Sein oder Design ist nicht mehr Frage, sondern schon Antwort. So schafft die entstellteste Menschheit das höchste Bruttosozialprodukt.

Notizen zur Zeit : Deutsche Truppen an die Ostfront. Zum Kotzen, Frau Merkel! Von W.K. Nordenham

14. Juni 2016 | Kategorie: Artikel

Deutsche Wirtschafts Nachrichten 13. Juni 2016

Deutsche Soldaten nach Litauen: Nato beginnt Einkreisung von Russland

Die Nato bereitet einen veritablen Truppenaufmarsch in Osteuropa vor: Deutsche Soldaten werden in Litauen tätig, die Briten übernehmen Estland und die US-Soldaten sollen Lettland schützen. Die Kanadier sollen in Polen antreten. Auch im Mittelmeer werden die Kampfverbände verstärkt. Russland empfindet die Aktivitäten als Bedrohung, hat bisher jedoch noch keine Gegenmaßnahmen angekündigt.

Beim Nato-Gipfel Mitte Juli in Warschau wird das Bündnis eine massive Militär-Präsenz gegen Russland beschließen. Russland wird von der Nato als Bedrohung klassifiziert. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte kürzlich in Washington erklärt, dass die USA und die EU in form der nato das Recht hätten, ihre Territorien auch auf fremdem Boden zu verteidigen. Kritiker dieser Strategie halten es für möglich, dass diese Aufrüstung die Gefahr eines militärischen Konflikt zwischen den Supermächten deeutlich erhöhen dürfte.

Spiegel online 28.4.2016

Bundeswehr beteiligt sich an Abschreckung gegen Russland

Auf Wunsch der östlichen Partner soll die Nato zusätzliche Soldaten an die Grenze zu Russland schicken. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE plant die Bundeswehr, sich in Litauen zu engagieren.

Deutschland ist bereit, sich stärker als bisher an der Nato-Abschreckung gegen Russland an der Ostgrenze der Militärallianz zu beteiligen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE könnten deutsche Truppen nach Litauen entsandt werden, wenn die Mission zur Rückversicherung der östlichen Nato-Partner beim Gipfel in Warschau im Juli beschlossen wird.  Kanzlerin Angela Merkel hat die deutsche Offerte bereits in kleiner Runde bei den Partnern angekündigt. Auf dem Minigipfel der Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs und Italiens mit US-Präsident Barack Obama in Hannover sagte Merkel  h i n t e r   v e r s c h l o s s e n e n   T ü r e n  einen Beitrag der Bundewehr für geplante Nato-Einheiten zu. Die neue Mission von stets rotierenden Bündnistruppen in den baltischen Staaten sowie Polen und Rumänien soll beim Nato-Gipfel beschlossen werden. Angedacht ist ein Bataillon von bis zu 1000 Mann pro Land. Obama hatte im Vorfeld des Treffens in Hannover signalisiert, dass er    v o r   a l l e m   M i l i t ä r b e i t r ä g e   a u s   D e u t s c h l a n d  und    Großbritannien    e r w a r t e . Die Bundeswehr prüft nun,  wie   D e u t s c h l a n d     a l s    F ü h r u n g s n a t i o n den Aufbau eines Nato-Bataillons von etwa 1000 Soldaten in Litauen unterstützen kann. Erste Planungen sehen vor, eine Kompanie der Bundeswehr in das baltische Land zu schicken. Litauen und andere Nationen könnten ebenfalls Soldaten stellen. Die Bundeswehr will dieses Konzept nun der Nato anbieten.

Vor 1941 Pearl Harbour haben die Amerikaner rund um Japan herum alle Staaten, besonders China maximal aufgerüstet, bis sich das Land vollkommen eingekreist sah. Das Ergebnis ist bekannt. Aber Frau Merkel lernt ja aus der Geschichte, als Führerin einer Führungsnation hinter verschlossenen Nato-Türen.  Gibt es denn nicht schon genug Zündstoff in der Welt? Mein Gott, Frau Merkel. Mir wird speiübel. Es können nur die Toilettentüren gewesen sein hinter denen beraten wurde, wenn so ein Mist herauskommt. Hat die deutsche Führungsnation immer noch nicht genug von der seit George W. Bush absolut irren Auslandspolitik der USA?  Der  später eher semi-integere Altkanzler Schröder wusste wenigstens zum Irakkrieg mit Courage ein „Nein“ zu sagen. Frau Merkel hatte bekanntermaßen eine andere Meinung. Dazu passte, wie sie später ihren Außenminister  Westerwelle bei seiner grandiosen UNO- Ablehnung eines deutschen Lybien-Einsatzes allein im Regen stehen ließ. In Lybien regiert seither ein mörderisches Chaos, die Flüchtlinge von dort sind auf dem Weg,und Amerika ist weit.  Den folgenden Syrien-Wahnsinn der US Politik, so von jedem halbwegs klar Denkenden abzusehen, machte die deutsche Führungsmachtpolitik trotz lodernder Warnzeichen von Afghanistan bis Irak mit. Oder glaubte man etwa Frau Slomka vom ZDF, die 2012 nach der Flucht eines syrischen Generals den Anfang vom Ende Assads verkündete? Syrien ist am Ende, das stimmt,  die Flüchtlinge von dort sind schon hier, und Amerika ist immer noch weit. Jetzt kommt nach USA-Syrien-Debakel  Russland dran, und wieder ist Amerika weit. Hatte der Westen, die Nato mit USA an der Spitze, nicht Russland versprochen keine Ausdehnung nach Osten zu betreiben? Dann forciert man dennoch nach Eingliederung der Baltenstaaten eine Osterweiterung mit Ukraine, obwohl man weiß, dass die russische Flotte auf der Krim dann abgeschnitten sein wird. Putin hatte mehrfach um Gehör gebeten, Vorschläge gemacht. Europäisch-amerikanische Selbstüberschätzung glaubte das ignorieren zu können. Aber in Russland gab es einen anderen Präsidenten. Putin musste das als Kriegserklärung auffassen. Vermutlich konnte Amerika es ihm nicht verzeihen, dass er ihnen den betrunkenen Jelzin weggenommen hatte, unter dem Russland zu amerikanischer Verfügungsmasse degenerierte. Russland stand wieder auf der Weltbühne. Zudem, die Krim war seit Jahrhunderten bis 1955 ein eigner Bundesstaat, war nie ukrainisch, immer selbständig.  Das kann man wissen. Deshalb wohnen dort auch wenig Ukrainer, und deshalb war der Ausgang Volksentscheids kaum verwunderlich. Ein immerhin  halbwegs freier Entscheid für Russland. Die folgenden EU-US-Sanktionen trafen und treffen Amerika nicht. Dabei haben die USA weiland in Kuba 1962 genauso gehandelt. Die hätten die Insel auch gern erobern wollen. Man erinnert die Schweinebucht. Sanktionen wurden auch verhängt, aber nur gegen Kuba und die Menschen dort – bis heute.  Die Führungsnation Deutschland samt EU täte gut daran, Russland ernst nehmen,        d e n n     d i e     r u s s i s c h e    P o l i t i k    i n    S y r i e n       i s t    w e i t   r a t i o n a l e r ,    a l s     e s     d i e     a m e r i k a n i s c h e   i m   N a h e n   O s t e n   i n    d e n   l e t z t e n  1 5  J  a h r e n  j e   w a r . Natürlich ist Putin so wenig lupenreiner Demokrat, wie es Bush, Cheyney, Rumsfeld und Konsorten waren. Aber immerhin ist er gewählter Präsident einer europäischen und Weltmacht,  sollte es bei der Wahl auch ebenso zugegangen sein wie bei George W. Bush in Florida, als das Ergebnis in dessen Sinne entscheidend  u m g e d e u t e t  wurde. Da war Amerika nah und die Demokratie weit. Statt nun den Ausgleich zu suchen mit Russland  nach Boykottunsinn und Ukrainescheitern, wird die Drohfront erweitert um das Baltikum. Man kommt mit dem Kopfschütteln nicht nach. 75 Jahre nach Beginn des Hitlerkrieges gegen die Sowjetunion stehen womöglich bald wieder deutsche Truppen dort an der russischen Grenze.  Heute am 14. Juni  bekräftigt die Frau von der Leyen, besser v o n     d e r   L a i e n, die maßgebliche Beteiligung der Bundeswehr an Stationierung in den von von politischer Dummheit unterstützten und bedrohten Ländern. Droht etwa ein Angriff? Nein. Hat Russland den Westen überhaupt schon mal angegriffen? Nein. Wofür also deutsche Nato-Soldaten? Für Amerikas Chuzpe doch wohl, und Frau Merkel ist im Begriff nach Türkeiversagen schon wieder daneben zu greifen. Vergessen etwa, dass die  Wiedervereinigung Deutschlands vor allem dank Russlands Hilfe möglich wurde?  Der Westen gab sich deutlich reservierter, wie man nachlesen kann. K o n f r o n t a t i o n   m i t   R u s s l a n d     r e p r ä s e n t i e r t   a l l e i n   d a s   I n t e r e s s e   A m e r i k a s , nicht das Europäische oder Deutsche. Amerika nimmt offenbar nur sich selbst ernst, wie auch TTIP aktuell deutlich macht. Staaten und Umwelt würden damit in die Hände von Hinterzimmertechnokraten gegeben, deren Beschlüsse verbindlich und unanfechtbar wären sogar für gewählte Regierungen und  Parlamente. Da wird Demokratie   per   TTIP – Dekret   abgeschafft, analog der   a m e r i k a n i s c h e n     N o t e n b a n k     F e d e r a l  R e s e r v e , die  e n t g e g e n   l a n d l ä u f i g e r   M e i n u n g    n i c h t  s t a a t l i c h,    s o n d e r n   n i c h t s     a n d e r e s   a l s    e i n e    P ri v a t e i n r i c h t u n g     d e r   a m e r i k a n i s c h e n   B a n k e n  zur    G e w i n n o p t i m i e r u n g  ist und die amerikanische Wirtschaft und Politk auf diese Weise schon seit 1913 bestimmt. Die große Depression 1929 war ebenso Produkt der FED Politik wie die Wirtschaftskrise 2008. Dafür gibt gute Argumente. Kennedy wollte das Gesetz 1963 ändern. Sein Tod verhinderte das. Kein anderer Präsident hat danach noch etwas gegen die FED versucht.

E s   w i r d    Z e i t    f ü r   e i n e    e i g e n e    M e i n u n g  u n d   e i n e    u n a b h ä n g i g e   P o l i t i k  a u c h   d e r   E U. Dann evtl. könnte man von einer Führungsnation sprechen. Statt nach amerikanischer und türkischer Pfeife zu tanzen, fordern Sie lieber mit den russischen Bären auf, Frau Merkel. Das machte Sinn. Aber Sinn ist in der europäischen Politik immer verdächtig.


Notizen zur Zeit. Das Zeitalter der Schamlosigkeit – Kannibal-Kapitalismus. Von W.K. Nordenham

09. Juni 2016 | Kategorie: Artikel

Kölnische Rundschau  9.6.2016

Reichste schnell reicher

Washington .

Nur ein Prozent der Weltbevölkerung kann einer Studie zufolge in die Kategorie der Dollar-Millionäre eingestuft werden – besitzt aber fast die Hälfte des globalen Vermögens. 18,5 Millionen Haushalte hätten Rücklagen im Wert von mindestens einer Million US-Dollar ( 880 000 Euro), teilte die Bratungsfirma Boston Consulting Group mit. Gemeinsam besäßen sie mit 78,8 Billionen Dollar 47 % des weltweit  verteilten Vermögens. Dabei wächst der Vermögensanteil des reichsten Prozents, wie die Berechnungen der Boston Consulting Group zeigen. Im Jahr 2013 hatten die Dollar-Millionäre eine Anteil von lediglich 45 %. Die meisten Dollar-Millionäre gibt es der Erhebung zufolge in den USA- dort sind es 8 Millionen.

Was für ein Wahnsinn?  Die Reichsten 10 % kommen übrigens auf sagenhafte 85 % Anteil am Weltvermögen. Aber nehmen wir nur die  „1%“ Millionäre, also nichts mit Immobilien, nur mit Bargeld. In drei Jahren bei stagnierenden Zinsen für die Welt, ergibt sich für sie trotzdem ein Vermögenszuwachs von 45 % auf 47 % ! Das Geld muss ja arbeiten. Aber Geld arbeitet nicht. Menschen müssen für diesen Zuwachs arbeiten. Nach Adam Riese bedeutet das eine Zunahme um 1,576 Billionen Dollar, das sind 1386 Milliarden €. Damit wären alle Hungersnöte, Bildungsdefizite und Entwicklungsprojekte der Welt leicht zu bezahlen. Man gäbe nur das „mehr“ von drei Jahren ab, ohne dass die Reserven der Reichsten auch nur angetastet würden. Und die Gewinne flössen ja zukünftig weiter! Offenbar ist das in dieser Welt nicht möglich. Vielmehr erblicken wir Regierungen allerorten, die sich eine Vermehrung des Reichtuns  für das 1 % auf die Fahnen geschrieben haben,und die selbstredend dafür sorgen, dass sie spätestens dann zu den nachfolgenden, wohlbestallten  9 % gehören dürfen. Dafür muss der Rest, also 90 % der Menscheit sich krummlegen, und trotzdem werden die Regierenden von diesen modernen Heloten in dumpfem Gehorsam immer wieder brav gewählt. Dazu passt das „Time is money“.  Wer hat es erfunden? Wohl eben jene, die von den Menschen verlangen dem Geld Ihre Lebenszeit und nicht selten ihr Leben zu opfern. Der Mensch als Funktion des Geldwerts! Mehr Degeneration war nie! Je weniger sich aber der Mensch als Mensch ähnelt, desto besser funktioniert er. So schafft am Ende die entstellteste Menschheit das höchste Bruttosozialprodukt. Wir sind nahe dran. Kannibal-Kapitalismus – Konsumo debilis statt Homo sapiens.  Was für ein traurig- funktionaler Weg!


Notizen zur Zeit: Warum posthum Genscher, Herr Steinmeier? Von W.K. Nordenham

27. April 2016 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit, Was ein Mensch wert ist

Neue Züricher Zeitung

«Colonia Dignidad» in Chile

Deutscher Aussenminister gibt Akten zu Auswanderer-Siedlung vorzeitig frei

26.4.2016, 15:53 Uhr

(dpa)Das deutsche Auswärtige Amt gibt seine Akten über die berüchtigte frühere Deutschen-Siedlung «Colonia Dignidad» in Chile vorzeitig für die Öffentlichkeit frei. Das kündigte Aussenminister Frank-Walter Steinmeier in Berlin an. Normalerweise wäre das Material noch bis zu zehn Jahre unter Verschluss geblieben. Zugleich gab Steinmeier zu, dass die deutsche Diplomatie zu wenig unternommen habe, um den Opfern der «Colonia Dignidad» zu helfen.Die Siedlung liegt etwa 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago und war Anfang der 1960er Jahre von deutschen Auswanderern gegründet worden. Ihr Anführer Paul Schäfer machte daraus eine Art Sekte, deren Grundstück mit Stacheldraht abgeriegelt wurde. Ohne Schäfers Erlaubnis durfte niemand das Lager verlassen. Während der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990) wurde dort auch gefoltert.

Hochanständig, dass die dpa den vielfachen Kindesmissbrauch Paul Schäfers unerwähnt lässt und sein Terrorregime als eine Art Sekte verniedlicht. Was treibt das Auswärtige Amt die Akten jetzt freizugeben? Liegt es an dem in Kürze erscheinenden Kinofilm über Colonia Dignidad, der das komplette Versagen der deutschen Botschaft aufzeigt? Auch wegens des Todes von  Hans Dietrich Genscher fällt der Zeitpunkt der Freigabe der Akten  günstig, soeben posthum. Ein Zufall? Verantwortlicher Außenminister für „die deutsche Diplomatie“ war von  1974 bis 1992 mit Unterbrechung von einem halben Jahr nämlich Hans Dietrich Genscher, einer deutschen Diplomatie, die laut Steinmeier „zu wenig unternommen“ habe. Dem muss in anderem Sinne widersprochen werden, denn sie hat einiges unternommen um den Sachverhalt zunächst konsequent zu verschleiern. Nett, wenn man sich dann mit dem Begriff „deutsche Diplomatie“  so mir nichts dir nichts in Anonymität flüchten kann. Gerade trug man noch die ganze Verantwortung, einen Moment später, wenn sie übernommen werden soll, weiß man von nichts. Ist der Wind vorbei, dann trägt man sie wieder, wie einen Hut, den man nach gusto aufsetzt. Es macht nämlich einen Unterschied, ob die Verantwortung bloß wichtig herumgetragen und vorgezeigt wird oder ob man sie tatsächlich annimmt, sich zu ihr bekennt. Es ist der zwischen Charakter und Chuzpe, zwischen Sein und Schein und viel zu oft zwischen Leugnen und Schuld. Der da 1989 in Prag auf dem Balkon der Botschaft stand, wusste von der Colonia Dignidad schon früh. Amnesty International und die UNO berichteten seit 1977 über das deutsche Folterlager in Chile. Bis 1985 geschah trotz etlicher Hinweise nichts. Erst danach gab es die seit Jahren überfälligen Interventionen, wenigstens dann, wenngleich mit schmalem Erfolg. Aber da waren hundert weitere Kinder dem Schänder Paul Schäfer zum Opfer gefallen. Sein ärztlicher Mittäter war der Arzt Hartmut Hopp, der wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch von einem chilenischen Gericht zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Er setzte sich nach Deutschland ab und lebt hier geschützt vom deutschen Staat. Ein Strafverfahren hier zieht sich  trotz unstrittiger Schuld seit 2015 diplomatisch hin.  Aber der deutsche Außenminister Genscher wusste 1977 auch von von einer jungen Frau in Argentinien in Folterhaft mit Namen E l i s a b e t h   K ä s e m a n n . „Ach, das Mädchen Käsemann“, soll Hans-Dietrich Genscher einmal bei einer Besprechung gesagt haben(1). Mehr nicht, das geriet zum Todesurteil. De mortuis nihil nisi bene, über die Toten nichts Schlechtes, aber es hätte dem Herrn Genscher mehr als gut angestanden, die causa Colonia Dignidad selbstkritisch zu bewerten und zu Lebzeiten das Versagen im Fall Käsemann  einzugestehen. An Versuchen, ihn zum Sprechen zu bewegen, hat es nicht gefehlt. Nicht nur den Triumph genießen, sondern auch das mea culpa aussprechen, es hätte mehr gewogen als ein halbes Dutzend Prager Balkons und eine Größe bewiesen,  zu der er offenbar unfähig war. So groß er schien, er hätte größer sein können. Wie üblich erblickte der große Moment ein kleines Geschlecht. Über die Schreckensherrschaft der Colonia Dignidad gibt es, wie oben angeführt, einen aktuellen Film von Florian Gallenberger. Das Martyrium von Elisabeth Käsemann wird beschrieben in dem deutschem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014 von Regisseur Eric Friedler “ Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?“

Die komplette Freigabe der Akten zu diesem Fall dürfte noch dauern, nachdem man schon den Dokumentarfilm darüber 2014 ministerlich-diplomatisch unbeschadet ausgesessen hat. Nunmehr wird eine sehr lange posthume diplomatische Anstandsfrist gewahrt werden. Darauf möchte ich wetten, Herr Steinmeier.

https://de.wikipedia.org/wiki/Colonia_Dignidad_%E2%80%93_Es_gibt_kein_Zur%C3%BCck

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_K%C3%A4semann

http://www.welt.de/politik/deutschland/article128745445/Warum-rettete-Genscher-deutsche-Studentin-nicht.html

(1 ) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-bravouroese-ard-dokumentation-das-maedchen-12972669.html


Notizen zur Zeit: Ralph Giordano – Von der Aktualität eines besonderen Zeitgenossen. Von W.K. Nordenham

25. April 2016 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit

Jetzt erst fiel mir Ralph Giordanos Buch  in die Hände über seinen Aufenthalt in Jerusalem im Jahre 1990, der ihn durch das ganze Land und auch in die besetzten Gebiete führte. Aber er spricht auch von arabischem Denken und erklärt uns damit gleichzeitig eine Geisteshaltung, die uns mit den Flüchtlingen soeben millionenfach erreicht. Die Hellsicht dieses Reiseberichtes mit dem Titel „Israel um Himmels Willen Israel“ ist von solcher Aktualität, dass ich mir mehrfach klarmachen musste: Dies ist ein Buch von 1991 und nicht 2016 und reicht von Israel bis zur aktuellen Weltpolitik. Man versteht die merkwürdige arabische Weltsicht von heute. Solche Hellsicht erscheint undenkbar ohne Wahrhaftigkeit. Das seinen Texten eigene Pathos bezeugt zudem seine Leidenschaft und spiegelt die Liebe zur Sache, eine Liebe und Leidenschaft, die in unbedingter Menschlichkeit wurzelte, einer für ihn unteilbaren „Humanitas“. Im Moment  erlaube ich mir ohne Genehmigung ein paar Seiten aus seinem Israelbuch von 1991 zu veröffentlichen und empfehle es als Lektüre jedem, der schon glaubt, etwas zu wissen.  Rita Süßmuth sagte 1990 in Jerusalem: “ Es wird kein Frieden sein in der Region, bis Israels Nachbarn aufhören es zu bedrohen.“ Das zitiert Ralph Giordano. Da geht es nicht nur um die Palästinenser und Israel, sondern um ganz Arabien und den Iran, also jene die schon 1948 den Staat für die Palästinenser über deren Kopfe hinweg abgelehnt haben und sie heute trotz ihrer Öl-Milliarden komplett allein lassen. EU und USA zahlen mehr als die Golfstaaten. Bemerkenswert Giordanos prophetische Analyse  des islamischen Fundamentalismus, der inzwischen die Welt erfüllt mit sinnlosen Mordtaten. Die menschlichen Opfer verfehlter Nahost-Politik gelangen in ihrer Not zu uns, aber sind sozialisiert in arabisch-muslimischen Raum. Da herrscht eine komplett andere Weltsicht. Diese in Richtung unseres Grundgesetzes zu ändern wird Hauptaufgabe einer Integration sein, die als solche von der Politik bisher kaum verstanden wurde und wird.  Das muss begriffen werden, darum der nachfolgende Text. Ralph Giordano verstarb 2014 in Köln. Am 20 März 2016  wäre er  93 Jahre alt geworden. Für sein Buch möchte ich werben.

Ralph Giordano „Israel um Himmels willen Israel“  Kiepenheuer&Witsch, 1991 und 2002  410 S. bzw. 416 S.

(…) Schon wenn westliche Politiker Gott anrufen, dreht sich mir der Magen um. Die Beschwörung Allahs jedoch und die Trommelei zum „Heiligen Krieg“ in den islamischen Gesellschaften verursacht mir eisiges Entsetzen. Die Aufforderung der schiitisch-iranischen Ayatollahs, den Schriftsteller Salman Rushdie eines Buches (1) wegen zu töten, und die weite Zustimmung, die sie auch unter Sunniten gefunden hat, werfen ein Schlaglicht auf eine Vorstellungswelt, die sich beliebig zum Herrn über Leben und Tod aufwerfen zu können glaubt und eine Kluft zur Weltgesittung aufreißt, die unschließbar scheint. Die Ursachen von Ohnmacht und Rückständigkeit werden immer woanders gesucht, nur nicht im eigenen Versagen, Selbstkritik ist unbekannt. Es sind immer der Kolonialismus und seinen Folgeprobleme, es sind, noch einmal, stets die anderen, die „Weißen“, die Europäer, die Amerikaner, die verantwortlich gemacht werden – alle Übel kommen von außen.

Ein weiteres Charakteristikum des Nahostkonflikt besteht darin, dass er nicht zwischen Demokratien ausgetragen wird, sondern die Feinde Israels Staatsformen und Geschichtsüberlieferungen repräsentieren, in denen Begriffe wie Menschenrechte, Wert des Individuums, gar der Frauen, Gleichberechtigung, Gedankenfreiheit, Säkularisierung Fremdwörter geblieben sind. Einheimische Einparteiendespotien, auf dem Reißbrett nach 1918  künstlich konstruierte Königreiche, mittelalterlichen Traditionen verhaftete Monarchien oder innenpolitisch dauergefährdete Ölscheichtümer, sie haben jede freie Entwicklung unterdrückt, ungeheure Mittel für Prestigebauten und gewaltige Armeen verschwendet und zu phantastischer persönlicher Bereicherung geführt. Dass sich dadurch die schweren sozialen Spannungen noch verschärften, bedarf keiner Erwähnung. Ohne den zionistischen Gegner wäre dieses Pulverfass wahrscheinlich längst in die Luft geflogen(2). So erkennbar die innenpolitische Funktion des sogenannten Antizionismus ist, von den arabischen Ländern dürfte sie bisher kaum erkannt sein.

Deshalb können politische, soziale, militärische Katastrophen in ihren Augen nur die Folge ausländischer Verschwörungen sein, werden also Missstände und Schlimmeres ganz selbstverständlich in die Verantwortung fremder Mächte delegiert(3). Ich sehe keine Möglichkeit die dortigen Verhältnisse zu verändern, ohne diese Weltsicht zu beseitigen, mag die Hilfe von außen noch so groß sein. Leider hindert ein tiefsitzendes schlechtes Gewissen die meisten Europäer dran, der arabischen Welt diese und andere traurige Wahrheiten vorzuhalten.

Zu ihnen gehört die weitverbreitete Abneigung, die Wirklichkeit unvoreingenommen wahrzunehmen und belastende Realitäten, die mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen nicht übereinstimmen, anzuerkennen. Die Palästinenser haben dafür während  des Golfkriegs und danach erschütternde Beispiele (4) geliefert. Und es war dann Saddam Hussein selbst, der mit seiner durch nichts gedeckten Großmäuligkeit von der „Mutter aller Schlachten“ das geradezu klassische Beispiel arabischer Realitätsverweigerung geliefert hat. Diese Unfähigkeit trägt das ihre dazu bei, notwendige Wandlungen und Reformen zu behindern. Sie ist Bestandteil des Nahostkonflikts.(…)

Mehr und mehr entpuppt sich dabei als treibende Negativkraft ein bereits erwähnter religiöser Fanatismus, der sich als Renaissance des Islam ausgibt, realistisch gesehen aber nicht anderes ist als die wütende und fruchtlose Antwort auf eine schwere historische Enttäuschung – auf die fehlgeschlagene „Revolution der Erwartung“. Sie war Ausdruck eines kollektiven Aufbruchs in Asien, Afrika und Lateinamerika schon während de zweiten Weltkriegs, der dann aber noch verstärkt wurde durch die Sehnsucht ehemals kolonial unterdrückter Völker, das weiße Joch abzuwerfen, sozial, kulturell, national wie Phönix aus der Asche zu steigen, nach dem siegreichen Kampf gegen die weißen Drohnen in Licht, Glück und Wohlstand einzutauchen und alles zu überwinden, was sich dabei in den Weg stellte.

Es wurde nichts überwunden, wie schon ein erster Blick auf die zeitgenössischen Hunger-, Not- und Elendsszenarien der Dritten Welt erkennen lässt, und ich war in den vergangene dreißig Jahren in meiner Eigenschaft als Fernsehmann oft genug Zeuge der ebenso weltweiten wie herzzerreißenden Desillusionierung dort. Nahezu überall ist sie gescheitert, die „Revolution der Erwartung“, sind ihre wilden Hoffnungen und ihre verzückten Phantasien zerstört worden, auch in der arabischen Welt.

Die Enttäuschung darüber ist der Humus für Israels gefährlichsten Gegner, den islamischen Fundamentalismus (5). Er entspringt nicht historischer Stärke, wie damals, Mitte des 7. Jahrhunderts, als die Reiterscharen unter der grünen Fahne des gerade verstorbenen Propheten Mohammed aus der arabischen Halbinsel hervorbrachen und in unaufhaltsamem Siegeszug ganze Kontinente vom Indus bis zu den Pyrenäen eroberten. Was sich dagegen heute unter ständiger Berufung auf die einstige Größe als Wiedergeburt des Islam gebärdet, ist nicht als der Reflex auf die historische Schwäche der arabischen Welt, ist Schein und Vorspiegelung, ungedeckt durch reale Energien und die Gunst der geschichtlichen Stunde. Die Aufforderung des islamischen Fundamentalismus, zur Strenge der Frühzeit zurückzukehren, dient der Flucht aus diesseitiger Enttäuschung  in die Verheißung jenseitigen Glücks.  (…)

Das Symbol für die verhasste Überlegenheit aber, die tatsächlichen und die eingebildeten Demütigungen, die fremd- und selbstverschuldeten Untergänge, die schlimme Gegenwart und deprimierende Perspektive, das Symbol also für den „Westen“ und seine Hauptmacht USA, den „Großen Satan“- ist Israel. Das sind die größeren Zusammenhänge seiner Bedrohung durch die Araber.

Entgegen anderslautenden Zweckbeteuerungen, die sich während des Golfkriegs nur noch einmal als platonisch entpuppten, ist dem Judenstaat, mit der zerbrechlichen ägyptischen Einschränkung, von seinen Gegnern nie etwas anderes entgegengebracht worden als der gemeinsam arabische Wille zu seiner Vernichtung. Er ist die Ursache der israelischen Unnachgiebigkeit, der israelischen Angst. Ohne ihre Aufhebung wird es keine Lösung geben . (…)

Was sind das für Leute, die Flugzeuge vom Himmel herunterholen mit Menschen, die am israelisch-palästinensisch-arabischen Konflikt völlig unbeteiligt und also gänzlich unschuldig sind – wie jene Passagiere des PanAm Flugs 103 am 21. Dezember 1988 (6) über Lockerbie abstürzten? Was ist das für eine Mentalität, die sich da zum Scharfrichter über 271 Menschen machte und den Massenmord mit eigenen Problemen rechtfertigte? Was sind das für Leute, die während einer Flugzeugentführung den Leichnam des erschossenen Piloten aus der Maschine auf das Rollfeld klatschen ließen wie damals in Mogadischu? Oder die auf dem italienischen Kreuzfahrtschiff „Achille Lauro“ einen jüdischen Amerikaner, Leon Klinghofer, erst töteten und ihn dann mit seinem Rollstuhl ins Meer stießen? Was sind das für Leute, die tatsächliche oder angebliche Kollaborateure  auf der Westbank und im Gazastreifen  auf so grausame Weise langsam Glied um Glied sterben lassen, Kinder, Hausfrauen, alte  Männer, dass ich die Wiedergabe solcher Abschlachtungen (7) meinen Lesern nicht zumuten mochte?

Was sind das für Leute, die hoffen, dass die Intifada – ich weiß, wovon ich spreche – möglichst viele „Märtyrer“ hervorbringen wird? Was sind das für Leute, die in Tel Aviv und seinen Hotels nur deshalb nicht das geplante Blutbad anrichten konnten, weil die Motoren ihrer Schnellboote beim Angriff auf die Küste versagten? Was sind das für Leute, die aus der Tatsache, dass ihnen das eigene Leben gleichgültig ist, den Schluss ziehen, es anderen einfach nehmen zu dürfen? Und welchen Einfluss würden sie in einem Palästinenserstaat ausüben?

Das Elend der Palästinenser, in das ich tiefen Einblick nehmen konnte, muss gewendet, ihre Not beseitigt werden. Ich habe nichts davon vergessen, kein Wort und kein Bild ihres Leids. Gaza verfolgt mich bis in die Träume. Die Parole palästinensischer Selbstbestimmung steht auf der Welttagesordung, und von da kommt sie nicht eher herunter, bis sie durchgesetzt sein wird. (…)

Ich mache hier aus meinem Herzen keine Mördergrube, sondern erkläre meine tiefe Skepsis gegenüber der Friedensfähigkeit einer Organisation, deren Antlitz weit mehr geprägt ist von den Fraktionen der Terroristen als von allen anderen. Natürlich gibt es Differenzierungen, ich selbst habe gemäßigte Palästinenser kennengelernt, ja, Freunde unter ihnen gewonnen, wie dieses Buch ausweist. Aber nicht sie haben bisher das Feld beherrscht. Dennoch ist die PLO (8) die Vertretung der Palästinenser, und wie ich diese kennengelernt habe, werden sie an ihr festhalten.“

 

Anmerkungen von mir:

(1)  Soweit ich weiß, besteht  die Todes-Fatwa immer noch

(2)  Es ist in die Luft geflogen im arabischen Frühling, mündete in Autokratie in Ägypten, eine zerbrechliche Demokratie in Tunesien, EU/USA mit induziertes Chaos in Libyen und aus derselben Ursache einen andauernden Bürgerkrieg in Syrien.

(3) Aktuell sieht sogar ein Nicht-Araber wie Erdogan, immerhin Muslim, die EU am Werk, die Türkei unterdrücken zu wollen.

(4) Man erinnert sich Arafat umarmte Saddam Hussein und die Palästinenser standen auf ihren Hausdächern um den Untergang Israels durch Saddams mit Gas bestückte Raketen zu feiern.

(5) Inzwischen trifft  die ganze Welt der Wahnwitz des IS , Al Quaida,  lokal  Al Shabaab, Bokoharam, Jemaah Islamiah und ungezählter  muslimischer Mordbanden.

(6) Kürzlich der Abschuss einer russischen Maschine mit über dem Sinai. An Bord des Flugs Kogalymavia-Flug 9268  am 31. Oktober 2015 befanden sich 224 Personen (darunter 25 Kinder sowie sieben Besatzungsmitglieder).

(7) Hat Al Quaida und IS inzwischen massenhaft in Bildern nachgeliefert.

(8)  Die PLO lehnt Israel 2014 offiziell als Staat ab, will aber selbst einer sein. Hier die Quelle:

http://www.welt.de/politik/ausland/article125657136/Applaus-fuer-Ablehnung-Israels-als-juedischer-Staat.html

 

 

 


Notizen zur Zeit: Ralph Giordanos nicht gehaltene Rede aus 2007

25. April 2016 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit

Ich hatte noch kurz vor seinem Tode mit Ralph Giordano wegen der Bitte um Veröffentlichung eines Textes in „DAS ROTE HEFT“ korrespondiert, der sich mit der freien Meinung beschäftigte.  Damals  schrieb ich an ihn:

„Die  Freiheit des Denkens und des freien Sprechens mit der Achtung vor dem Andersdenkenden kann nie zur Disposition stehen. Das erläutern Sie exemplarisch  in der Rede. In dem Zusammenhang  fällt mir  auf, das muslimische Themen, allein das kritische Nennen des Namens Mohammed, bei vielen Redakteuren schon Schüttelfrost auslösen. Kritische Briefe zu Islamterror im Sinne von Religionskritik finden keine Öffentlichkeit, wenigstens meine Briefe nicht. Ich denke, dass die Schere im demokratischen Kopf  des Redakteurs  bereits gut schneidet. Beinahe erschrak ich über den Gedanken, das ich Ihre Rede schon deshalb abdrucken müsste, um ein Zeichen für die Freiheit des Wortes zu setzen, ungeachtet des Inhaltes, der den Kern erfasst,  nämlich das Problem des reaktionären, religiösen Fanatismus. Dabei erscheinen mir die islamistischen Mörder als die Gefährlichsten, weil Entschlossensten. Es gibt da eine bemerkenswerte Verkehrung der Bedeutung des Wortes Märtyrer, von einem, der für den Glauben den Tod erleidet,  zu einem, der für den Glauben mordet. Und die Eltern der toten „Märtyrer“ , ihrer  Kinder sind darauf noch „stolz“.

Aber auch der  Mörder Rabins und die geistigen Brandstifter dahinter,  gehören zu den Verblendeten des Glaubens. Aber sie werden wenigstens nicht gefeiert wie die sogenannten Märtyrer. Falls es einen Gott gibt, was auch Jeshajahu Leibowitz nicht wusste und die Gebote gerade deswegen hielt, so wird jener sich kaum mit Mördern umgeben wollen. Warum leuchtet das Muslimen nicht ein? Vermutlich wurzelt das in derselben Untiefe, die in Kentucky die Kreationslehre der Bibel für verbindlich erklärt, und jüdische Siedler nach 2000 Jahren Land beanspruchen lässt, in dem inzwischen andere Menschen wohnen. Leibowitz sah übrigens die Gabe des gelobten Landes durch Gott als vor 5000 Jahren erfüllt an und lehnte eine aktuelle, zweite Aneignung ab, da nicht in der Thora vermerkt. Das muss irgendwie glöst werden. Aber ohne Toleranz und Freiheit auch des Wortes kann es kein Zusammenleben geben.

Ich gebe zu, für  einen Moment aus gewissermaßen einer „islamic correctness“ –   gefährlicher als die political correctness  –   in meiner Absicht gezögert zu haben,  Sie um Veröffentlichung zu bitten . Soweit haben es die Sirenen selbst bei mir schon gebracht, dass ich überlege, was ich noch tun und sagen darf,  weshalb ich  hiermit den Wunsch nach Abdruck  bekräftige. „

Die Erlaubnis für den Abdruck wurde damals erteilt. Ich bin übrigens für eine Moschee in Köln, meinetwegen auch ein große Moschee, und sie steht jetzt ja auch. Aber warum bezahlt und organisiert das der türkische Staat in Deutschlands Städten, wie auch in Duisburg oder anderswo?  Werden in der Türkei neue Kirchen genehmigt? Im Sinne einer Mogelpackung ja, vor über 4 Jahren für aramäisch-assyrische Christen in Istanbul. Aber nichts ist passiert außer Einsprüchen und Verzögerung. Man sollte in Köln mit der Öffnung der Moschee  so lange warten, bis die Istanbuler Kirche fertig ist. Das wär mal was, auch für die deutschen Muslime. Es spricht Bände für die Toleranzebene, dass die Demonstration damals 2007  aus „Sicherheitsgründen“ nicht stattfinden konnte. Man fürchtete den Mob säkularer und religiöser couleur. Was muss ein Mann wie Giordano gedacht haben?

Aus gegebenem Anlass, nämlich der zu bewältigenden Ankunft von mindestens einer Million muslimischer Flüchtlinge, sei  die Rede Ralph Giordanos nochmal ins Gedächtnis gerufen und der türkische Minsterpräsident Recip Tayyip Erdogan mit seinem Ausspruch:

»Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.«

Es gibt jedoch  eine Basis für Integration : Die uneingeschränkte Gültigkeit des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu jedem Zeitpunkt und für alle. Mehr wird nicht verlangt.  Der Islam als Glaube an  Allah steht dem nicht im Wege. Aber für einen Islam schon à la Erdogan,  mehr noch à la Muslimbruderschaft oder gar Wahhabismus/Salafismus kann deshalb hier kein Platz sein.  Die sollten in der Tat hingehen, wo das Recht und die „Freiheit“ so gehandhabt wird. Was hindert jene eigentlich zu gehen?  Ich habe meinen Koran in mehreren autorisierten Übersetzungen gut gelesen. Dabei lautet nach genauer Prüfung die wesentliche, hochmoralische Forderung, den rechten Glauben bei sich selbst zu suchen. Das ist die Aufgabe. Der Rest beschreibt Administration und Auslegung. Doch dafür gilt hier das Grundgesetz,  zu garantieren von Polizei, wirksam zu schützen von der Justiz, zu begleiten von Politik.  Die bisherige sogenannte Integration macht allerdings nicht viel Mut. Dennoch, unter diesen Prämissen kann man es schaffen. Es wohl besteht auch keine Wahl.

Hier noch einmal die  nicht gehaltene Rede Ralph Giordanos  aus 2007

Cicero   26. September 2007

Eigentlich wollte der Publizist Ralph Giordano auf einer zentralen Kundgebung am 11. September 2007 in Köln eine Rede gegen den Bau der geplanten Großmoschee halten. Die Demonstration wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Wir dokumentieren seine ungehaltene Rede.

Mitkämpferinnen und Mitkämpfer – deutsche, muslimische und andere, welcher ethnischen Herkunft auch immer!

Dies an den Anfang, in alle Ohren, die hören können, urbi et orbi – erstens: Falls sich Anhänger der „Pro-Köln“-Partei hierher verirrt haben sollten, können sie sich kategorisch aufgefordert fühlen, den Schauplatz auf das Schnellste zu verlassen und sich dahin zu verfügen, wo Rassisten, Ausländerfeinde, Neo- und Altnazis hingehören – auf den Kehrichthaufen der Geschichte! Ich komme auf diese parasitären „Bundesgenossen“ im Verlaufe meiner Rede noch zurück – so leicht wollen wir diese falschen Fuffziger für ihre braunen Anschleimungsversuche nicht davonkommen lassen.

Zweitens: Hier ist kein Haufen von Türkenschrecks zusammengekommen, keine Horde von Anti-Muslim-Gurus, und zum Bürgerkrieg ist auch nicht aufgerufen worden. Wir sind hier angetreten, um auf ein schwerwiegendes Problem der deutschen Innen- und Außenpolitik hinzuweisen, das seit Jahrzehnten regierungsübergreifend von den Politikern unter der Decke gehalten, geleugnet, verdrängt oder geschönt worden ist: auf das instabile Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit, vorwiegend türkischen Ursprungs. Es rührt an die Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft.

Noch war der erste Pulverdampf des Kampfes um den Bau einer zentralen Großmoschee in Köln-Ehrenfeld nicht ganz verflogen, da meldete sich auch schon eine spezifische Furcht von bundesweiten Ausmaßen – die Furcht vor einer schleichenden Islamisierung unseres Landes. Sie ist nur zu begründet – lokal, national und international.

Mein öffentlicher Vorstoß gegen den Bau der Moschee vom 11. Mai 2007 in einem vom Kölner Stadtanzeiger initiierten Streitgespräch mit einem Funktionär der Ditib hatte offenbar vielen aus der Seele gesprochen. Anders ist die geradezu sturzflutartige Medienlawine nicht zu erklären, die aufdeckte, wie virulent, überall gegenwärtig und hoch bewusst da etwas vor sich hin geschwelt hat, was von der Politikerklasse über Jahrzehnte hin regierungsübergreifend sträflich verdrängt, hartnäckig geleugnet und immer wieder geschönt worden ist. In Hunderten und Aberhunderten von Briefen, Faxen und Telefonaten an mich hieß es, so einheitlich wie bestürzend: „Wir stehen hinter Ihrer Kritik, wagen aber nicht, es auszusprechen, weil wir dann in die falsche, die neonazistische Ecke gestellt werden, wo wir nicht hingehören…“

Auf der ganzen Linie also Triumph des niederträchtigsten aller niederträchtigen Totschlagargumente der „political correctness“: „Wer gegen die Moschee ist oder am Islam Kritik übt und das laut sagt, besorgt die Sache der Nazis von heute.“ Genau in diese Ecke sollen auch unsere Veranstaltung, ihre Organisatoren und ihre Redner gestellt werden, genau damit sollten auch wir erpresst werden. Darauf eine klare, unmissverständliche Antwort: Man braucht, verdammt noch mal, kein Überlebender des Holocaust zu sein, um mit bürgerlichem Selbstbewusstsein deutschen Diffamierungsversuchen und muslimischer Drohung couragiert die Stirn zu bieten (sage ich, der gerade im Fadenkreuz beider steht).

Ein Wort zu meinem persönlichen Strauß mit „Pro Köln“. Als die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei mich mit der Losung „Giordano auf Pro-Köln-Kurs“ zu vereinnahmen suchte, nannte ich sie „die lokale Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus, die, wenn sie könnte, wie sie wollte, mich in eine Gaskammer sperren würde.“ Was die braune Truppe veranlasste, mit einem Verfahren zu drohen, dem ich, falls es zustande käme, mit freudiger Erregung entgegensehe. An meiner politischen Charakteristik jedenfalls hat sich nichts geändert.
Zur lokalen Dimension: Der wahre Bauherr der zentralen Großmoschee in Köln-Ehrenfeld ist, über ihren verlängerten Arm Ditib, die Religionsbehörde Dyanet in Ankara. Dort ist das Projekt ausgeheckt worden, für mich von Anfang an ein Zeichen der Landnahme auf fremdem Territorium, das Symbol einer integrationsfeindlichen Identitätsbewahrung, eine Kriegserklärung. Das einzig Gute an diesem einen verräterischen Schritt zu weit nach vorn: das durch Fehleinschätzung der Reaktionen unfreiwillige Bekenntnis zu den wahren Absichten hinter der Fassade. Sollte der Bau in seiner jetzigen Gigantomanie tatsächlich hochgezogen werden, so geschähe das gegen den erklärten Willen einer nicht unbeträchtlichen Bevölkerungsmehrheit.
Zur nationalen Dimension: Vor uns liegt der Scherbenhaufen einer Immigrationspolitik, die sich zäh geweigert hat, Deutschland zu einem Einwanderungsland zu erklären und es mit den entsprechenden Gesetzen und Regularien auszustatten. Über Jahrzehnte hin gab es deutscherseits nichts als Hilflosigkeit, Konfliktscheue und falsche Toleranz, das ganze Arsenal gutmenschlicher „Umarmer“: verinnerlichte Defensive christlicherseits bei den sogenannten „interreligiösen Dialogen“; verheerende Nachsicht der Justiz bei Straftaten, bis in den Versuch, Teile der Scharia in die deutsche Rechtsprechung einzuspeisen; überängstliches Vorgehen und wehrloses Wegschauen von Polizei und Verfassungsschutz auf dem Gebiet der Sicherheitspolitik; beängstigende Reserve gegenüber islamischen Organisationen, die den Terror unterstützen, wie auch gegenüber Plänen für eine schleichende Umwandlung westlicher Staaten in eine islamische Staatsform.

Hier ein paar Zitate aus einigen der unzähligen Briefe gleichen Tenors: „Ich bin entsetzt über Politiker der 68er-Generation, die in meinen Augen blauäugig und in falschem weich gespülten Toleranzgebaren einer hoch aggressiven Religion die Hand reicht, ohne die Dynamik dieser Glaubensgemeinschaft einschätzen zu können.“ Eine andere: „Ich bin entsetzt über Politiker, die sich auch aus intellektueller Bequemlichkeit weigern, eine entschiedene Auseinandersetzung mit islamischen Vertretern zu führen.“

Und eine dritte: „Mir macht Islam erhebliche Angst, besonders als Frau stößt mich diese Religion mit ihrem autoritären patriarchalischen Ehrbegriff ab. Mehr Angst aber noch machen mir Politiker, die ihre Denkmuster von Toleranz und Antirassismus heute nicht einer Neudefinition unterziehen. Nur wenige ihrer Vertreter sind in der Lage, die intellektuellen Wertmesser ihrer Jugend infrage zu stellen.“

Die hartnäckigen Versäumnisse hatten nach dem Zustrom vorwiegend türkischer „Gastarbeiter“ der 60er- und 70er-Jahre eine gewaltige Zuwanderungswelle zur Folge gehabt. Was dann nahezu unkontrolliert und in philanthropischer Furcht vor dem Stempel „Ausländerfeindlichkeit“ nachströmte, waren Millionen von Menschen aus einer gänzlich anderen Kultur, die in nichts den völlig berechtigten Eigennutzinteressen des Aufnahmelandes entsprachen, ohne jede Qualifikation waren und nur bedingt integrationsfähig und -willig. Und dazu gewaltige Belastungen der Sozialkassen.

Das Ergebnis im Spiegelbild der Gegenwart: 40 Prozent der türkischen Jugendlichen sind, primär bedingt durch mangelnde Sprachkenntnisse, ohne Schulabschluss, also beruflich und sozial ausgegrenzt. Was heißt, dass die Sprachdefizite vor allem der Mütter inzwischen in die dritte Generation der Kinder weitergegeben worden sind, ohne dass eine Änderung dieser Situation in Sicht ist. Zumal nach wie vor den weiblichen Mitgliedern eines religiös dominierten Kulturkreises die Teilnahme am sozialen Leben der deutschsprachigen Mehrheit versagt bleibt. Erschreckenderweise deuten viele Anzeichen darauf hin, dass die dritte Generation islamischer denkt als ihre Eltern und Großeltern und dass ein Teil von ihnen anfälliger ist für radikale Ideen als diese.

Nicht dass es keine Beispiele gelungener Einordnung in die Mehrheitsgesellschaft gäbe – es gibt sie. Nur: Exemplarisch werden sie auch dadurch nicht, dass türkische Verbände immer wieder versuchen, die Ausnahme zur Norm zu erklären.

Die erste, unbequeme und für beide Seiten schmerzhafte Wahrheit ist: Die Integration ist gescheitert! Und die „Parallelgesellschaften“ sind der deprimierende Ausweis dafür. Es sind türkische Kritikerinnen und Kritiker, die uns authentisch berichtet haben von einem Alltag der Unterdrückung, der Abschottung, der Ausbeutung, der Zwangsehe und der Gefangenschaft muslimischer Frauen und Mädchen als Norm, bis hinein in die namenlose Perversität der sogenannten „Ehrenmorde“.

Wir müssen lernen, die Dinge beim Namen zu nennen, sowohl was die deutschen Defizite im Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit betrifft als auch die nicht hinnehmbaren Akte von türkischer Gewaltkultur, Nationalismus, Fundamentalismus und öffentlichem Siegergebaren mit der Drohung demografischer Expansion. Der Stand der Dinge zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit ist ungefestigt. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, was sein würde, wenn die beiden von Muslimen gelegten Kofferbomben in Köln gezündet hätten, mit vielen Toten und Verletzten. Es bleibt nichts als die Hoffnung, dass dieser Fall nicht eintritt. Denn erreichte uns der Terror ohne sichtbare Fortschritte bei der Integration, würden der Republik Erschütterungen von bisher unbekannten Ausmaßen ins Haus stehen.

Sowenig wie die muslimische Minderheit unter Generalverdacht gestellt werden kann, so wenig kann ihr ein Blankoscheck für Wohlverhalten überreicht werden. Wenn ihre Mehrheit denn ein friedliches Leben will (und davon ist auszugehen), so wäre sie gut beraten, das unmissverständlich zu bekunden, und zwar so oft die Lage es erfordert. Solche Proteste hat es gegeben, keineswegs aber schon in der Lautstärke, die die Voraussetzung für ihre Glaubwürdigkeit wäre.

Lassen Sie mich noch ein Wort sagen zu der höchst zwielichtigen Rolle der geradezu inflationär emporschießenden türkisch-muslimischen Migrantenverbände in Deutschland, allen voran die am Tropf der türkischen Religionsbehörde Diyanet hängende Ditib, die Türkisch Islamische Union der Anstalten für Religion e.V. Obwohl sie dauernd ihre Treue zum Grundgesetz beteuert, hielte ihr vorgegebenes laizistisches Islamverständnis einer näheren Prüfung nicht stand. Türkische Kritiker halten sie für von radikal-nationalistischen Organisationen unterwandert und nennen Querverbindungen zu Verbänden und Parteien, die statt auf Integration auf kulturelle Identitätsbewahrung der Immigranten und ihrer Nachkommen hinarbeiten. Dazu wird bekannt, dass Ditib-Imame eine Sonderausbildung erhalten, die den Völkermord an den Armeniern 1915/16 im türkisch-osmanischen Reich zu einem „Mythos“ erklärt – „Auschwitz-Lüge“ auf Türkisch.

Was wissen wir von der Tätigkeit der vielen zugewanderten international-islamistisch orientierten Funktionsträger innerhalb der nicht mehr zu zählenden Verbände? Und wie ehrlich können denn Bekenntnisse zu den Prinzipien der säkularen Demokratie sein, wenn es doch die Taqiyya gibt – also die ausdrücklich religiös sanktionierte Erlaubnis zu Täuschung und Verstellung in der Auseinandersetzung mit „Ungläubigen“? Nirgendwo bin ich auf mehr Unfähigkeit zur Selbstreflexion, zu Selbstkritik und Selbstironie gestoßen als in diesen Kreisen, dafür aber auf einen Dauerzustand nervösen Beleidigtseins, das seine Sensibilitäten zur letzten Instanz machen will.

Buchstäblich rot sehe ich auch, wenn die Ditib und andere Verbände wieder einmal penetrant auf Religionsfreiheit pochen – womit ich die Religionsfreiheit hier nicht aufgehoben wissen will, wohl aber darauf hinweise, um wie viel glaubwürdiger diese Berufung wäre, wenn auch nur die kleinsten parallelen Bemühungen für Religionsfreiheit in der Türkei erkennbar sein würden. Sie sind es nicht.

Da wird ein Prinzip sichtbar, das über allen Aktivitäten muslimischer Verbände steht, eingeschlossen den „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ (ZDM) oder die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD): zu fordern, fordern, fordern, ohne jeden Sinn für eine Bringschuld.

Zur dritten, der internationalen Dimension: Die unbequemste, ja, bedrohlichste Frage unter all den unbequemen und bedrohlichen Fragen lautet: Ist Islam reformierbar, modernisierbar? Sind er und die Scharia, das islamische „Rechtssystem“, in Übereinstimmung zu bringen mit Demokratie, Menschenrechten, Meinungsfreiheit, Pluralismus und, dies die Schlüsselfrage überhaupt, Gleichstellung der Geschlechter? Fragen, die den Islam auf den Prüfstand der Geschichte stellen – und die überraschenderweise am negativsten von kritischen Muslimen selbst beantwortet werden. Und das so punktgenau und tabulos, wie es kein Europäer oder Amerikaner je auszusprechen wagen würde – Zitat: „Kaum ein islamischer Geistlicher, geschweige denn ein frommer Laie ist willens und in der Lage, das Kernproblem in der Denkstruktur des eigenen Glaubens zu sehen. Sie sind nicht bereit zur kritischen Analyse der eigenen Tradition, zu einer schonungslosen Gegenüberstellung ihres Glaubens mit der Lebenswirklichkeit in modernen Gesellschaften.“ So der große türkische Lyriker Zafer Senocak.

Was sind Salman Rushdies „Satanische Verse“ gegen diese Analyse, die die Lehre und Praxis des muslimischen Glaubens schonungslos als die eigentliche Quelle der enormen Schwierigkeiten des Islam bei seinem Versuch einer Anpassung an die Moderne vorführt, also eigene Übel zum wahren Ursprung des Terrors erklärt und die Säkularisierung des Islam zur Voraussetzung einer Zukunft macht?

Ein riesiger, revolutionsüberreifer Teil der Menschheit, die Ummah, die globale Gemeinschaft der Muslime, so differenziert sie in sich ist, droht an ihrer eigenen Rückständigkeit zu ersticken. Richtig, die Türkei bietet eine Ausnahme, aber was den Grundkonflikt anbetrifft, Islam und Moderne, steckt sie mittendrin.

Wenn es denn stimmen sollte, dass es einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus gibt (was wiederum gerade Muslime bestreiten), dann sollte der Islam bemüht sein, den Unterschied glaubhaft zu machen. Denn wenn das nicht geschieht, kann er bald schon identifiziert werden mit einer Bewegung, die das Zeug zum Totalitarismus des 21. Jahrhunderts in sich trägt. Die Merkmale anhand gegebener historischer Vergleichsmöglichkeiten sind alarmierend genug, bis hinein in das erklärte Ziel des politischen Islam: „Umsturz der gottlosen Regierungen des Westens und ihre Ersetzung durch islamische Herrschaft.“

Ich glaube nicht daran, dass diese wahnsinnigen Fiktionen Wirklichkeit werden könnten. Aber auch über ihren Versuch schon könnte die Welt zuschanden werden, und nicht nur die islamische. Dieser Kampf ist in vollem Gange – und Europa,  Deutschland stecken mittendrin. Deutschland wird sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Integration auch weiterhin ein Wunschbild bleiben wird, Mehrheitsgesellschaft und muslimische Minderheit aber dennoch miteinander auskommen müssen. Von allen Geschichtsbildern ist dies das wahrscheinlichste. Es schließt individuelle Integration nicht aus, versagt sich aber einer kollektiven Einordnung. Oberstes Gebot: Gewaltlosigkeit!

Und zum Schluss, noch einmal: Ich bin kein Türkenschreck, kein Anti-Muslim-Guru, ich habe nicht zum Bürgerkrieg aufgerufen. Ich habe lediglich im Interesse beider Seiten mitgeholfen, ein verdrängtes, hochexplosives Thema deutscher Innenpolitik in das öffentliche Bewusstsein zu befördern.

Ich werde also auch weiterhin auf meiner kulturellen Selbstbestimmung beharren, auf einer Lebensform, die die meine ist und in mannigfacher Hinsicht mit der islamischen nicht übereinstimmt. Ich werde mich auch weiter abgestoßen fühlen durch verhüllte Frauen, wobei sich meine Abscheu nicht gegen die Frauen richtet, sondern gegen ein religiös dominiertes Patriarchat und seine Verwalter. Auch werde ich meine Ansicht von Meinungsfreiheit nicht einem Ungeist anpassen, der sie so auslegt: „Alle haben das Recht, ihre Meinung frei auf eine Weise auszudrücken, die der Scharia nicht zuwiderläuft.“ Nein und dreimal nein!

Ich will sagen dürfen, dass ich die Scharia, das Gesetz des Islam, für notorisch grundgesetzwidrig halte, für einen skandalösen Anachronismus, das Fossil einer überholten geistesgeschichtlichen Epoche und ein schweres Hindernis auf dem Wege zur Reformierung und Modernisierung des Islam. Sie wird von mir genauso selbstverständlich in die kritische Methode einbezogen wie der Koran, die Biografie Mohammeds und das Alte und das Neue Testament. All das und mehr will ich sagen, schreiben und denken dürfen – offizielle Fatwa-Drohung hin, inoffizielle her. Und das unter der Überschrift: Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem!

Wo sind wir denn, dass wir uns überlegen müssten, ob unser Tun und Handeln radikalen Muslimen gefällt oder nicht? Wo sind wir denn, dass wir uns in vorauseilendem Gehorsam von religiösen und anderen Fanatikern vorschreiben ließen, was wir veröffentlichen dürfen und was nicht? Wo sind wir denn, dass wir in die Knie gehen vor jenen offenbar jederzeit abrufbaren Zorn- und Empörungskollektiven zwischen Kairo und Bali, die der Streit um die dänischen „Mohammed“-Karikaturen uns so drastisch vorgeführt hat? Wie lange sollen wir noch strammstehen vor Traditionen, Sitten und Gebräuchen, die jede Kritik in Beleidigung umfälschen, selbst aber höchst verschwenderisch mit Verbalinjurien gegen Andersdenkende zur Hand sind? Ich wehre mich gegen ein Erpresserpotenzial, das uns unter islamischer Beobachtung halten will und seine Tentakeln von Zentral- und Vorderasien bis in die Mitte Europas ausgeworfen hat, mit dem Motto: „Wer nicht kuscht, der lebt gefährlich!“

Ich werde mir aber auch weiterhin von der Seele schreiben, was dabei ist, mich auf meine späten Tage das Fürchten zu lehren: der politische, der militante Islam und seine Funktionsträger, die grüne Blauäugigkeit deutscher „Umarmer“ und die Sirenentöne der professionellen Taqiyya-Rhetoriker.

Und zum Schluss ein Wort an Kölns politische Spitze, die sich mit einer Überheblichkeit sondergleichen über den immer deutlicher artikulierten Protest einer großen Bevölkerungsgruppe hinweggesetzt hat und sich dabei nicht entblödete, mit den verschämten Korrekturen an der – nach wie vor – Großmoschee nichts als architektonische Kosmetik zu betreiben. Wenn es denn wahr ist, dass auch diese Moschee als eine Fatih-Moschee geplant war, also wie viele andere in Deutschland nach einem osmanischen Eroberer benannt werden sollte, dieses Vorhaben nun aber nach der stürmischen Gegenwehr zurückgenommen würde, so bestätigt sich damit nur eine Taktik der Anpassung, die nichts von der ursprünglichen Absicht dahinter wegnähme: mehr Macht, mehr Einfluss – schleichende Islamisierung.

Ich kann deshalb zum Schluss meiner Rede nur noch einmal an den Oberbürgermeister der Stadt Köln und die befürwortenden Stadträte appellieren, den Bau in Ehrenfeld zu stornieren. Zwischen Hinterhof- und Großmoschee gäbe es viele Abstufungen ohne den Abschreckungseffekt, den der Reißbrettentwurf hervorgerufen hat.

Wenn es denn der Preis sein sollte, ohne Schmusekurs in diesem Konflikt Freunde zu verlieren und persönlich bedroht zu werden, dann bin ich bereit, ihn zu zahlen. Und das, wie bisher, weiter an der Seite so tapferer Frauen wie Necla Kelek, Arzu Toker, Emine Özdamar, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali und aller anderen, aller anderen friedlichen Muslimas und Muslime.


Notizen zur Zeit: Böhmermann entlarvt das Scheitern Merkels. Von Wolfram Weimer

16. April 2016 | Kategorie: Artikel

Artikel zuerst bei ntv von Wolfram Weimer. Er ist ein deutscher Verleger und Publizist, u.a.  ab 2004 des von ihm gegründeten Politik-Magazins Cicero. 2012 gründete er die Weimer Media Group, in der eine Reihe von Wirtschaftsmedien verlegt werden. (Quelle wikipedia)

Was würde Wolfram Weimer heute sagen, wo die Strafverfolgung Böhmermanns durch Angela Merkel gestattet wurde?  Ein Schelm, wer nichts Arges dabei denkt.  Die Hervorhebung des letzten Shakespeare-Satzes aus dem immer aktuellen König Lear  habe ich aus gegebenem Anlass vorgenommen.  W. K. Nordenham

ntv  12.4.2016  1)

Böhmermann entlarvt das Scheitern Merkels

Von Wolfram Weimer

Merkel verstrickt sich in der Schmäh-Affäre in Peinlichkeiten. Der Skandal untergräbt ihre Glaubwürdigkeit und entlarvt ihre misslungene Migrationspolitik. Denn Merkels Böhmermann-Skandal ist vor allem ein unglaublicher Kotau vor einem Despoten.

Jan Böhmermann gelingt, was weder Roland Koch noch Friedrich Merz, weder Gregor Gysi noch Jürgen Trittin, weder Peer Steinbrück noch Sigmar Gabriel je geglückt ist, obwohl sie genau das wollten: Angela Merkel einmal in ernste Schwierigkeiten zu bringen. Ausgerechnet ein Gedicht entlarvt die Kanzlerin mit ihrer misslungenen Migrationspolitik und untergräbt ihre Integrität schwer. Merkel hätte zu den Schmäh-Reimen des Kölner TV-Narren einfach schweigen können, so wie sie sich in ihrer Karriere häufig bloß kühl nach oben geschwiegen hat.

Doch Böhmermanns böse Satire lüftet auf derart schamlose Weise den Schleier von einer zweifelhaften Politik, dass aus miserablen Reimen plötzlich eine Staatskrise wird. Zunächst reagiert der angegriffene Erdogan, wie Despoten immer auf Kritik reagieren – humorlos, gereizt, aggressiv. Er fordert den juristischen Kopf des Satirikers, so wie er es in der Türkei gewohnt ist und so wie er Hunderte von Regimekritikern brutal verfolgt. Doch dann springt die Kanzlerin Erdogan überraschend zur Seite, ruft eilfertig den türkischen Ministerpräsidenten persönlich an und kritisiert demonstrativ das Gedicht. Hinterher lässt sie das auch noch alle Welt offiziell wissen und ihr lyrisches Urteil verbreiten: „bewusst verletzend“. Unerträglich. Obendrein belobigt sie im Gestus einstiger Ostblockregime, dass das Gedicht zensiert und vom Netz genommen worden sei.

Der Vorgang ist ein dreifacher Eklat. Zum einen, weil Angela Merkel damit die Meinungs- und Kunstfreiheit auf grobe Weise untergräbt. Im Fall der Terrorattacken auf europäische Karikaturisten hatte die Bundesregierung noch feierlich proklamiert, die Freiheit der Satire sei unantastbar und werde immer verteidigt. Auch Merkel war Charlie. Nun aber ist sie nur noch Recep und begräbt bei einem lächerlichen Fall die Kunstfreiheit mit bewusster Geste. Der Schaden ist so groß, dass Regierungssprecher Seibert minutenlang erklären muss, was eigentlich selbstverständlich sein sollte; dass nämlich in Deutschland Meinungs- und Kunstfreiheit herrsche. Die Kanzlerin wolle „unmissverständlich“ deutlich machen, dass der Artikel fünf des Grundgesetzes über die Freiheit der Meinungsäußerung, der Kunst und Wissenschaft „selbstverständlich höchstes Gut“ sei, er sei „weder nach innen noch nach außen verhandelbar“, so Seibert in der Bundespressekonferenz. Wenn ein Regierungssprecher die Grundgesetztreue der Kanzlerin beschwören muss, dann ist etwas gewaltig aus den Fugen geraten.

Zweitens ist der Ärger über Merkel so groß, weil sie ausgerechnet einem Feind der Menschenrechte zur Seite springt. Als die Kirche, der Papst oder Jesus Christus von Satirikern und Künstlern aufs Übelste geschmäht, beleidigt und erniedrigt wurden, da schwieg die Kanzlerin. Nun aber sucht sie demonstrativ den satirekritischen Schulterschluss mit einem Mann, der Künstler und Journalisten willkürlich verhaften und verfolgen lässt, der ein Regime der Angst etabliert und blutige Kriege gegen Kurden und Syrer führt, dessen Kulturverständnis den Odem eines islamistischen Säbels atmet. Erdogans eigenes (auch bewusst verletzendes) Lieblingsgedicht stammt von Ziya Gökalp mit so entlarvenden Zeilen wie: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette.“ Dass Merkel ausgerechnet in dieser Situation, da Erdogan die Presse brutal verfolgt, die Freiheit des Wortes in Deutschland infrage stellt, erschüttert selbst enge Mitarbeiter im Kanzleramt. Sie akzeptiert damit die düsteren Spielregeln eines Neo-Sultans, der Menschen- und Freiheitsrechte mit Stiefeln tritt.

Der dritte und größte Eklat liegt darin, dass Merkel um Eklatrisiko 1 und 2 genau wusste – und trotzdem so handelte. Damit verrät sie, wie sehr sie sich selbst in politischer Not und von Erdogan abhängig sieht. Nun wird der ganzen Welt offenbar, dass Erdogan von Berlin nicht nur Kopfgeld-Milliarden und Visa-Erleichterungen und EU-Beitrittsverhandlungen erzwingen kann. Er kann die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, deren Integrität bislang enorm gewesen ist, dazu bringen, die Meinungsfreiheit in Deutschland zu relativieren. Merkels Böhmermann-Skandal ist vor allem ein unglaublicher Kotau vor einem Despoten aus Ankara. Sie unterwirft sich der Repressionslogik von Erdogan, weil ihre Migrationspolitik dahin führt, dass Deutschland von der Türkei erpressbar geworden ist. An der Winzigkeit eines miserablen Gedichts entlarvt sich die ganze Tragödie von Merkels Zuwanderungs-Irrungen. Weil sie die Grenzen zu weit aufgerissen hat und sich seither weigert, die eigene Grenzsicherung entschieden in Angriff zu nehmen, stattdessen aber die Türkei als dubiosen Grenzpolizisten einkaufen will, degradiert sie sich und Deutschland zum Spielball fremder Interessen und Ansichten – und seien es die über Satire. Die Bundeskanzlerin erniedrigt sich und die Bundesrepublik.

Sie fügt damit ihrer Fehlerkette in der Migrationspolitik einen weiteren, grotesken hinzu. Einem Narren wie Böhmermann gelingt damit mit Satire, was Horst Seehofer seit Monaten  mit Argumenten vergeblich versucht – die Entlarvung eines faulen, mephistophelischen Deals. Das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ist schlichtweg nicht integer und Angela Merkel hat daran ihre politische Seele verkauft. Jan Böhmermann gelingt ein historischer Coup der Satire. Wie vor Jahrhunderten die besten schmitzig-schlauen Bänkelsänger, Königen und Kaisern lustig-listig den Spiegel vorhalten durften, so hat er es mit Erdogan und Merkel gegen deren Willen getan.

Böhmermann ist der systemspielende Grenzgänger der deutschen Komödianten, der immer wieder die Spielregeln der deutschen Mediengesellschaft provozierend hinterfragt. Einmal ist Böhmermann bei einer Lukas-Podolski-Parodie Urheber des Ausspruchs „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel!“, hernach wird der aber lebenslang (und doch fälschlich) Lukas Podolski zugeschrieben. Ein anderes Mal mimt er für verschiedene TV-Sender einen Schweinegrippekranken und entlarvt damit die Rechercheschwäche und Panikmache des Fernsehens. Dann verblüfft er die Rollenspiele der Migranten mit Polizeiraps oder verwirrt Deutschlands Mediengläubige mit der Behauptung, er habe das Video mit dem Stinkefinger des griechischen Finanzministers manipuliert.

Er spielt mit scheinbaren Gewissheiten einer Gesellschaft, die in Wahrheit um viele Gewissheiten nicht mehr weiß. Er hinterfragt zweifelhafte Spielregeln mit dem Regelspiel. Auch sein Erdogan-Schmähgedicht hat er nicht als Gedicht platziert, sondern als erklärtes Experiment über die Grenzen der Freiheit. Merkel ist darauf hereingefallen. Sie wirkt nun wie Shakespeares King Lear, der sein Königreich an die falschen vergibt und von einem Narren schließlich gesagt bekommt: „W a h r h e i t   i s t   e i n   H u n d ,    d e r    i n s    L o c h    m u s s   u n d   h i n a u s g e p e i t s c h t   w i r d ,  w ä h r e n d   M a d a m e   S c h o ß h ü n d i n   a m   F e u e r   s t e h e n   u n d   s t i n k e n   d a r f .“

1) http://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Boehmermann-entlarvt-das-Scheitern-Merkels-article17443021.html

 


Notizen zur Zeit: Der Aufschrei Döpfner – Böhmermann und die Folgen. Von Sebastian Knüll

12. April 2016 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit, Was man so lesen muss

Solidarität mit Jan Böhmermann!
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154171281/Solidaritaet-mit-Jan-Boehmermann.html

Wenn Springer-Chef Mathias Döpfner ran muss, um Jan Böhmermanns vermeintliche „Schmähkritik“  und damit Presse- und Satirefreiheit höchstselbst zu verteidigen, spricht das Bände über den schmählichen Zustand derselben. Und wer hat sich dieser Tage nicht verwundert gefragt: wo ist sie denn nun, die breite Solidarität von Medien- und Volksvertretern, von jenen, die selten um ein klares Statement verlegen sind? Wo sind die, die bei unzureichender Rücksicht auf das, was des Menschen Grundrecht sei, auch gerne und vorschnell die moralische Keule freiwestlicher Rechtschaffenheit schwingen? Nicht nur Jan Böhmermann dürfte dies in seiner Demokratiegläubigkeit „erschüttert“ haben. Dass Kanzlerin Merkel dieser Farce durch Ihr devotes, – gleichwohl naives – politisches Anbiedern die Bühne bereitet hat, ist hinreichend dokumentiert.  Apropos, wurde nicht Angela Merkel in der türkischen Zeitschrift „Vakit“ als Hitler gezeigt[1]? Das war echte Schmähkritik, nicht als Satire gemeint und etwa analog Böhmermann ausdrücklich satirisch als solche vorab deklariert. Doch vielleicht gilt das türkischen Regierungsvertretern dieser Tage gar nicht als Schmähung?

Nun springt Mathias Döpfner heldenhaft auf die Szene und ruft ins Gedächtnis, was Kunst und Satire nach Tucholsky durfte und darf. Wie der Papst in der „Titanic“, so Erdoğan bei Böhmermann! Fast schon möchte man applaudieren. Hatte man ihn doch herbeigesehnt, den Verbündeten im schmählichen Spiel! Doch halt, was passiert im letzten Akt, will heißen: Absatz? Hier demontiert sich der Meinungsmogul selbst, indem er sich der Angstvision und -fiktion der europäischen Rechten „unterwirft“. Gleichzeitig versteht er die Provokation eines Michel Houellebecqs einseitig. Jener hatte zu seinem Roman „Unterwerfung“ in einem Interview[2] geäußert: „Ich spiele mit der Angst. Nur weiß man nicht genau, ob man vor den Identitären oder den Muslimen Angst haben soll“. Die Identitären, das sind die islamophoben, selbsternannten Verteidiger einer „abendländischen Kultur“ unserer Tage. Mit Ihnen macht sich Döpfner gemein, wider das Diktat der Despotie am Bosporus.

Jan Böhmermann hingegen gleicht Houellebecq in seinem Hang zur Provokation, zum Grenzdiskurs. Sicher auch zu verstehen als Gegenentwurf zu den geistig Gestrigen, im Abend- wie im Morgenland. Aus diesem Grund gebührt Jan Böhmermann die uneingeschränkte Solidarität aller europäischen Freigeister. Gerade jetzt bedarf es des Aufschreis der Mitte der Gesellschaft und der jungen Generation, deren Teil er ist.

Mit dem formellen Strafantrag Erdoğans[3] tritt nun das ein, was nicht nur die zum großen Teil Mathias Döpfner unterstellten Mediengestalter dieser Lande gleich einer „self-fulfilling prophecy“ herbeigetextet haben. Im Zweifelsfall für die eigene Quote! Und so eine Steilvorlage ungenutzt zu lassen, um den politischen Verhandlungspartner in diplomatische Zwangshaft zu nehmen, wäre aus Sicht des Fußballers Erdoğan[4] taktisch töricht. Wobei die Türkei hierbei, wie Vize-Ministerpräsident Kurtulmus meint betonen zu müssen, „absolut keinen politischen Druck“ auf Deutschland ausüben will. Dies soll man glauben, nachdem die Türkei wegen eines saloppen Satireliedes den deutschen Botschafter schon glaubte zweimal einbestellen zu müssen.

Angesichts solchen, politischen Blütentreibens scheint das Gebot der Stunde: Wer morgen nicht mundtot sein will, muss heute Wortmeldung machen. In diesem Punkt – und im Zweifelsfall nur diesem Einen – sollten wir uns solidarisch mit Mathias Döpfner machen. Und  in allen Punkten mit Jan Böhmermann.

Von Sebastian Knüll (Zusendung an DAS ROTE HEFT und hier von mir veröffentlicht, W.K. Nordenham)

Quellen:

[1] http://www.freenet.de/unterhaltung/promis/hakenkreuz-und-hitler-baertchen-tuerkische-zeitung-greift-merkel-an_841652_4729180.html

[2] http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/boulevard_nt/
article136067088/Michel-Houellebecqs-Spiel-mit-der-Angst.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/tuerkei-boehmermann-107.html

[4] http://www.rp-online.de/sport/fussball/international/recep-tayyip-erdogan-erzielt-hattrick-auf-dem-fussballplatz-aid-1.4412645

 


Nahost: Einäugig hilft nie. Von W.K. Nordenham

09. März 2016 | Kategorie: Artikel, Notizen zur Zeit

Tägliche Morde und Gewalt in Israel und im Nahen Osten, einfach nur fürchterlich. Es reicht mir, und die Lügen reichen mir auch. Wer führt hier den Krieg?  Ich war zu Beginn der Unruhen, besser des Messerstecherterrors in Israel, ein nichtjüdischer Tourist.  Woher diese Gewalt? Das kann man leicht erfahren, wenn man will. Zum islamischen Opferfest im Oktober sperrte Israel den Tempelberg vier Tage lang für Juden, damit die Muslime dort ruhig feiern konnten. Dies in Übereinstimmung mit der seit 1967 federführenden muslimischen Verwaltung des Tempelberges. Am letzten Abend des Festes erlebte ich an der kilometerlangen Standpromenade in Tel Aviv ein wunderbares, buntes arabisch-israelisches Treiben.  Danach erlaubte sich dasselbe Israel wegen des direkt folgenden jüdischen Laubhüttenfestes, den Tempelberg vier Tage für Moslems zu sperren, damit ggf. einige Juden gefahrlos den Ort des alten Tempels besuchen könnten. Mehr war da nicht. Das überforderte die palästinensische Toleranz komplett. Reflexartig rief Abbas im besten „Stürmer“-Jargon aus, dass „Juden mit ihren dreckigen Füßen den Tempelberg nicht betreten“ dürften. Das führte bis heute zu vielen unschuldigen Opfern unzähliger Messerattacken, die nur von Palästinensern ausgehen, verblendeten jungen Menschen, die oft selbst einen sinnlosen Tod erleiden. Es wird noch nachgeschoben von Palästinenserseite als Begründung für die Welt und die Zweifelnden, Israel wolle am  Status des Tempelbergs etwas ändern.  Was für eine Deppenbehauptung!  Das kann man nur dem Westen erzählen. Der Dümmste in Israel  weiß, dass dies einen Weltkonflikt mit den Muslimen auslösen würde. Ein paar Tage danach habe ich auch an der Nordgrenze zu Syrien gestanden und die Artillerie Assads und die Maschinenkanonen der ISIS gehört. Das klärt den Geist nachhaltig – Bruderkrieg, Bürgerkrieg. Natürlich sollte Israel sich aus der sog. Westbank davonmachen, im eigenen Interesse, notfalls ohne jeden Vertrag und nur sichern, dass dort nicht gegen sie aufgerüstet würde. Das wäre schon gegen die Ultraorthodoxen im eigenen Lager schwer, die sich an palästinensischer Intoleranz messen lassen können. Zudem hat keine Konzession Israels, angefangen von Räumung des Südlibanon bis Gaza, feindliche Aktionen der Gegenseite auch nur vermindert. Aber was geschähe mit den jüdischen Siedlern im Westjordanland? Mord oder mindestens Vertreibung wie 1948? Denn damals verloren eben nicht nur über 700 000 Araber ihre Heimat bzw. die meisten flohen freiwillig auf den Rat der arabischen Kriegsstaaten hin, sondern es wurden in der Folge dieses ersten Krieges der Araber gegen Israel auch über 700 000 Juden aus den arabischen Ländern und der sog. Westbank vertrieben. Das wird gern unterschlagen. Da gab es also Gräueltaten auf beiden Seiten wie immer im Krieg. Eigentlich müsste doch es auch den Juden erlaubt sein mit all ihrem Nachwuchs nach Arabien zurückzukehren in ihre Häuser und Ländereien im Gegenzug zu der gewünschten Rückkehr der palästinensischen Araber im Sinn  einer Gleichheit, wenn jene denn aus Israel raus wollten.  Aber  die Tatsachen der Geschichte kann man nicht nach gusto zurückdrehen, weder in Europa, noch in Afrika oder Nahost. Das nennt man wohl Realität. Das gilt für Israel wie für die pälästinensischen Araber.

Und Gleichheit? Schon heute kann kaum ein Jude in arabischen Ländern sicher leben, und selbst die heimische Bevölkerung lebt nicht mehr sicher dort. In Israels pluralistischer Vielvölker- Gesellschaft gibt es 1,7 Millionen palästinensische Araber. Dreizehn davon sitzen frei gewählt im israelischen Parlament. Zusammenleben geht offenbar, aber nur dort. In Palästinensergebiet wartet diese Toleranz nicht, auf niemand. Und mit wem sollte Israel verhandeln? Mit dem machtlosen Abbas, der soeben noch den Mörder eines amerikanischen Touristen als Märtyrer feierte und der Fatah? Mit der diktatorisch-fundamentalistischen Hamas, die alle Israelis nur erledigen will?  Und wenn Israel aus der sogenannten Westbank ganz verschwände, hörte der Terror für Israel auf?  Nein, er käme nur noch näher. Frieden aktuell ist eine westliche Illusion. Man muss sich nur anschauen, wie die Araber schon mit einander umgehen. Tag für Tag Morde an der eigenen Bevölkerung. Was täten sie erst mit Juden, wenn sie könnten? Was mich besonders aufregt? Eine eigentlich überwundene mittelalterlich lügenhafte Geschichte über das Judentum wurde in ihrer absurden Widerlichkeit in Arabien tatsächlich als Film produziert:  Das Blut eines vermutlich christlichen Kindes wird von einem Rabbi zu Pessach für das Fastenbrot genommen. Das haben nicht mal die Nazis fertig gebracht. Allerdings Hass, Mord, Lüge für die eigene Sache, sog. Opfertod, Fanatismus werden zu Tugenden stilisiert, wie es weiland auch nur die Nazis fertig brachten. Das Ergebnis waren 55 Millionen Tote. Überhaupt fällt die Ähnlichkeit fundamentalistischer Islam- Ideologie mit dem Hitlerismus auf. Hass hat jedoch noch nie in der Geschichte zu etwas Gutem geführt. Die ganz frühen Texte des Koran haben das noch gewusst. Dann kommt mit der Macht oder soll ich sagen, dem Größenwahn der Hass auf die sog. Ungläubigen. Die revanchierten sich in Mord-Kreuzzügen und führten dabei die christliche Barmherzigkeit im Banner. Auch schon das alte Testament spricht  Gott diese Eigenschaft zu. Die Barmherzigkeit Allahs wird am Anfang eines jeden Koranverses besungen. Wo ist sie, diese Barmherzigkeit in der Welt  und vor allem im Nahen Osten?  Solange man Toleranz, Pluralismus und Demokratie für ein Übel hält, kann sich dort  nichts zum Guten ändern. Das verursacht  die Hoffnungslosigkeit der ganzen Region. Dagegen das aufstrebende Israel : absolut 21. Jahrhundert , einzige echte Demokratie, wo mal nichts war, mit eben 1,7 Millionen freien Arabern, die dort mehr Rechte haben als in jedem anderen arabischen Land. Und das hat nicht Amerika oder gar Deutschland bezahlt, wie mir mal ein ganz heller Kopf glaubte  stecken zu müssen. Über 30 Milliarden bekam übrigens die Palästinenserbehörde seit 1991. Wo ist das alles geblieben? In Gaza versickerte wohl das Meiste in den unzähligen Tunnelsystemen, statt zu den Menschen zu kommen.

Wohlgemerkt, ich bin nach wie vor für einen kompletten Rückzug Israels aus der sog. Westbank und einen Palästinenserstaat, weil das nicht funktionieren wird mit Samaria und Judäa, selbst wenn die Palästinenser in einem gemeinsamen, dann demokratischen Staat mit Israel politisch und vor allem wirtschaftlich ungleich besser aufgehoben wären. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte von Abbas vor einem Jahr bei einem Besuch in den USA die Anerkennung Israels als jüdischer Staat verlangt. Von palästinensischer Seite wurde dies unter dem Beifall des PLO Revolutionsrates umgehend zurückgewiesen. Der arabische Hass sitzt viel zu tief, unmöglich. Und Dauerbesetzung  geht auch nicht. Aber  wer käme, wenn Israel ginge? Nur die bekannten und erprobten Friedensstifter Hamas, Fatah, Hisbollah, IS und die ausgewiesen friedliebenden Unterstützer aus  Iran, Syrien, Libanon, Katar, Saudi-Arabien usw. . Vielleicht fällt Ägypten und Lybien dann auch noch was ein, damit von eigenen Problemen abgelenkt wird, und wir sind wieder bei 1967, als Israels Existenz beim dritten arabischen Angriffskrieg unmittelbar auf dem Spiel stand und Europa sich wie gewohnt fein raushielt. Warum sind EU, westliche Politiker und viele Intellektuelle so blind gegen die palästinensische Gewalt und sehen nur die Reaktionen Israels? Wann tat Amerika in den letzten 20 Jahren im Nahen Osten einmal etwas Vernünftiges, ganz zu schweigen von der Außenpolitik EU? Mit wessen Waffen kämpft ISIS? Außer Chaos hat Amerika nichts bewirkt. Dabei ist die Lage klar. Im Augenblick bleibt für Israel nur der Status quo. Ein Status Quo, der Gespräche miteinander erlaubte und der die palästinensischen Araber paradoxerweise schon jetzt vor IS schützt. An Israel wagen die sich nicht ran. Deshalb: man muss sprechen – ohne Vorbedingungen. Nichts geht dabei schnell.  Und noch ein Satz zur Fluchtbewegung nach Europa: Anfang 2014 sagte der bekannte Nahostexperte Dr. Dan Shiftan, die Lage in Nahost sei absolut hoffnungslos, das gäben kluge Araber auch zu und wenn Europa den Fehler machte, die Arme ausbreitete und alle Araber einladen würde, so bliebe keiner dort – außer denen in Israel. Auch das hätte Frau Merkel wissen können. Realismus ist gefragt, kein Wunsch- oder Gefühlsdenken.

W. K. Nordenham


Die Welt der Plakate. Von Karl Kraus

10. Februar 2016 | Kategorie: Artikel, Aus "Die Fackel", Werbung

Die Welt der Plakate sieht  sich heutzutags  überkotzt mit Werbung auf allen Kanälen. Selbst der einst ruhigste Ort ist nicht mehr sicher vor unnatürlichem Getöse. Es hilft nur die Flucht. Aber wohinsich wenden? Da drängt sich dann zuverlässig eine Last -minute- Empfehlung  zu einem Spottpreis ins Bild, die im Namen den Spott über den Konsumo debilis gleich kostenfrei mitliefert. Alles nicht neu, nur immer blöder werdend, eben dem Publikum angepasst.    W. K. Nordenham

Die Fackel Doppel-Nummer Nr. 283—284 26. Juni 1909 XI. Jahr   S. 19- 25

Die Welt der Plakate

(aus dem simplicissimus)

Von Karl Kraus

Schon als Kind war ich weniger darauf erpicht, das Leben aus den großen Werken der Kunst zu empfangen, als aus den kleinen Tatsachen des Lebens es zu ergänzen. Unbewusst ging ich den rechten Weg ins Leben, indem ich es mit jedem Schritt eroberte, anstatt es als eine Überlieferung an mich zu nehmen, mit der der junge Sinn nichts zu beginnen weiß. Die Erwachsenen, die noch immer eine kindische Freude daran haben, den vor der Tür des Lebens Wartenden den Christbaum mit den Geschenken einer fertigen Bildung zu behängen, wissen nicht, wie unempfänglich sie die Kinder für alles das machen, was die wahre Überraschung des Lebens bedeutet. Meine Neugierde war immer stärker als solche Befriedigung. Instinktiv wich ich der Verlockung aus, in mich aufzunehmen, was weisere Leute gedacht hatten, und während meine Kameraden schlechte Sittennoten bekamen, weil sie unter der Bank Bücher lasen, war ich ein Musterschüler, weil ich auf jedes Wort der Lehrer passte, um ihre Lächerlichkeiten zu beobachten. Ich war früh darauf aus, vom Menschen Aufschluss über den Menschen zu verlangen, und ich ließ eigentlich nur eine Form künstlerischer Mitteilung gelten, die mir das Wissenswerte unaufdringlich an den Mann zu bringen schien: das Plakat. Ein sentimentaler Gassenhauer, den am Sommersonntag ein Leierkasten vor unserem Landhaus spielte, hatte Macht über mein Gemüt; ich ließ ab, Fliegen zu fangen, und die Mysterien der Liebe gingen mir auf. Andere, die sich rühmen, dass der Tristan eine ähnliche Wirkung auf sie geübt habe, fangen noch heute Fliegen. Ich war stets anspruchslos, wenn es die Wahl der äußeren Eindrücke galt, um zu inneren Erlebnissen zu gelangen, und ich verschmähte jene starken Reizmittel, welche die schwachen Seelen brauchen, um eine trügerische Wirkung mit vermehrtem Schaden zu erkaufen. Kurzum, die vielen Bibliotheken und Museen, an denen ich im Leben vorübergekommen bin, werden sich am Ende über meine Aufdringlichkeit nicht zu beklagen haben. Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genusssucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel bestätigt zu sehen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!

Es sind wertvolle Aufschlüsse, die ich den Affichen jener Zeit zu danken habe, da die ersten Versuche gemacht wurden, das geistige Leben ausschließlich auf die Bezugsquellen des äußeren Lebens zu lenken. Denn immer deutlicher wurde das Bestreben, dem Betrachter, dessen Denken von höheren Interessen abgelenkt war, einen vollgültigen Ersatz in den Plakaten selbst zu bieten. Die geistigen Werte, von denen er scheinbar entwöhnt wurde, sollte er eben dort wiederfinden, wo er sie am wenigsten vermutete, und umso größer musste seine Überraschung sein, die Schuhwichse, deren Beachtung er eben noch Kunst und Literatur geopfert hatte, just in Verbindung mit diesen unentbehrlichen Lebensgütern anzutreffen. Als ob man einen lieben Bekannten, von dem man sich in Europa verabschiedet hat, in Amerika wiedersähe: man kann sich vor Staunen nicht fassen und bleibt umso lieber, weil die unverhoffte Gesellschaft zur Empfehlung der Gegend beiträgt. Bis dahin war also die Erkenntnis von der Zweckdienlichkeit und Billigkeit eines Hosenstreckers eine Angelegenheit, die mit der Malerei, mit der Spruchweisheit, mit dem Gefühlsleben nichts zu schaffen hatte. Wenn wir aber den Hosenstrecker in der Verpackung künstlerischer oder geistiger Werte erhalten, warum sollten wirs nicht zufrieden sein? Warum sollten wir zwei Wege machen, wenn die Seligkeit auf einem zu erreichen ist? Warum sollten wir für kulturelle Ideale zahlen, die als Emballage für einen Hosenstrecker nicht einen Pfennig kosten! Aber mag immerhin bei der Monopolisierung der Lebensgüter durch den Kaufmann die bildende Kunst noch da und dort die Freiheit behaupten, selbst Ware zu sein, anstatt der Ware zu dienen. Dass das Wort des Schriftstellers seine Berechtigung außerhalb der industriellen Reklame verlieren wird, scheint gewiss. Nicht als ob das geistige Leben eine Verdrängung durch die merkantilen Interessen zu befürchten hätte; aber es wird aus seiner brotlosen Beschaulichkeit zu einem sozialen Beruf geführt werden, und manche artistische Begabung, die im Nebel undankbarer Probleme erstickt wäre, wird leben, um der Überzeugung zu dienen, dass »für die Ewigkeit« bloß ein Essbesteck geschaffen sei und noch dazu staunend billig zu haben.

Als man anfing, das geistige Leben in die Welt der Plakate zu verbannen, habe ich vor Planken und Annoncentafeln kaum eine Lernstunde versäumt. Und lange ehe ich das Wesen des Plakats als die Empfehlung einer Ware erkannte, empfand ich es als eine Warnung vor dem Leben. Ich wusste bald um den Stand des Geistes Bescheid. Mit der Offenbarungskraft eines Erlebnisses wirkte es auf mich, als ich einmal in einem Schaufenster die Darstellung zweier Männer sah, deren einer sich mit seiner Kravatte plagte, während der andere triumphierend danebenstehend, auf ein fertiges Werk zeigte und schadenfroh ausrief: »Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? Kaufen Sie sich Pollitzers Kragenhalter, der hält Ihnen Kragen und Kravatte fest!« Dass die Menschheit einen Anschauungsunterricht in diesem Punkte nötig habe, bedachte ich nicht. Ich nahm vielmehr an, dass es eine realistische Darstellung sei, dass in der guten Gesellschaft täglich solche Dialoge geführt werden und dass es viele Menschen geben müsse, deren Zentrum jenes Problem ist und deren Leben bloß einen Vorwand bedeutet, um den endlichen Zusammenschluss von Kragen und Kravatte zu erreichen. Und plötzlich sah ich es auf der Straße von solchen Leuten wimmeln, überall sah ich diese Gesichter, den verdrossenen Kämpfer und den fröhlichen Sieger des Lebens, ich lernte den Choleriker vom Sanguiniker unterscheiden, wiewohl beide einen aufgewichsten Schnurrbart und Schnabelschuhe hatten. Den ersten, entscheidenden Eindruck von einer Menschheit also, die in ihrer überwiegenden Majorität aus Ladenschwengeln besteht, empfing ich von jenem Bilde, und mit einemmale war ich es, vor dem sie sich alle zu der Frage einigten: Aber lieber Freund, warum ärgern Sie sich so? …

Dies trieb mich wieder zu den Plakaten, die mir den Schreckensgehalt des Lebens wenigstens im Extrakt darboten. Gern stellte ich mir vor, dass alle Geistigkeit übernommen sei, dass alles, was die Literatur an Zitaten, die Sprache an Sprüchen, das Herz an Empfindungen bietet, nur mehr dort verwendet werde und dass das Leben außerhalb der Annoncen ein leerer Schein sei und höchstens eine wirksame Reklame für den Tod. Eines Tages brach die Sintflut des Merkantilismus über die Menschheit herein, Gevatter Schneider und Handschuhmacher gebärdeten sich als die Vollstrecker eines göttlichen Willens, und es entstand die Mode, die Köpfe dieser Leute an den Straßenecken zu konterfeien. Da verfolgte mich durch all die Jahre ein Gesicht, in dessen Zügen ich mindestens den Stolz auf eine gewonnene Schlacht zu lesen vermeinte. Ich wurde älter, aber das Gesicht bekam keine Runzeln und ich wusste, dass es mich überleben und dem Jahrhundert das Gepräge geben wird. Einst war es ja die Physiognomie Napoleons, die auf die schwangeren Frauen der Zeit so nachhaltig wirkte, dass noch das Gesicht der Urenkel sie der ehelichen Untreue verdächtigt hat. Das Antlitz, das heute einen ähnlichen Eindruck in den Seelen der zeitgenössischen Welt hinterlässt, gehört einem Uhrmacher. Weil er sich rühmt, dass seine Uhren die besten seien, hat er auch den Mut der Persönlichkeit; er gibt seinen Kopf zum Pfand und seinen treuen Blick als Garantieschein … Wo tue ich das Gesicht nur hin? fragte sich manch einer, sann und kam nicht darauf. Er war einem Mann begegnet, hatte ihn wie einen alten Bekannten gegrüßt, und wusste doch nicht, wer es gewesen sei. An der nächsten Straßenecke aber grüßte ihn ein Plakat zurück. Ein Gastwirt war’s oder ein Hutmacher oder der uns allen liebgewordene Schmierölerzeuger, von dem wir nur nicht vermutet hätten, dass er uns leibhaftig begegnen könnte, weil ja auch Beethoven nicht von seinem Sockel steigt. Gibt’s denn ein Leben außerhalb der Plakate? Wenn uns die Eisenbahn aus der Stadt  holt, so sehen wir freilich eine grüne Wiese — aber die grüne Wiese ist nur ein Anschlag, den der Schmierölerzeuger im Bunde mit der Natur ausgeführt hat, um uns auch dort seine Aufwartung zu machen.

Kein Entrinnen! So wollen wir die Augen schließen und in das Paradies der Träume flüchten … Aber wir haben selbst hier die Rechnung ohne den Gastwirt gemacht, der gerade das Traumleben für eine passende Gelegenheit hält, sein Gesicht in unsere Nähe zu bringen. Fürchterliches wird offenbar. Der Merkantilismus hat es gewagt, noch die Schwelle unseres Bewusstseins als Planke zu benutzen! Die Welt des Tages bot nicht Raum genug, und so ist die grausige Möglichkeit, deren bloße Ahnung einem die Kehle zuschnürt, betreten worden: man hat als jene hypnagogischen Gestalten, die im Halbschlaf unser Lager umstehen, Reklamegesichter verwendet! Und da es auch hypnagogische Geräusche gibt, Gehörshalluzinationen, denen der schlaftrunkene Sinn leicht geneigt ist, so hat man dazu — ein Schauder erfasst mich — alle jene Devisen und Rufe bestimmt, die unser Bewusstsein bei Tage erfüllen. Welch eine Mahnung! Wir liegen da und büßen für Makbeths Schuld. Es erscheinen der Reihe nach die Könige des Lebens: der Knopfkönig, der Seifenkönig, der Manufakturkönig, der Getreidekönig, der Ansichtskartenkönig, der Teppichkönig, der Kognakkönig, und als letzter der Gummikönig. Seine Augen mahnen uns an unsere Sünden, aber seine Züge sprechen für die Unzerreißbarkeit menschlichen Vertrauens. Und doch, und doch! … Ein buschiges Haupt taucht auf und stöhnt: »Ich war kahl!« Und wieder: Hier sind noch Gesichtspickeln, dort sind sie nach dem Gebrauch verschwunden. Ach, ein andres Antlitz, eh’ sie geschehen, ein anderes zeigt die vollbrachte Tat … Ein »heller Kopf« erscheint. Es ist jener, der nur Dr. Oetkers Backpulver verwendet. »Wo isst und trinkt man gut?« summt’s in der Luft und schon öffnet sich ein Maul, um ein Gullasch zu verschlingen, und schon zeigt eines, wie man Bier trinkt. Vor mir steht der »Wolf aus Gersthof« und heult mir das Wiegenlied: Drahn ma um und drahn ma auf, es liegt nix dran … Wer kommt denn dort herein? Wilhelm Tell mit seinem Sohne? »Ich soll vom Haupte meines Kindes …« Da schwankte er, aber zur Schutzmarke einer Schokoladefirma gibt er sich her! … Seht, seht, wer bricht sich Bahn? Ein Weib, dessen Haar länger ist als sie selbst, ein Weib also, das Grund hat, seine Persönlichkeit zu betonen; sie ruft: Ich, Anna … Aber ihre Rede verhallt im Gerassel eines Wagens, dessen Lenker mir zuruft: »Sie fahren gut — wenn Sie Feigenkaffee …« »Entfernung ist kein Hindernis!«, unterbricht ihn ein Weltweiser, der der Welt von Herrschaften abgelegte Kleider gönnt. Und nun ist das Chaos der Maximen entfesselt: »Verlangen Sie überall … Schönheit ist Reichtum, Schönheit ist Macht … Verblüffend rasch heilt … Das Entzücken der Frau ist … Fort mit den Hosenträgern! .. Geben Sie eine Krone … Wer probt, der lobt … Überzeugen Sie sich … Haben Sie schon Kinderwäsche? … Jeder Firmling wünscht … Weltberühmte prämiierte Olmützer Quargel … Das ist’s, was Sie brauchen … Ihr Magen verdaut schlecht … Wollen Sie stark und gesund werden? …Reizend schön wird jede Dame … So sehe ich in einem meiner Korsetts mit rationeller Front aus, ohne dasselbe zu fühlen … Das Geheimnis des Erfolges … So sicher wie 2 × 1 = 2 …Ein wahrer Schatz … Der weiße Rabe spricht …. Rasiere dich im Dunkeln! … Wenn eine Mutter nicht in der Lage ist …Gratis 10.000 Kronen … Wanzen und Insekten jeder Art … Musik erfreut des Menschen Herz …« Ja, sie will mir den Schlaf bringen und lockt zu erotischem Traum. Es erklingt das Lied: «Ich liebe die Eine, die Feine, die Kleine … Aber ich bin genarrt, denn es handelt sich bloß um eine Pastille. Was tanzt dort in der Luft? »Ich bin ein Gummihandschuh! Kennen Sie mich noch nicht, gnädige Frau?« Romulus und Remus erscheinen unter einem Regenschirm. Wie? Ist die Gründung Roms wegen ungünstiger Witterung abgesagt? »Ein Verbrechen!« brüllt es — begeht jeder, der nicht … Ich habe Fieber. Aber schon stehen ein Hofrat und fünf Ärzte an meinem Lager, die eidlich begutachten … »Männerschwäche!« murmelt einer von ihnen verächtlich. «Ein Griff, ein Bett!« antwortet es verständnisinnig. »Trinken Sie Sodawasser …« rät ein Unberufener. »Das ist der gute Krondorfer, der fehlt nie auf unserem Tische!« entgegnet es … »Trinken Sie Geßlers Altvater!« höre ich und spüre, wie ein Bart mich kitzelt. »Kauen Sie schon Ricci?« fragt ein Kobold. »Wie werde ich energisch?« wimmert einer, dem in diesem Zimmer selbst angst und bang wird. Und ein Alp, der mir auf der Brust kauert, glotzt mich an und hat nur den einen Wunsch: »Wenn ich Sie persönlich sprechen könnte!« … Hilfe, Hilfe! Ach, wer ruft dort um Hilfe? Wer rennt mit dem Kopf durch die Wand? Rauft sich das Haar? Verzweifelt und frohlockt wieder, jubelt und klagt, springt herum und bearbeitet das Fenster mit den Fäusten? Oh, es ist einer, der unglücklich ist, weil man ihn seine Kleider nicht beim Gerstl einkaufen lässt, und der schließlich doch seinen Willen durchsetzt. »Ich bring mich um —!« droht er, wenn man ihn hält; »Wa — —s? ists möglich!!!« ruft er, weil er die Preise zu billig findet; »Freiheit der Wahl!« brüllt er und bringt damit auch die Demokratie auf seine Seite, wiewohl es sich sofort herausstellt, dass er nur die Wahl der Stoffe meint. Und nun tobt alles durcheinander, ich unterscheide die Branchen nicht mehr, hundert Fratzen tauchen auf, hundert Rufe werden laut. Ichverstehe nur noch Ratschläge wie: Koche mit Gas! Wasche mit Luft! Bade zuhause! … Und da das Leben in solcher Fülle mein Schmerzenslager umbrandet und alle Bequemlichkeiten, alle automatischen Wonnen bietet, deren man um diese Stunde nur habhaft werden kann, so merkt ein Waffenhändler, dass ich mich nicht mehr auskenne, und übertönt den Lärm mit der Reklame:
Morde dich selbst!


Das Kind. Von Karl Hauer (aus „Die Fackel“ 1907)

01. Februar 2016 | Kategorie: Artikel

Trotz einzelner zeitbedingter Veränderungen ist die Beschreibung Karl Hauers im Wesentlichen immer noch hochaktuell- traurigerweise.    W.K. Nordenham

 

Die Fackel Nr. 227-228 10. Juni 1907 X.Jahr S. 10 – 20

Das Kind.

Dieselbe Gesellschaft, welche die »Prostitution« (der ganze Moralwahnsinn stinkt aus diesem Wort) abschaffen will, aber dafür jede Krüppelehe gutheißt und die Mädchen den männlichen Berufen zutreibt, welche die Frauen infolge der ärztlichen Schweigepflicht der Ansteckung preisgibt und dafür den Fötus schützt, welche  ihre  sechsjährigen  Kinder  dem  Katecheten, die Auslese   ihrer   Knaben   dem   Gymnasium  und  die  Auslese   ihrer   Jungfrauen deflorationswütigen Sadisten ausliefert, — diese selbe saubere Gesellschaft knallprotzt jetzt auf einmal mit einem angeblichen besonderen Verständnis, das sie dem Problem des Kindes entgegenbringt, und mit einer angeblichen besonderen Fürsorge, die sie dem Kinde angedeihen lässt. Diese Gesellschaft hat das Schlagwort vom »Zeitalter des Kindes« erfunden, hat aber vom Wesen des Kindes eine verkehrtere Vorstellung und behandelt ihre Kinder schlechter und unsinniger als jede frühere Gesellschaft. Während gehirnweiche pädagogische Theoretikaster, Literaturweiber im kanonischen Alter, die ihre Mütterlichkeitsinstinkte zu spät entdeckt haben, und hochstapelnde Talmipsychologen das große Wort führen, während jeder Snob seinen herostratischen Wahnsinn und jeder spekulative Streber seinen Ehrgeiz und seine Gewinnsucht auf Kosten der wehrlosen Kinder befriedigt, wird ein Dichter oder Denker, der einmal über das Kind ein unbefangenes Wort zu sagen wagt, das der mütterlich-idiotischen Vorstellung unserer Gesellschaft vom Kind als unschuldsvollem Engel nicht entspricht — wie etwa Wedekind in »Frühlingserwachen« oder Freud in den »Abhandlungen zur Sexualtheorie« — vom ausschlaggebenden Bildungspöbel als Zyniker oder verstiegener Ketzer gebrandmarkt. Insbesondere die Erotik will man beim Kinde nicht gelten lassen, und wenn man trotz aller absichtlichen Blindheit endlich in einem konkreten Falle doch die Existenz einer kindlichen Erotik zugeben muss, so schreit man entsetzt von Entartung und Verführung oder ruft fassungslos: »Es gibt keine Kinder mehr!« Es scheint daher notwendig,nicht nur daran zu erinnern, dass das Kind auch vor der Pubertät bereits ein ausgeprägtes und überaus mannigfaltiges erotisches Triebleben führt (* Vergl. hierüber Prof. Dr. Sigm. Freud: »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, F. Deuticke, Leipzig und Wien 1905.) , sondern auch festzustellen, dass die Lieblingsvorstellung der modernen Gesellschaft vom unerotischen Kind-Engel nur das Produkt eines diese Gesellschaft beherrschenden erotischen Triebes ist. In Wirklichkeit wird nämlich nicht etwa dem Kinde selbst eine überragende Bedeutung in unseren sozialen und kulturellen Bestrebungen eingeräumt, sondern lediglich der konventionellen Vorstellung vom Kinde. Man betont heute die Wichtigkeit erzieherischer und pädagogischer Probleme nicht aus sozialem Ernst oder aus Interesse an Kinderpsychologie und Pädagogik, sondern weil die Illusionen, denen das Gros der Gesellschaft seine sublimsten erotischen Erregungen verdankt, innig mit seiner Vorstellung vom Kinde verquickt sind. Es besteht nämlich heute ein anscheinend sehr dringendes Bedürfnis nach einer durchaus künstlichen Naivität, nach einer extrem unnatürlichen »Natürlichkeit« und »Unschuld«, um dieser Qualitäten entweder teilhaftig zu werden oder sie zu zerstören. Der Mann von heute ist in seiner Mehrzahl entweder ein Feminist, d. h. ein Masochist, der seine Männlichkeit, seine Besonnenheit, seine Verantwortlichkeit los werden will, der im Weibe als in der »Natur« (einer rein illusionistischen »Natur«, die er sich nach seinem speziellen Bedürfnis gut oder böse, sanft oder grausam, himmlisch oder dämonisch vorstellen kann) untertauchen will, — oder er ist ein Nihilist, der alles zerstören will, was er nicht besitzen kann, ein Sadist, der grausam sein muss, weil er leidet, ein Deflorateur, der die »Unschuld« besudeln will, weil er an diese »Unschuld« glaubt und sie nicht hat, und der an die »Unschuld« glaubt, weil er in diese Illusion verliebt ist. Und in sehr vielen Fällen ist der Mann beides zugleich: ein Masochist, der sich nach einer »Herrin« sehnt, die ihn schulmeistert und bei der er selbst zum »Kinde« werden kann, und ein Sadist, der einen jungfräulichen Kind-Engel sucht, um ihm die »Unschuld« abzuzapfen. Aber nichts hat mit der wirklichen Natürlichkeit des Weibes weniger zu tun als die Vorstellung solcher verstiegenen Erotik vom »Weib als Natur«. Die Natürlichkeit des Weibes — das beste Besitztum unserer armseligen »Kultur« — wird gerade durch den femininen Weibskultus zerstört. Das Ziel einer wahren Kultur wird immer die schroffste Differenzierung von Mann und Weib sein. Die Differenzierung und die unbedingte Suprematie des Mannes ist der wirksamste Schutz der Natürlichkeit und harmonischen Gesundheit des Weibes. Die Anähnlichung und Vermischung der Geschlechtscharaktere — die heute auch auf dem Umwege eines allgemeinen und grundverkehrten Kindeskults herbeigeführt wird — ist der Weg zur schlimmsten Unkultur, zur Verweiblichung des Mannes und zur Vermännlichung des Weibes. Der Mann wird dabei zum Idioten und das Weib zur Hysterikerin. Die Vorstellung vom Kinde — in welchem man eben vor allem die Unschuld und Engel- oder Lammhaftigkeit entdeckt zu haben glaubt — bestimmt aber heute zum größten Teil Richtung, Form und Inhalt der männlichen Erotik, es gibt also neben der kindlichen Erotik auch eine kindische Erotik der — Erwachsenen. Die Frauen passen sich natürlich dem männlichen Bedürfnis an und sind entweder »Engel«, wenn sie das Geschäft mit der Unschuld noch vor sich haben, oder »Herrinnen«, wenn sie mit der Unschuld kein Geschäft mehr machen können: aut virgo — aut virago … Ein Psycholog der Kleidung wird dies nach tausend Jahren noch aus unseren Mädchen- und Frauentrachten erraten können. Die Idee der kindischen Kindlichkeit ist sowohl für die Erziehung wie für die Selbst-Formung des Weibes maßgebend geworden. Unsere Mädchen (man kann dies meines Erachtens nicht oft genug wiederholen) werden anstatt zu Weibern zu erwachsenen Kindern, zu künstlichen Engeln erzogen, weil die Kindlichkeit — das Babyhafte in Kleidung, Haltung, Ausdruck und Sprechweise — die unwiderstehlichste Anziehungskraft auf den Mann von heute verbürgt, dessen sadistischer Passion sie entgegenkommt. Später verwandelt sich dann das Baby in eine »Wanda« — die traurigste und modernste Metamorphose von Semiramis und Kleopatra — und mimt entweder im Pelzmantel die königliche Würde oder posiert die kokett-arrogante »Erzieherin«, adaptiert für ihre Toilette männliche Kleidungsstücke und lässt die großen Kindlein zu sich kommen. Denn nunmehr verleiht ihr dies die sicherste Wirkung auf den Mann, dessen masochistischer Passion es entgegenkommt….

Auch die übertriebene Kinderliebe der Eltern, das unnatürliche Verliebtsein der Eltern in ihre Kinder, das Herausputzen und Stilisieren der Kinder zu lebenden Puppen, zum Spielzeug einer klandestinen Erotik der Erwachsenen, einem Spielzeug, dem wir jetzt Schritt für Schritt begegnen können, das Zurschaustellen dieser lebenden Puppen bei allen Festen und Empfängen, in Ausstellungen und auf Bühnen, die auffallend häufige Verwendung der puppenhaften Kinderfigur auf Plakaten, — alle diese Erscheinungen sind unzweideutige Symptome der tiefgehenden Beherrschung des modernen erotischen Empfindens durch die Idee der kindlichen Puppenunschuld. Und diese Idee ist auch in unsere Vernunftvorstellungen bereits so tief eingedrungen, dass sie sogar unserer Vorstellung vom Genie eine mütterlich-idiotische Färbung gibt, so dass wir uns den äußersten Gegensatz des wirklich Kindlichen — also etwa Goethe, den höchsten Grad von Besonnenheit und männlicher Selbstbeherrschung — mit Vorliebe als »großes und ewiges Kind« vorstellen. Napoleon empfand ihn anders. »Es ist ein Mann!« rief er aus. (Nach Nietzsche soll er sich dabei gedacht haben: — »und ich hatte nur einen Deutschen erwartet.«) Unsere Gesellschaft ist zum Weibe kondeszendiert, hat sich einen Ammeninstinkt zugelegt und degradiert alles, was es liebt, bewundert oder verehrt, zum Kinde. Unsere Vorstellung von Gut und Böse ist wieder bei Rousseau angelangt, dem Vater des modernen Feminismus und Demokratismus, bei Rousseau, dessen Genie wohl auch in der völligen Unfähigkeit bestand, Realitäten zu sehen und zu unterscheiden, der der Menschheit das verlogenste Buch über das Kind — den »Émile« — geschenkt hat. (Und der einzige berühmte Franzose ist, den Herr Nordau in sein schmalziges Herz geschlossen hat.) Unser Gut und Böse ist wieder in den Gleichungen ausgedrückt: Gut = Natur = Unschuld = Kind = Weib; Böse = Kultur = Wissen = Ernst = Mann. Die »Natur« der ersten Gleichung ist jedoch nur romantisch-sentimentale Unnatur.

Unsere Vorstellung vom Kinde ist aber auch an sich — abgesehen davon, dass sie nur eine verlarvte Form einer feministischen Erotik ist, der es an spezifisch männlicher Energie gebricht — die falscheste und verkehrteste, die jemals über das Kind verbreitet war. Das Kind ist eben nicht ein Idealgeschöpf, das den Erwachsenen vorbildlich sein könnte, sondern etwas Unfertiges, Rückständiges und in Entwicklung Begriffenes, ein Stück Natur, das glücklicherweise reeller, kräftiger und entwicklungsfähiger ist als der imaginäre »Engel« des Rousseau’schen Naturaberglaubens. Wenn im Kinde noch all das sich vorfindet, was im erwachsenen Kulturmenschen entweder unterdrückt oder derart verwandelt ist, dass der Ursprung mancher »Tugenden« aus kindlichen »Lastern« den meisten unglaubwürdig erscheint, so ist dies eine notwendige und urnatürliche Entwicklungsstufe und kann selbstverständlich nicht den Inhalt einer »Anklage« gegen das Kind bilden. Das wahre Porträt des Kindes ist nur bei einem ganz ungerechtfertigten Vergleich mit dem vollentwickelten erwachsenen Kulturmenschen unerfreulich. In Hinblick auf die Entwicklung selbst ist im Gegenteil eine recht ausgeprägte Erscheinungsform der kindlichen »Laster« wünschenswert. Jedenfalls ist das Kind in Wirklichkeit das Gegenteil eines Unschuldsengels, es ist in jeder Hinsicht »lasterhafter« als der erwachsene Dutzendmensch. In erotischer Hinsicht ist es eine Mustersammlung aller jener Triebe, die wir beim Erwachsenen »pervers« nennen: speziell die Sekretionsvorgänge und -produkte spielen in der kindlichen Erotik eine hervorragende Rolle. Sein Gefühlsleben ist hauptsächlich reaktiv und wird nur von der Furcht einigermaßen gehemmt und reguliert. Das Kind ist rachsüchtig, schadenfroh, jähzornig, neidisch, habsüchtig und feig, ein Ausbund von Verlogenheit, es wäre ein »Verbrecher«, wenn es handeln könnte. Seine intellektuelle Situation gleicht ungefähr der des Wilden. Es kennt anfänglich keinen Unterschied zwischen äußern Objekten und Ereignissen, Sinneswahrnehmungen und subjektiven — psychischen oder somatischen — Empfindungen. Es schreibt alle wahrgenommenen und empfundenen Veränderungen in und außer ihm imaginären Ursachen zu. Es lebt in einer gewissermaßen aufgelösten, nebelartigen Welt, in einer pittoresken und verworrenen Welt des blinden Zufalls, in der noch keine logisch-fassbare Gesetzmäßigkeit Geltung hat, sondern das Unerwartete, Unfassbare, Widerspruchsvolle und Wunderbare, das Absurde die Regel bildet. (Aussagen von Kindern sind daher immer und unter allen Umständen, besonders vor Gericht, mit dem größten Misstrauen aufzunehmen. Kinder lügen auch dann, wenn sie wahrhaftig sein wollen.) Eine ganz ähnliche Welt ist, nebenbei gesagt, auch die Welt des homo religiosus. Der Katechet hält also das Kind auf der kindlichen Stufe der Intellektualität fest, er verzögert oder verhindert den Eintritt der geistigen Mündigkeit. Wirkliche Typen erwachsener Kindlichkeit sind: mancher »Perverse«, der konstitutionelle Verbrecher und der Frommgläubige, der freiwillige Idiot.

Die aus dem psychischen Habitus des Kindes sich ergebenden Grenzen einer vernünftigen Erziehung sind nicht schwer zu bestimmen. Man soll das Kind zunächst sehen und unterscheiden lehren, es möglichst wenig durch unfruchtbaren, ihm fremden abstrakten Wissensstoff verwirren und verstopfen, man soll es alles möglichst von selbst lernen lassen (das wird jeder Vernünftige auch ohne Rousseau einsehen; unser Gymnasium ist eine beispiellos grausame Vergewaltigung kindlicher Gehirne), man soll es aber auch mit etwas kräftiger Hand anfassen, man soll es durch das Stadium der Kindlichkeit hindurchziehen und nicht auf eine mirakulöse Selbstentfaltung seiner guten, engelsgleichen »Natur« warten. Es soll damit keineswegs einer nutzlosen Härte und Strenge, oder gar einer Prügelerziehung das Wort geredet werden. Ich finde vielmehr den Schutz, den das Kind im »Zeitalter des Kindes« genießt, gänzlich unzureichend. Der Willkür in der Erziehung ist noch immer ein viel zu breiter Raum gewährt, während die verständige Förderung der kindlichen Entwicklung noch viel zu selten ist. Ich bin auch dafür, dass man die Natur des Kindes — so wie sie wirklich ist — sich austoben lässt. Man soll ihm vor allem nicht die Schmerzlichkeit der schlimmen eigenen Erfahrung des Lebens ersparen wollen. Die Hauptsache bei aller Erziehung aber ist ein zielbewusster lenkender Wille! Die verfehlteste Erziehung ist jene für das Kind wehleidige Weichlichkeit, jene weibisch-romantische Empfindsamkeit, die das Kind mit Kindereien langweilt, die Erziehung mit »sezessionistischen« Bilderbüchern und »künstlerischem« Spielzeug, die Erziehung mit »Liebe«, Begeisterung, Snobismus und Unverstand, welche die Kindheit mit einer Gloriole der allerdümmsten Poesie — der Kindheitspoesie — umgibt und die Kindheitsperiode künstlich verlängert, jene jetzt so eifrig propagierte, nicht in Hinsicht auf die Zukunft der Kinder, sondern mit Rücksicht auf die Verzückungen von Tantenseelen erfundene Erziehungsmethode, die nichts so sehr zu fürchten scheint als — das Mündigwerden der Kinder. Ich meine, das Kind ist eine zu wichtige und diffizile Angelegenheit, um dem Poesie- und Spielbedürfnis unbeschäftigter Schwachköpfe zu dienen. Ganz besonders widerwärtig ist die Sorte von Snobs, die heute das Kind durch die Kunst beglücken und veredeln will, was genau so geistreich ist, wie wenn man Fidschi-Insulaner mit den Bildern von Velasquez, Murillo und Tizian zivilisieren wollte. Für die ungeheure Vernunft eines von allen überflüssigen Härten gereinigten spartanischen Erziehungssystems ist heute jeder Sinn abhanden gekommen, wir haben im Gegensatz zu aller Vernunft die zwei unsinnigsten Erziehungssysteme, die es gibt — das alexandrinische und das romantisch-sentimentale —, zur Vollendung gebracht. Unsere Erziehung produziert daher nicht Männer und Frauen, sondern auf der einen Seite verbildete Berufskrüppel, auf der andern Feministen und jungfräuliche mimosae pudicae. Zwar spricht man jetzt da und dort von der Notwendigkeit einer »sexuellen Aufklärung« der Kinder. Bei der allgemeinen stupenden Unwissenheit der Erwachsenen in sexuellen Dingen dürfte aber diese »Aufklärung« eine sehr sonderbare und zweifelhafte sein. Und die sexuelle Aufklärung der Erwachsenen scheint mir vorderhand viel dringender als die der Kinder …

Die moderne und äußerst ideal erscheinende Forderung, das Interesse und Glück der Erwachsenen dem Interesse und Glück der Kinder zu opfern, ist zwar nichts als die groteske Vermummung feministischer Erotik. Nichtsdestoweniger aber ist diese Lehre der eigenartigen modernen Kinderfreunde wahrhaft gefährlich und kann nicht nachdrücklich genug zurückgewiesen werden, denn sie bedroht in gleicher Weise das Interesse und Glück der Erwachsenen sowohl als der Kinder. Im Interesse der Erwachsenen — und das Erwachsensein bedeutet doch auch die Zukunft des Kindes; die Wichtigkeit des Kindes beruht nicht in seiner Kindlichkeit, sondern darin, dass es zu einem tüchtigen Erwachsenen geformt werden soll — im Interesse der Erwachsenen also liegt es, durch die Rücksicht auf die Kinder in ihren Betätigungen und in ihrem Lebensgenusse möglichst wenig behindert zu sein. Und im Interesse der Kinder liegt es, durch stupide Herumerzieherei und verkrüppelnden Schulmechanismus in der Überwindung ihrer natürlichen kindlichen Rückständigkeit und in ihrer natürlichen Lebenslust möglichst wenig gestört zu werden. Die »Liebe« der Eltern und Tanten, die Künsteleien und der Eifer der Erzieher und Lehrer sind für das Kind nichts als eine Quelle nutzloser, seine Entwicklung verzögernder Plagen. Den Armen ist das Kind meist eine Last, sie quälen es daher oft mit ihrem Hass. Den Reichen ist das Kind gewöhnlich ein erotisches Spielzeug, sie quälen es daher mit ihrer Liebe. Dem Kind der Reichen sind nicht selten die Eltern eine Last. Man beginnt jetzt einzusehen, dass die Kinder, die von den Eltern mit Hass verfolgt werden, weil sie ihnen eine Bürde sind, von den Eltern getrennt werden müssen. Man sollte aber endlich auch einsehen, dass die Kinder, die von den Eltern mit einem Übermaß von Liebe verfolgt werden, weil diese ein erotisches Spielzeug brauchen, von den Eltern getrennt werden müssen. Man redet jetzt sehr viel von Kinderschutz und Mutterschutz. Ich glaube, Kinder und Mütter wären in vielen Fällen am besten geschützt, wenn sie getrennt würden. Die altehrwürdige Institution der Familie hat heute zwar keinen praktischen Zweck mehr, ist aber dafür der Hort aller Rückständigkeit, Verkrochenheit und Unsinnigkeit geworden. Diese sehr muffige Institution endlich aufzulassen, wäre nicht nur ein sozialer, ethischer und intellektueller Fortschritt, sondern auch die beste Lösung des Interessenkonfliktes zwischen den Kindern und Erwachsenen. Zu fordern, dass der zur Selbstbestimmung und zur höchsten Fähigkeit des Lebensgenusses Gelangte auf die Befriedigung seiner eigensten Bedürfnisse zugunsten der Unselbständigen und wenig Genussfähigen verzichte, heißt die natürliche Lustmöglichkeit des Menschen in seine unreife, für den vollen Lebensgenuss untaugliche Periode verlegen wollen, heißt auf den größten Teil der Freuden, die das Leben bietet, verzichten wollen, heißt das Leben verarmen wollen. Die Führung des Lebens ist eine Schöpfung des Mannes. Er ist das natürliche Schwergewicht im Gesellschaftsbaue. Verlegt er es — seine Mission verkennend oder vergessend — in die Natur des Weibes, die nur als Material, als bildsames Wachs seines schöpferischen Willens ihren hohen Wert gewinnt, so wird die Führung des Lebens weibisch werden; verlegt er es in einen falschen, dem Kinde selbst schädlichen Kult des Kindes, so wird die Führung des Lebens kindisch werden.

Karl Hauer.