschleicht? Wie angenehm empfindet man es da, wenn jemand das selbst erledigt. Es fängt mit seinem Missverständnis des Wortes „selbstverständlich“ an, das etwas bezeichnet, was sich aus sich selbst  heraus versteht. Diese Bedingung bleibt unerfüllt, weil man von selbst nichts versteht. Er hat nicht die Absicht gehabt „zu täuschen“, wiewohl man seit Spickzettelzeiten weiß, dass schon deren Gebrauch einen Täuschungsversuch darstellt. Dasselbe gilt für seine mit Plagiaten gespickte Dissertation. Wer außer ihm selbst hätte sich  „so plump und dumm“ anstellen können,  „wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist,“ wo er doch einen dafür verantwortlich zu machenden Ghostwriter  „selbstverständlich“ nicht gehabt haben will? Wer war  dann Schreiber oder bestand eine Verwechslung von Abschreiben mit  Abschreibung? Ich verstehe es trotzdem nicht. Jede Doktorarbeit ist von der Aufgabe her persönlich belastend, weil man sie auch als Plagiat selbst abschreiben muss, zumal wenn man es nicht war. Deshalb kann mit „persönlichem Druck“  eigentlich nur die Druckerei gemeint sein, die das Elaborat als Buch fertigte, und das folgende Eingeständnis „größte Dummheit meines Lebens“ verlangt zwingend die Ergänzung: bis jetzt!  Denn die obigen Aussagen lassen mangels Einsicht Schlimmes erwarten. Wir erfahren nämlich,  er  sei „überrascht“ gewesen von den Vorwürfen. Kannte er seine Arbeit nicht? Er habe „teilweise völlig falsch reagiert“, sagt aber nicht, worauf und habe  „in diesen Tagen immer die    f a l s c h e   O p t i o n „ gewählt. Natürlich muss es  f a l s c h e  L o t i o n  heißen, dann erschließt sich der Sinn sofort. Das Wort Blender sei „ einfach ein Attribut“, dem ich zwar einfach zustimme, dass aber seinem „bisherigen Leben nicht gerecht wird.“ Was zu beweisen wäre! Man lese sich die obigen Sätze  durch und erkläre mir den Sinn, der doch logisch nur darin liegen kann, dass er entweder der Schreiber der Arbeit war und sich beim Betrug getäuscht hat oder aber, da er nicht getäuscht hat und so selbst betrogen worden sein muss, war es der Schreiber der Arbeit, der getäuscht und ihn damit betrogen hat, der er nicht gewesen sein kann, weil er nicht täuschen wollte und es deshalb war, weil er es abgeschrieben und nicht selbst geschrieben hat und es deshalb nicht gewesen sein kann, obwohl er es war.  Ein Selbstbetrug also!  Jetzt  haben wir´s endlich, „selbstverständlich.“


Was man so lesen muss … . Rekordverdächtiges. Von W.K. Nordenham

03. Dezember 2011 | Kategorie: Artikel, Notizen aus Medienland, Notizen zur Zeit, Was man so lesen muss

„Was man so lesen muss, und wo man nicht weiter weiß. „, wird  Aufgefundenes, Kleines etwas größer darstellen, damit auch im Kleinen in ferner Zukunft mehr Sorgfalt herrsche.

Kölner Stadtanzeiger vom  2.12.11

Mann mit langem Atem

Elio Di Rupo kann Regierungschef in Belgien werden.

Es werde nur  noch ein paar Tage dauern, verkündete  Elio Di Rupo am vergangenen Sonntag, bis Belgien  endlich eine neue Regierung bekommt.der Designierte Ministerpräsident hatte sich zuvor in einem 17-stündigen Verhandlungsmarathon mit sechs Parteien auf einen gemeinsamen Sparhaushalt für das kommende Jahr geeinigt.

Zeit wird es, schließlich steht Belgien seit eineinhalb Jahren ohne Regierung da – ein neuer W e l t r e k o r d. (…) Der Sohn italienischer Einwanderer kann neuer Ministerpräsident werden.

Wenn es denn so kommt, gäbe es mit dem 60-jährigen Politiker  gleich  d r e i   R e k o r d e   zu vermelden. Er wäre der erste frankophone Regierungschef seit  drei Jahrzehnten, der Erste Sozialist in diesem Amt seit 1974  und weltweit der erste Männliche. Eine Frau gibt es schon, Islands l e s b i s c h e  Premierministerin …  .

Dass der studierte Chemiker   s c h w u l     ist , ist spätestens seit der D u t r o u x -Affäre 1996 bekannt. Im Zuge… ( Überflüssiger Bericht über Verleumdung Di Rupos. Anm. d. Red.denn: )  … konnte  der   V   e  r  d  a c h t   z  w   e  i  f  e  l  s  f  r  e  i     ausgeräumt werden. (…)

————————————————————————————–

So lässt ein gewisser  E l m a r   K r a u s h a a r, Journalist und Schriftsteller, sich rekordverdächtig vernehmen, der die Adjektive  frankophon  und sozialistisch offenbar für vergleichbar informativ und bemerkenswert hält wie etwa  lesbisch und männlich, und von dem ich  – bei meiner zufällig heterosexuellen Ehre! –  als einer, der sonst  jede beliebige Form echter Liebe von Herzen begrüßt, nicht weiß  und  auf  keinen Fall wissen will, ob der Herr schwul, bisexuell, asexuell,oder  Hermaphrodit ist und nur achtlos einen Artikel runtergeschrieben hat, in dem er lesbisch, sozialistisch und männlich für rekordfähig hält. Wenn man verwirrt von so vielen möglichen Rekorden weiterliest, erfährt man, worum es eigentlich geht und was man so wenig wissen wollte, wie die private Vorliebe der isländischen Ministerpräsidentin, dass  Elio Di Rupo schwul ist. Es folgt Unsägliches, unter absichtsvoller Verwendung des Namens  Dutroux, eines pädophilen Kindermörders, das mit einem z w e i f e l s f r e i e n   F r e i s p r u c h für Herrn Di Rupo geendet hat. Immerhin war er in dieser „A f f ä r e „ vor Gericht, will uns der Schreiber verdächtig zweifelsfrei und ohne jeden Skrupel vermelden, ungeachtet des unzweifelhaft erfolgten z w e i f e l s f r e i e n Freispruches. Was haben solche Nachrichten, um den Begriff Niveau zu vermeiden, in einer normalen Tageszeitung zu suchen? Nichts! Und das meiste Andere auch nicht! Es wäre ein paar bunten Gazetten oder wie derlei heißt, sicher ein paar schwul-sozialistisch-frankophone Zeilen wert gewesen und an der richtigen semivoyeuristischen Adresse bestens untergebracht, wo schwul und lesbisch für einen Rekord immer gut genug ist. Herrn Kraushaar durfte deshalb darauf hoffen, wie alle Nur-für-denTag-Scheiber, dass  keiner über die ersten Sätze hinweg käme, dass nämlich ein Papierkorb den Artikel vorher gnädig aufgenommen haben würde, wohin solche Art von „Information“ von vornherein gehört hätte. Leider habe ich weitergelesen.


Was man so lesen muss.“Kauder“welsch.Von W.K. Nordenham

25. November 2011 | Kategorie: Artikel, Notizen aus Medienland, Notizen zur Zeit, Was man so lesen muss

“Was man so lesen muss, und wo man nicht weiter weiß. “, wird  Aufgefundenes, Kleines etwas größer darstellen, damit auch im Kleinen in ferner Zukunft mehr Sorgfalt herrsche.

Welt online 15.11.2011 über den CDU Parteitag

Kauder-Rede

„Auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“

Schuldenbremse, Haushaltsdisziplin, stärkere Kontrolle: Unions-Fraktionschef Kauder fordert eine einheitliche Politik in Europa – und teilt gegen Erdogan aus.

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, hat vor einer    I s o l i e r u n g  e i n z e l n e r  S t a a t e  n   in der Europäischen Union gewarnt. Das wäre ein „verhängnisvolles Signal“, sagte Kauder am Dienstag beim CDU-Parteitag in Leipzig.

Volker Kauder sieht  M e r k e l s   P o l i t i k    als V o r b i l d   für andere EU-Länder.Er forderte Einsatz für eine einheitliche Politik der EU. Diese müsse lauten: „Schuldenbremse, Haushaltsdisziplin und stärkere Kontrolle.“

Ein Europa der Zeitenwende

Kauder sagte: „Wir befinden uns in Europa in  e i n e r   g e w i s s e n     Z e i t e n w e n d e .   (…)   W i r   s p ü r e n ,   d a s s     w i r             d i e s e s   E u r o p a   in eine  n e u e   Z e i t   f ü h r e n  müssen.“

Am Vortag hatten die Christdemokraten einen Leitantrag zur Europa-Politik beschlossen, wonach kein hoch verschuldetes Euro-Mitglied aus der Währungsunion ausgeschlossen werden soll. Hier grenzt sich die CDU von ihrer Schwesterpartei CSU ab, die einen Rauswurf nicht ausschließen will.

Kauder deklinierte den Beschluss noch einmal durch und bezog sich mehrfach auf die Rede von CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag. Er fügte hinzu: „ A u f    e i n  m a l   w i r d    i n   E u r o p a    D e u t s c h    g e s p r o c h e n.“

Das Peter- Prinzip besagt, dass jeder solange befördert wird, bis man merkt, dass er es nicht kann. Den überzeugendsten Beweis liefert Guido Westerwelle, aber jetzt legt Volker Kauder nach. Eigentlich hatte ich bisher eine ungefähre Vorstellung davon, was mit dem Wort  Kauderwelsch umschrieben wird. Die Frage, ob Politiker – mit Ausnahme von Helmut Schmidt – nachdenken oder sich der Meinungsumfragen als demokratische Legitimation bedienen, kann nach obiger Einlassung erneut kurz und knapp mit „Nein“  beantwortet werden.  Nach der Rede von CDU- Generalsekretär Volker  K a u d e r  habe ich für mich  als Erstes die Schreibweise korrigiert: „Kauder“welsch.  Denn darum handelt es sich, was er da den welschen , d.h. allen romanischen Völkern und was sonst noch rundherum irgendwelche europäischen Dialekte spricht, klar macht : Es wird ab  sofort   D e  u  t s c h  gesprochen. Nicht nur, dass er mit der berechtigten Warnung vor der    I s o l i e r u n g   e i n z e l n e r   S t a a t e n, in seinem folgenden Gedankenabgang mit dem untrüglichen Fingerspitzengefühl einer Drahtbürste ,   D e u t s c h l a n d umgehend verbal zu i s o l i e r e n  beginnt.  Er hätte sich  seine gefährlich – unsinnigen Bemerkungen verbieten müssen,  und sein  Gewissen, wenn schon nicht sein Wissen, würde eine nicht näher begründete  g e w i s s e  Z e i t e n w e n d e, auf ungewisse Zeit verschoben haben. Dann stolpert noch die aller Vernunft spottende, unsägliche Bemerkung  über einen Primat der deutschen Sprache  in Europa hinterdrein, der  angesichts der europäischen Geschichte idiotisch  klingen muss. Schon  einmal  wurde    i n  e i n e   n e u e   Z e i t  angeblich mit deutscher Sprache g e f ü h r t, aber die Erinnerung daran verbindet sich bei den Völkern Europas nicht mit Worten sondern Untaten. Das alles hat Volker Kauder offensichtlich nicht mit   s p ü r e n   gemeint, während er Europa  dank deutscher Sprache in eine n e u e   Z e i t  zu  f ü h r e n    gedenkt,  die einen Fürsprecher, wie ihn, weder braucht noch verdient hat.


Notizen aus Medienland – Ein Stolperstein für den Minister. Chronologie einer Posse. Von W.K. Nordenham

01. November 2011 | Kategorie: Notizen aus Medienland, Was man so lesen muss

Der Künstler Gunter Demnig arbeitet seit fast 20 Jahren an einem Riesenkunstwerk, den „Stolpersteinen“.

Überall in Europa verlegt er vor den Häusern und Wohnungen der von den Nazis vertriebenen und ermordeten Juden mit Messingplatten versehene Erinnerungssteine, auf denen die Namen und Daten der von diesem Ort verschwundenen Menschen eingeprägt sind. Die Steine sind eingelassen in die Bürgersteige und geben als Multiplexdenkmal, dem man nicht ausweichen kann, tagtäglich ihr stummes Memento jedem auch nur flüchtig Vorübereilenden mit auf den Weg. Das sollte laut Finanzamt Köln-Altstadt nun keine  Kunst mehr sein und wegen der Gerechtigkeit rückwirkend voll besteuert werden, mit 19 % Mehrwertsteuer statt der sonst üblichen 7%. Gunter Demnig hätte 150 000 € zu zahlen gehabt und wäre damit pleite gewesen. Aber wozu nützten rotationshalsige Politprofis, wenn die Köpfe nicht ab und zu in die richtige Richtung gedreht werden könnten, sei es auch wie mit jenem, der spät kommt. Wie verräterisch das Wort sich gebärdet, wenn man ihm befehlen und nicht gehorchen will, sei hier zum Vergnügen vorgeführt. Die Geschichte einer wundersamen Läuterung, wofür der Presse ausnahmsweise gedankt sei, beginnt mit  Monitor.

16.06.2011

ARD  TV Monitor Nr. 621

Keine Kunst: „Stolpersteine“ sind für das Finanzamt nur „Hinweisschilder“

Norbert-Walter Borjans, Finanzminister NRW: „Das Entscheidende an unserem Steuersystem ist auch, dass es ein Objektives sein muss, dass man nicht nach  g u t   D ü n k e n entscheiden kann, sondern, dass man im Prinzip sich angucken muss, welche Regeln haben wir,    was   m ü s s e n     a n d e r e  tun,  di e   einen   U m s a t z   m a c h e n   m i t   e h r l i c h e r  A r b e i t.“

Loriot hätte erstaunt ausgerufen:“Ach was!“ Objektiv also arbeiten, nicht subjektiv wie ein Künster, und objektiv muss das Steuersystem sein, und nach Gutdünken kann der NRW Finanzminister Herr Walter-Borjans nicht entscheiden und die Posse geht los. Es dünkt ihm, dass er wenigstens im Moment noch nicht ind dem sinne gutdünken kann. Bis es soweit ist, braucht er ab jetzt sechs Tage, wie man da sehen wird. Außerdem erfährt man nur scheinbar Überraschendes, dass nämlich Kunst, aus der Sicht eines Finanzministers, keine ehrliche Arbeit darstellt  im Verhältnis zu anderen, die was tun müssen und einen Umsatz machen, wie etwa Politiker. Das wusste ich seit langem, denn würden Finanzbeamte Kunst  für ehrliche Arbeit halten, so müsste man sich um die geistige Freiheit in dem Lande ernsthaft Sorgen machen. Da sei der Minister vor!

Und das müssen wir uns  a n g u c k e n .“ Das sagte uns der Minister am Freitag. Irgendwie schien ihm das Interview  u n a n g e n e h m .

Es wird noch unangenehmer. Da merkt einer, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Deshalb guckt er noch einmal hin, aber jetzt richtig und fängt unverzüglich mit einem Gutdünken an, welches kurz vorher kategorisch ausgeschlossen wurde.

G e s t e r n  traf er eine Entscheidung:

Demnig  muss  die  150.000 €  doch  nicht  z u r ü c k z a h l e n .

Es trapst die Nachtigall! Und warum eigentlich „zurückzahlen“, wo der Künstler gar nichts gezahlt war? Ist es die Sicht der Finanzbehörde, dass sie dem Bürger das Geld von Staats wegen nur leihweise überlässt, er also aus Behördensicht gar kein eigenes Geld besitzt und es deshalb nur „zurück“zahlen kann?  Das wäre plausibel. Man weiß es nicht.

Aber  ab  s o f o r t   soll  er (d. h. Gunter Demnig)  19  % pro  Stein abführen.

Das wäre für einen Handwerker üblich. Die  Mehrwertsteuer für Kunst liegt sonst bei 7%. Weiter glaubt der Minister im Moment noch nicht gehen zu müssen mit dem Gutdünken.  Da könnte ja jeder kommen.

Das ist jetzt also  W a r e ,  k e i n e   K u n s t . Über den Stein von Heinrich Müller sind wir g e s t o l p e r t. Er liegt nämlich g e n a u  v o r  D e m n i g s  F i n a n z a m t    i n   K ö l n .

So endet „Monitor“ und Walter-Borjans hat offensichtlich noch nicht begriffen. Nach einem kontemplativen Wochenende von Freitag bis Montag den 20.Juni dämmert es ihm. Der Minister verspürt  das Wehen der Zeit, und hängt er die Nase den Wind, nachdem er den zunehmenden Gegenwind mitbekommen hat. Dann geht es im wahrsten Sinne Schlag auf Schlag.

20.06.11

Kölner Stadt-Anzeiger:  NRW-Finanzminister will Steuersatz für „Stolpersteine“ neu prüfen lassen.

20.06.11 Köln (ots) – Norbert Walter- Borjans, Finanzminister des Landes NRW, will die Umsatzsteuer auf die „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig e r n e u t  p  r ü f e n  lassen.

Nun bringt er die Nachtigall auf Trab. Es schwant ihm, dass die alleinige Rücknahme der Nachzahlung nicht reichen könnte. Also lässt er schon mal „erneut prüfen“. Wie sagt der Kölner: „Jetz hätt er et  jemerkt.“ Und dann folgt die fundamentale Feststellung:

Bei den „Stolpersteinen“  h a n d e l e   e s   s i c h    n i c h t   um  eine   M a s s e n a n f e r t i g u n g ,

Stimmt! Es handelt sich bei den „Stolpersteinen“ vielmehr  um das Gedenken an eine  M a s s e n v e r n i c h t u n g, die das wahrhaft geniale Denkmal Demnigs nachhaltig bewusst macht.

sagte Walter-Borjans dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Dienstag-Ausgabe), sondern „um ein  e i n z i g e s  Werk der Erinnerung, das durch den Künstler permanent vervollständigt wird“.

Davon hatte  Herr Walter- Borjans bei seiner Äußerung in der Sendung „Monitor“ noch nichts geahnt.Da hat ihm jemand was gesteckt, obwohl es von     e i n z i g  bis zur Erkenntnis der Einzigartigkeit  der „Stolpersteine“ noch vierunzwanzig weitere Stunden dauern wird.

Zuletzt war festgelegt worden die Mehrwertsteuer von sieben auf 19 Prozent zu erhöhen. Diese Entscheidung hatte für U n v e r s t ä n d n i s  gesorgt. Zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus hat Demnig seit 1993 bislang 30.000 Gedenksteine mit Namen und Lebensdaten von Opfern in Europa verlegt, die im „Dritten Reich“ gewaltsam umkamen.

„Unverständnis gesorgt“ ist hübsch formuliert für etwas, das außer einem Finanzbeamten niemand versteht. Walter-Borjans begreift aber trotzdem und  bereitet wie ein typischer politischer Rotationshals eine Kehrtwende vor, die als 3-facher Borjans beim Eiskunstlauf eine Chance hätte, wenn man dabei nicht so schlecht aussähe. Es drängt eine, vor Kurzem noch unbekannte, jetzt aber grottentiefe Überzeugung aus ministeriellem Dunkel an ein Licht, das ihm unverhofft und glücklicherweise rechzeitig aufging oder ihm aufgesetzt wurde und das vierunzwanzig Stunden später zu leuchten beginnt und zwar im Stadtanzeiger Köln.

21.06.2011 Kölner Stadt-Anzeiger

Warum sind Stolpersteine Kunst?

In den Streit um die Besteuerung der „Stolpersteine“ hat sich jetzt auch NRW-Finanzminister Walter-Borjans eingeschaltet.

Nach dem Verlauf zu urteilen, ist er doch wohl eher von eingeschaltet worden.

Es wird höchste Zeit, die Kunstbanausen-Bürokraten in die Schranken zu weisen.

Wer ist mit dem obigen Prädikat nicht gemeint? Nicht doch! Oder doch?

Köln – Rund 30.000 „Stolpersteine“ hat Gunter Demnig seit 1993 in Europa verlegt und damit einen völlig neuen Begriff des Denkmals begründet. Nicht irgendwo hingehen und innehalten – sondern mitten im Alltag durch einen kleinen Hinweis unter den Füßen mit der Geschichte konfrontiert werden. Und sehen, was man aus dieser Begegnung macht. Ob man ihr ausweicht oder sich doch kurz drauf einlässt. Eine ziemlich geniale Idee, gerade als Alternative zum üblichen Gedenken.(….) Wie Norbert Walter-Borjans, Finanzminister des Landes NRW, gestern aber gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu verstehen gegeben hat,  wird   e r   d i e   A n g e l e g e n h e i t   m i t    d e m   a u s d r ü c k l i c h e n      Z i e l     p r ü f e n   l a s s e n , die fragliche Steuer auch künftig bei sieben Prozent zu belassen.

Kein Schelm soll über den Schelm Arges denken, weshalb unbeirrbar auf  Borjans-komm-raus geprüft wird, nunmehr mit dem ausdrücklichen Ziel der Steuerminderung. Das erlebte der Bürger gelegentlich auch gern einmal. Damit sich das zu Beginn ausgeschlossene Gutdünken sich nicht zu gut dünkt, äußert er zur Sicherheit sein

V e r s t ä n d n i s  für die Behörden,

die doch wohl die seine unverstandenen Behörden sind. Dazu bedarf es eines  exklusiven Finanzamtskopfes, welcher z.b. mir fehlt.

liefert aber s e l b s t  eine   ü b e r z e u g e n d e  B e g r ü n d u n g   für den künstlerischen Status der „Stolpersteine“:

Die Wortwahl zeigt die Überraschung des Journalisten an. Von einem Finanzminister eine künstlerische Begründung geliefert zu berkommen, die binnen fünf Tagen im richtigen Drehmoment aus  finanzcerebralem Niemandsland erstand, damit konnte man so nicht rechnen. Nachdem es sich erst noch mal „handelt„,  kommt es dann  knüppeldick und wörtlich:

„Es  h a n d e l t  sich um ein einziges Werk der  Erinnerung, das durch den Künstler permanent vervollständigt wird.“ Walter-Borjans  s e l b s t   zähle sich  s e i t  l a n g e m  –  a u c h   a u s   v i e l f a c h e r    e i g e n e r   E r f a h r u n g  – zu  den  B e f ü r w o r t e r n  und  B e w u n d e r e r n  von Demnigs Erinnerungsarbeit.

Das ist starker Tobak. Da möchte man sofort wieder mit dem Rauchen anfangen. „Selbst“, „seit langem“, aus „eigener Erfahrung“ und nicht nur „selbst“ „eigener“, sondern auch „vielfacher“ Erfahrung, die ihn innerhalb fünf Tagen beim 3 fachen Borjans überkam! Er zählt sich ab sofort „seit langem“ zu „den Befürwortern“ und – da senkt man schamhaft den Blick und rötet nachhaltig die Ohren – zu den „Bewunderern“. Wandelte sich da der Saulus zum Paulus oder eher der Bock zum Gärtner? Der Kölner bemerkt dazu lakonisch: „Man kann es auch übertreiben.“ Weiter geht´s!

Er  b l e i b e  j e d e s  M a l  s t e h e n , wenn  er  einen   s o l c h e n        S t e i n  vor   m i r   sehe.

„Jedes Mal…“, das Auge tränt, die Stimme bricht oder was… . Das „vor   m i r   sehe“ ist wohl ein Setzfehler, aber es passt irgendwie.  Selbst der Setzer war offenbar geblendet. Denn Hunderte von Stolpersteinen liegen allein in Köln. Dann muss er also der Mann sein, der immer überall stehend aufgegriffen wird. Ich bleibe schon oft stehen, aber bei so einem Minister komme ich nicht mit. Walter-Borjans begebe sich zum Ausruhen auf den Ministersessel in Düsseldorf, wo er nicht stehen bleiben muss, sondern endlich nachsitzen darf in Sachen Umgang mit Kunst. Der Kölner würde sowieso sagen: “ Dat is gelogen.“

Damit dürfte sich auch das behördliche Argument erledigt haben, es handele sich „nur um  H i n w e i s s c h i l d e r “, die das Finanzamt gegenüber Demnig geltend gemacht hat.

Ein Minister, dem das Gutdünken vor ein paar Tagen noch unmöglich dünkte, erledigt das Argument seiner Finanzbehörde per odre mufti. Das kann sich nur ein ausgewiesener, weil langjähriger Befürworter und Bewunderer Gunter Demnigs herausnehmen. Wie sagt der Kölner hier:“ Müssen Se´ entschuldigen.“ Es bleibt keine Wahl, man muss wohl oder übel. Den Gedankengang in einem Beamtenschädel, der Demnigs Gedenksteine zu „Hinweisschildern“ mutieren ließ, konnte ich nach längerem Nachdenken trotz eifrigen Bemühens nicht nachvollziehen.

Weil das Echo des Steuerstreits um Gunter Denmig, bei dem die bis zur Bedeutungslosigkeit missbrauchte Journalistenphrase  S k a n d a l  endlich einmal zutreffend gewesen wäre, inzwischen bundesweit hallte, folgte der Epilog standesgemäß auf allerhöchstem Jounaille-Niveau.

22.06.11

Bild-Zeitung Köln – Der Kölner Künstler Gunter Demnig (63) kann aufatmen.

Der wochenlange Steuer-Streit um seine „Stolpersteine“ zur Erinnerung an NS-Opfer ist beendet.  I n    B I L D   s t o p p t   NRW – Finanzminister    N o r b e r t – W a l t e r Borjans den  K r a c h und erklärt:„I c h   s a g e:  Es geht nicht um 30 000 einzelne Steine, die unabhängig voneinander sind, sondern um ein Gesamtkunstwerk als  g r o ß e s   O r i g i n a l .“

Der Mann heißt Walter-Borjans. Aber bei dem Tempo der Enschscheidung  kann man schon mal einen Fehler machen, vor allem, wenn es um ein „Gesantkunstwerk als großes Original“ geht, womit nicht er selbst gemeint sein kann. Bei keiner Geringeren als  „In Bild“ ( ich kann das Wort nicht groß schreiben!) stoppt er den „Krach“ –  um seine Person oder was war da?  – und er sagt es nicht nur, sondern „erklärt„, was immer für jedermann außer Zweifel stand außer für ihn.

Das hatte das Finanzamt Köln-Altstadt vorher so nicht erkannt. Es betrachtete die deutschlandweit bekannten Steine ni c h t   a l s  K u n s t,   s o n d e r n   a l s   M a s s e n w a r e. Daraus folgerte das Amt: Demnig müsse statt 7% Umsatzsteuer satte 19% bezahlen (BILD berichtete). D a s    f e g t  Borjans jetzt  d e f i n i t i v  vom Tisch! Der Finanzminister zu BILD: „Künftig muss Demning nur 7 Prozent Umsatzsteuer zahlen. Das hat er  no c h   n i c h t   s c h r i f t l i c h, wird ihm aber vom Finanzamt zugehen.“

Man sieht Walter-Borjans förmlich fegen und zwar laut „Bild“ „definitiv“. Alles was er vorher nicht gemerkt und gewusst hatte, der langjährige Befürworter und Bewunderer, wird gleich mit weggefegt. Da kann jeder schriftliche Bescheid warten, wenn ein Minister bei „Bild“ antreten darf, und ein Demnig gerät leicht mal zum Demning, nicht mit Anrede als „Herr Demnig“, sondern Demning. Soviel Zeit muss sein. Hätte der Herr Minister nur früher souverän befürwortet und bewundert gegenüber dem Finanzamt Köln-Altstadt, dessen oberster Dienstherr er die ganze Zeit war, so wäre ihm bekannt gewesen, dass Gunter Demnig bei Gericht gegen den Unsinn geklagt hatte. Aber erst weiß Walter-Borjans nicht und kann nicht gutdünken, dann kommt MONITOR, danach der Kölner Stadtanzeiger, letztendlich „Bild“, und es erfolgt umgehend eine direkte Weisung nach Gutdünken an die Behörde in Köln.  Die Chronologie der zum Leidwesen des NRW Finanzministers an die Öffentlichkeit gelangten finanzamtlichen Entscheidung, offenbart exemplarisch die unerhörte Standhaftigkeit und Entscheidungssorgfalt einer Politik, in der ein Gutdünken von vornherein ausgeschlossen ist.

——————————————————————————————–

Nota bene

Vor über einem Jahr wurden in meiner Heimatstadt auf meine Anregung hin Stolpersteine verlegt. Es waren bewegende Stunden mit Gedenkansprachen zur Stadtgeschichte und einem wahrhaften „Gedanken“- Gang  zu allen Wohnplätzen ehemaliger Juden in der Stadt. Der Künstler selbst ging für jeden Namensstein buchstäblich auf die Knie. Die Kosten für die Steine wurden, wie überall üblich, durch private Einzelspender aufgebracht. In ganz Europa kommt es so für die zahllosen Opfer zu einem zahllosen Gedenken, und zahlloser Opfer kann man allein mit zahllosem Gedenken gerecht werden. Tagtäglich geschieht es überall, wenn man zuerst mit den Füßen und dann mit dem Kopf über die Steine stolpert. Leider leben wir in Deutschland  noch immer oder schon wieder in einer Zeit, wo der Täter bestimmt, wann das Opfer zur Vergebung zu schreiten hat. Auch die Schamfrist scheint endgültig vorbei, da  deutsche Ämter  in Erwägung zogen das Gedenken zu besteuern. Stellvertretend für die Opfer wollten sie dem Künstler Gunter Demnig den Schandlohn abverlangen. Man erinnert mit Grausen die Berufung der Nazi- Henker auf immer korrekte Amtsvorgänge bei ihren Verbrechen an den Menschen. Die deutsche Finanzverwaltung befindet so sich unseligster Gesellschaft,  und es bleibt nur die Hoffnung, dass sich ein solcher Vorgang nicht wiederholt. Der Schaden ist allerdings angerichtet.                          W.K. Nordenham

 


Notizen aus Medienland – Ein Grubenhund masturbiert. September 2011. Von W.K. Nordenham

27. Oktober 2011 | Kategorie: Grubenhund, Notizen aus Medienland

Den Grubenhund hat Karl Kraus 1911  erfunden und apostrophierte Erfundenes danach mit dem Wort „Grubenhund“. Heute würde man „Zeitungsente“ sagen. Aber Für Karl Kraus war es nicht eine lässliche Sünde, sondern die Regel, dass Alles und Jedes zur Lüge taugt, wie eine große Boulevardzeitung tagtäglich nachweist.

Ärzte Zeitung online     09.09.2011

16-Jähriger masturbiert 42 Mal in einer Nacht und stirbt – angeblich. Eine sehr traurige Geschichte: Ein 16-jähriger Junge aus Brasilien soll 42 Mal in einer Nacht masturbiert haben – und dann gestorben sein.

Das kann doch nicht wahr sein!

Eine britische Internetseite namens „The Morningstarr*“ berichtete am 4. September über einen bizarr anmutenden Todesfall. (…)

Doch die Räuberpistole über die tödliche Onanie-Orgie war zumindest für einen Leser zuviel. Er recherchierte – und fand die ursprüngliche Quelle, jene G17-Seite, eine Webseite, die erfundene Geschichten nur so zum Spaß online stellt. Immerhin hat es die Geschichte auch auf andere News-Seiten geschafft – etwa dnews.de. Das einzig halbwegs Spaßige daran sind einige der Leserkommentare.

____________________________________________________________________

Man muss sich wundern, dass die wissenschaftlich sich gebärdende Ärzte-Zeitung sich mit solch publizistischer Einfalt einer fiktiven Masturbation annimmt. Aber zweiundvierzigmal in einer Nacht –  da wird selbst eine ernsthafte ärztliche Redaktion hellhörig, vor allem, wenn es nicht stimmt. Die Ärztezeitung weiß das sehr wohl, wie man dem weiteren Verlauf des Artikels entnehmen kann. Es handelt sich um einen „Grubenhund“, eine frei erfundene Geschichte und man druckt den Schwachsinn dennoch nicht nur ab, sondern liefert auch noch den Hinweis auf eine Seite mit, die halbwegs spaßige Leserkommentare verspricht. Die Frage erhebt sich, warum eine Ärzte-Zeitung mit dem Anspruch auf publizistische Ernsthaftigkeit diese Irrmeldung überhaupt aufnimmt. Damen waren bei dem Beschluss vermutlich nicht anwesend und auch keine Herren, sondern nur Männer. Offenbar war die Onanienachricht in ihrem herausstehenden Charakter geeignet, das redaktionelle Ejakulationspotential so in Aufruhr zu versetzen, dass man den Papierkorb vergaß, in den diese Meldung umgehend gehört hätte, zumal es angeblich doch auch nur die Leserkommentare waren, die halbwegs spaßig sein sollten und nicht etwa die Meldung selbst. Die werden dann wohl für einen internen Männerabend aufgehoben oder den nächsten Urologenkongress.

Wie bemerkte Karl Kraus zutreffend:

Das Niveau ist hoch, aber es ist niemand drauf.